Aus der Terrorschule der Nazis

Morgen, vor genau 67 Jahren, wurde das Konzentrationslager Dachau befreit

Samstag, 28. April 2012

Das Konzentrationslager Dachau war als Terrorschule der SS bekannt. Die Alliierten befreiten es am 29. April 1945.

Der Pole Sylwester Kukula wurde im KZ Dachau pseudo-medizinischen Experimenten unterzogen. Er überlebte.
Fotos: die Verfasserin

„Guten Tag! Ich heiße Sylwester Kukula und war fünf Jahre in Dachau. Im KZ“. So beginnt der 89-jährige Pole die Geschichte seines Lebens. Der Greis mit schneeweißem Haar hat keinen trüben Blick, wie man ihn von alten Leuten oft kennt. Seine blauen Augen blicken neugierig zu den zehn jungen Menschen hinüber, die um ihn im Halbkreis sitzen. „Viele Deutsche wissen nicht, dass im Zweiten Weltkrieg Deutschland auch ein Gebiet von England besetzt hat – die drei Inseln im Ärmelkanal“, fügt er hinzu. Sylwester Kukula trägt einen gediegenen dunkelgrauen Anzug mit dunkelblauer Krawatte. So tritt er oft vor Schulklassen aus Deutschland und Polen auf, um über sein Schicksal zu berichten, aber auch, um den Jugendlichen Informationen zu vermitteln, die in den Geschichtsbüchern viel zu kurz kommen. Sylwester Kukula hat seine Jugendjahre in verschiedenen Lagern Nazi-Deutschlands verbracht. Und den Terror überlebt.

Für die Ex-Häftlinge des KZ Dachau ist der morgige Tag ein ganz besonderer. Am 29. April 1945 wurde das Lager von den alliierten Truppen befreit. Sylwester Kukula kennt das KZ Dachau wie seine Westentasche. Auch heute weiß er noch, wo er damals untergebracht war, wohin die Wege im Lager führten, welche Arbeit es gab, wie der Alltag verlief. Sylwester Kukula ist gebürtig aus Gorszyce Wielkie bei Ostrów Wielkopolski, 30 Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Als jüngstes Kind einer Familie mit zehn Kindern musste er schon frühzeitig in der Landwirtschaft mitarbeiten. 1939 eroberte Nazi-Deutschland einen großen Teil Polens. Die Schulen und Kirchen wurden gesperrt. „Wir dachten, dass der Krieg bald zu Ende geht, aber das war nicht so“, erinnert sich Sylwester Kukula. Im April 1940 wurde er zusammen mit anderen Schulkollegen verhaftet. Vorwand war eine angebliche Beteiligung am Anschlag auf die Gleisanlage von Ostrów. Am 26. Mai 1940 kam er ins KZ Dachau. „1700 Häftlinge von Lodz und Posen waren auf dem Gefangenentransport“, erinnert sich der alte Mann. Wohin es damals ging, wusste der damals 17-Jährige nicht. Bis heute hat er nicht erfahren können, wer den Anschlag tatsächlich verübt hatte.

Ohne Zähne im Lager

Das Konzentrationslager Dachau war das erste Lager der Schutzstaffel (SS). Errichten ließ es der Reichsführer-SS und Münchner Polizeipräsident Heinrich Himmler auf dem Gelände einer ehemaligen Munitionsfabrik östlich der Stadt. Schnell wurde es als Terrorschule der SS im ganzen Reich bekannt. Das nationalsozialistische Regime stellte es als Vorzeigelager sowie zur Abschreckung politischer Andersdenker vor. Dachau war kein Vernichtungslager, doch wurden hier viele politische Morde verübt. Von den etwa 200.000 Häftlingen starben ungefähr 41.500. 291 Personen aus dem damaligen Gebiet Rumäniens wurden in dieses KZ verschleppt, ist auf der Karte in der heutigen Gedenkstätte vermerkt.

„Ich kann mich an fast jeden einzelnen Tag im KZ erinnern“, sagt Sylwester Kukula. Georg Scherer war der erste Lagerälteste, den Kukula in Dachau kennenlernte – eine Figur, die sich in sein Gedächtnis positiv eingeprägt hat. „Er hat den jungen Polen immer Arbeit gefunden. Er hat versucht, uns zu schützen“, erinnert sich der Greis. Seine erste Arbeit war in der Kiesgrube, ungefähr einen Kilometer hinter dem Lager. Da mussten sie den Kies auf Lastautos aufladen. Geschwächt waren die Häftlinge, denn es gab nur wenig zu essen. Trotzdem mussten sie ihre Arbeit tadellos verrichten. „Einmal hat mir der Kapo alle Zähne herausgeschlagen. So war ich die ganze Zeit im Lager ohne Zähne“, sagt Sylwester Kukula und bricht in leises Lachen aus, während ihn die jungen Leute im Saal entsetzt anschauen. Die Episode mit den Zähnen war wohl harmlos im Vergleich zum sonstigen Leid, das den Häftlingen dort angetan wurde. Einmal wäre Sylwester Kukula fast erschossen worden. Er ließ sich aber vom SS-Mann nicht einschüchtern und kam davon.

Später arbeitete der ehemalige Gärtnerlehrling im Lager als Gärtner. „Das war gut für mich, denn ich habe in der Lagergärtnerei und in Ludwigsfeld unweit von Dachau gearbeitet“, berichtet Sylwester Kukula. Zwei Mal pro Monat durften die Häftlinge Briefe nach Hause schicken. Briefe, in denen sie das „schöne Leben“ im Lager schildern mussten. Es war im Jahr 1942, als die nach der Arbeit ins Lager zurückkehrenden Gefangenen von den SS-Männern durchsucht wurden. Bei Sylwester Kukula fanden sie Tabak. Ein schlechtes Zeichen. Denn während der Arbeit war es streng verboten, zu rauchen. „Ich habe dem SS-Mann ehrlich gesagt, dass ich nicht während der Arbeit geraucht habe. Aber er hat mir nicht geglaubt“, sagt Sylwester Kukula. Der Mann wollte wissen, woher der Häftling den Tabak hätte. „Ich habe den Tabak in der Kantine gekauft und ihn in der Gärtnerei gegen brauchbare Sachen wie Kleidung oder Schuhe gehandelt“, erzählte er. Wegen „illegalen Tabakbesitzes“ musste er bestraft werden. Zur Strafe wurde er zur Malaria-Station gebracht. Von März bis Mai 1942 musste er hier die schrecklichsten Experimente miterleben. „Doktor Schilling suchte ein Mittel gegen Malaria. Wir waren das Futter für die Malaria-Mücken“, sagt Sylwester Kukula mit strengem Gesicht. Die Mücken wurden drei Mal am Tag unter einer Glasglocke auf die Genitalien der Häftlinge losgelassen. Er selbst steckte sich jedoch nicht mit Malaria an. Auf einem Bild in der Ausstellung in dem Bereich, der von den pseudo-medizinischen Experimenten der Nazis berichtet, erkennt er einen Mann. „Der Mann hat auch überlebt, er lebt heute aber nicht mehr“, sagt Sylwester Kukula und zeigt auf den Menschen mit verzerrtem Gesicht. Das angebliche Ziel der in Dachau unter der Bezeichnung „Unterdruck- oder Höhenflugversuche“ laufenden Experimente war es, die Belastungen zu untersuchen, denen Piloten der Luftwaffe in großen Höhen bei Flugzeugabstürzen oder Fallschirmabsprüngen aufgrund plötzlichen Druckverlustes oder Sauerstoffmangels ausgesetzt waren. 

Gute Freunde in schweren Zeiten

Einen guten Freund hatte Sylwester Kukula im Lager: Richard. Zusammen mit ihm entkam er einmal einem Transport in das Konzentrationslager Buchenwald. Er versteckte sich, als der Transporter mit 500 Mann nach Buchenland abfuhr. „Wir sind aber nicht lange in Dachau geblieben, denn eine Woche später wurden alle 30 Mann, die sich dem Transport entzogen hatten, zum Appell aufgerufen“, erinnert sich Sylwester Kukula. Ein paar Tage später wurden alle als Strafe nach Sachsenhausen übersiedelt. Im September 1942 kam Sylwester Kukula mit mehr als eintausend Häftlingen in Sachsenhausen an. „Dachau war ideal im Vergleich zu Sachsenhausen. Hier herrschte ein Durcheinander“, erinnerte sich der alte Mann. Die Bedingungen waren unter aller Menschenwürde. Sylwester kam mit Richard zum Block 65, wo Polen aus Schlesien inhaftiert waren. Mit weiteren Tausend Häftlingen wurde dort ein neues Kommando eröffnet. Deutsche, Polen, Russen und Tschechen waren dabei. „Wir haben eine Woche im Wald gearbeitet“, erinnert er sich noch.

Doch Sylwester Kukula blieb nicht lange in Sachsenhausen. Mit einer SS-Baubrigade kam er nach Düsseldorf, wo er die Straßen von Ruinen räumen musste. Ein halbes Jahr lang arbeiteten Sylwester und sein Freund Richard dort. Im März 1943 kam er, ebenfalls mit der SS-Baubrigade, auf die Kanalinsel Alderney – wo sie wahrscheinlich an den Rampen für die V1-Raketen arbeiteten. Etwa ein Jahr blieb er dort und wurde später fast bis an die spanische Grenze abgezogen. Sein Leidensweg führte weiter über Frankreich und Belgien bis nach Steyr in Oberösterreich. Er kam sogar nach Thüringen in ein stillgelegtes Bergwerk. Hier hatten die Nazis Kisten mit Gütern aus ganz Europa gelagert. „Was das war, weiß ich nicht“, sagt Sylwester Kukula und hebt die Schultern. Es waren Kisten mit der Aufschrift „Königsberg. Achtung, nicht werfen“. Sollte es Hitlers Goldschatz gewesen sein? Das von den Nazis in St. Petersburg abmontierte Bernsteinzimmer? Gerüchte kreisten darüber, genau weiß es aber niemand.

Die Befreiung durch die Amerikaner erlebte der Mann am 5. Mai 1945 in Österreich. In Steyr lernte Sylwester Kukula seine zukünftige Frau kennen, ebenfalls eine Zwangsarbeiterin. Sie heirateten und zogen einen Sohn und eine Tochter groß. Heute lebt Familie Kukula in Warschau und erfreut sich ihrer drei Enkelkinder. Zehn Jahre nach der Befreiung kehrte der Pole zum ersten Mal wieder nach Dachau zurück. Seitdem tut er es fast jedes Jahr. So lange er lebt, muss er seinen Auftrag erfüllen: Zu erzählen, was damals war, damit es nie wieder passiert.

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