Aus dem Schafstall ins Rathaus

Kleine Kuriositäten der Kommunalwahlen 2016 im Kreis Temesch

Mittwoch, 15. Juni 2016

„Ach was, es war doch so wie immer“, sagen manche Leute, nachdem die Lokalwahlen in den verschiedenen Kommunen des Kreises Temesch abgeschlossen, die Stimmen zweimal gezählt und die neuen Gemeindeväter für die kommenden vier Jahre ins Rathaus eingezogen sind. Werden da vom Wählervolk jedoch nicht unbedacht und voreilig Slogans der Großparteien nachgeplappert? Hat sich da wirklich seit der Wende nichts in den Köpfen, in den kleinen ländlichen Gemeinschaften geändert? Wenn man den Hergang der Wahlen und deren Ergebnisse im Detail prüft, kommt man so auf Gedanken. Eine wichtige Feststellung, belegt durch allerhand Überraschungen, ist die, dass die Großparteien – im Landkreis Temesch hatten und haben weiterhin PSD und PNL das Sagen – es trotz der Erfahrung und ihres gut instruierten Apparats bis in die kleinsten Organisationen in Gemeinden und Dörfern hinein es doch nicht überall nach Plan und wie gewohnt richten konnten. Prioritär war, die großen Vorteile der amtierenden Bürgermeister für eine Wiederwahl zu nutzen. Das gelang heuer in etlichen kleinen Ortschaften nicht mehr wie in den Vorjahren. Die der Politik schon längst überdrüssigen Dorfgemeinschaften gaben vielerorts ihre Stimmen gegen die Parteien und die Altpolitiker aller Art und für frische Kandidaten ab, die den Leuten bestens bekannt waren, aus der Gemeinschaft stammen und dieser verbunden sind. Und das ist doch ein neuer Wind in der Lokalpolitik, dem die Parteien mit ihren abgedroschenen Slogans und oftmals leeren Versprechungen scheinbar noch kein wirksames Mittel entgegensetzen können.

Wie jeder neue Trend bringt auch dieser seine kleinen Kuriositäten mit sich. In der Gemeinde Traian Vuia, im Nordosten des Kreises Temesch gelegen, 2241 Einwohner, fünf eingemeindete kleine Dörfer, zog heuer bei den Bürgermeisterwahlen mit dem arbeitslosen Lehrer Vasile Petruescu ein Kandidat ins Rathaus ein, dem vor den Wahlen keiner eine Chance eingeräumt hatte. Die Gemeinde war seit der Wende ein sicherer Hort der Sozialdemokraten gewesen. Der Gegenkandidat, der PSD-Altpolitiker Iosif Barboni, bereitete sich schon auf seine sechste Amtszeit vor. Der Neuling schaffte es jedoch als ALDE-Kandidat mit 46 Prozent der Wählerstimmen, als ehemaliger Geschichtslehrer, der seit Sommer 2015 gar arbeitslos ist. Er zählt zu den neun Lehrern vom Lyzeum „Traian Vuia“ aus Fatschet, die für den Betrug beim Abitur 2015 für schuldig befunden und vom Temescher Kreisschulamt entlassen wurden. Bekanntlich wurden genau vor einem Jahr in diesem Lyzeum 140 Prüfungskandidaten ausgeschlossen und Dutzende Lehrer bestraft. In seinem Heimatort Traian Vuia hat man jedoch allgemein eine ganz andere Meinung über diesen Landsmann. „Das ist einer, der zu uns gehört und dem man Vertrauen schenken kann“ oder „Dieser Bürgermeister wird in unserem Ort vieles zum Besseren wenden!“ So die Meinungen einiger Wähler. Ob die Leute nun wirklich mit diesem Lokalpatriotismus gut getan haben, ob sie sich nicht von ihrem neuen Mann im Rathaus neue Enttäuschungen einhandeln werden, werden die nächsten vier Jahre zeigen.

Der Kreis Temesch machte bei diesen Lokalwahlen mit einer der landesweit kleinsten Wahlbeteiligungen auf sich aufmerksam. Auch darum geriet die Gemeinde Secaş mit der außergewöhnlichen „Wahllust“ seiner Bewohner (200 Prozent der Wählerstimmen!?) in die Schlagzeilen. Diese Tatsache wurde mit der großen Zahl von Personen mit vorübergehendem Aufenthalt (viză de flotant) restlos aufgeklärt. Ins Rathaus schaffte es hier keiner der Politiker, sondern der Schafhirt Simion Pop. Die „Visitenkarte“ des Antipolitikers und Pragmatikers genügte seinen Landsleuten völlig: Ein arbeitsamer, rechtschaffener Mann, der es allen gezeigt hat. „Simi“, wie ihn seine Landsleute nennen, ist ein Zugewanderter, stammt aus einer armen Familie mit sieben Kindern aus dem Kreis Mureş. Als 15-Jähriger kam der Junge ins Banat, verdingte sich bei einem Schafhirt aus der Gemeinde, der ihm nach einigen Jahren nicht nur seine gesamte Wirtschaft überließ, sondern auch seine einzige Tochter zur Frau gab. Der neue Bürgermeister hat 10 Schulklassen absolviert, ist aber ein allgemein geachteter Mann der Gemeinde und verwaltet heute eine der größten Schafzuchtfarmen (1000 Schafe) des Kreises Temesch.

„Ich möchte gar nichts versprechen und auch nicht lügen“, sagt der frischgebackene Bürgermeister. „Ich muss erst mal die Situation in diesem Rathaus prüfen!“ Mal sehen, ob „Simi“ als Gemeindevater auch das nötige Knowhow mitbringen wird, ob er das von seinen Landsleuten in ihn gesetzte haushohe Vertrauen auch erfüllen kann. Als „Exoten“ der diesjährigen Kommunalwahlen im Banat kann man hier auch den neuen Bürgermeister der Gemeinde Moritzfeld/Măureni, Kreis Karasch-Severin, anführen. In der ehemaligen banatschwäbischen Gemeinde Moritzfeld, an der Grenze zwischen den Banater Kreisen Karasch-Severin und Temesch gelegen, schaffte es ebenfalls kein altgedienter Politiker, sondern ein ehemaliger Fußballer. Der 30-jährige Brian Filimon, vor Jahren noch Mittelfeldspieler des Temeswarer Poli-Klubs, seit ein paar Jahren jedoch ein angesehener Sportlehrer in der Gemeindeschule, hat eine große Mehrheit seiner Landsleute davon überzeugt, dass er etwas zum Besseren in dieser etwas abgelegenen Banater Gemeinde ändern können wird.

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