Aus Leidenschaft für die Glasmalerei

Galerie und Werkstatt mit reichem Angebot

Sonntag, 30. August 2015

Die römisch-katholische Herz-Jesu-Kirche in Temeswar wurde im eklektischen, neugotischen Stil nach den Bauplänen des Architekten Károly Salkovics zwischen 1912-1919 errichtet. Die meisten der 15 Bleiglasfenster stammen aus der Mayer‘schen Kunstanstalt München und ein paar auch aus einem Budapester Atelier. Die Rosette soll die Firma Szappanos in Temeswar hergestellt haben, heißt es in einer Pfarrgeschichte von 1944.

Bleiglasfenster können figurative bis abstrakte Motive darstellen.

Simona Bologs Lieblingsmotive gehören der Art Nouveau an.

Simona Bolog und Gheorghe Huiban mit einem der restaurierten Kirchenfenster für die „Triumful Inimii“-Stiftung in Bokschan/Bocşa im Banater Bergland

„Zum ersten Mal sah ich Buntglasfenster in der Kirche in der Elisabethstadt“, erinnert sich Simona Bolog, Mitinhaberin der Vitralia-Galerie in Temeswar/Timişoara, an die Entdeckung ihrer Leidenschaft für die Bleiglasfenster und zündet sich eine Zigarette an. Sie war elf-zwölf Jahre alt  und der Anblick der Kirchenfenster im römisch-katholischen Sakralbau in der Temeswarer Elisabethstadt hatte es ihr angetan. „Wunderschön sind diese Glasbilder und die Rosette auch“, schwärmt Simona Bolog auch heute noch davon. Die ausgebildete Chemieingenieurin, Fachrichtung Glas, betreibt zusammen mit ihrem Geschäftspartner Gheorghe Huiban – ursprünglich Bauingenieur, der aber mehrere Jahre bei privaten lokalen Fernsehsendern beschäftigt war – die Vitralia-Galerie.

„Meine Leidenschaft ist das Bild in Bewegung, der Film, Dokumentarfilme, Autorenfilme“, so Huiban. „Wir kannten uns schon seit Jahren, auch unsere Vorlieben und Interessen. Bei Null haben wir angefangen, wir hatten bloß Ideen und eine verrückte Leidenschaft für Buntglasfenster“, äußert sich Huiban lächelnd zu ihrem Einstieg in das Geschäft. Dass der ursprüngliche Enthusiasmus über die Jahre nicht abnahm, ist leicht auf den Gesichtern der beiden Galerieinhaber zu lesen.
Unter dem Motto „Schönheit bei Ihnen Zuhause“ arbeiten die zwei Ingenieure seit über 15 Jahren zusammen. Die Vitralia-Galerie wurde 1999 eröffnet und in ihrem Angebot stehen u. a. Buntglasfenster, Türen, gläserne Decken, Leuchten, dekorative Gegenstände und die Restaurierung von Bleiglasfenstern. „Wir haben versucht, eine Werkstatt-Galerie aufzubauen, wo der Kontakt mit dem Kunden, dem Kunst- und Schönheitsliebhaber, unmittelbar ist“, sagt Huiban. Der Kunde soll nicht nur eine Bestellung abgeben, er soll in das Entstehungsverfahren mit einbezogen werden. „Wenn wir eine Bestellung bekommen, stellen wir jede Menge  Fragen: über den Ort, für den das Stück gedacht ist, über die bevorzugten Farben und Nuancen, über das gewünschte dekorative Muster, sodass der fertiggestellte Gegenstand dann auch in das Umfeld passt und der Kunde sich darin wiederfinden kann“, erläutert der Ingenieur.

Kirchenfenster restaurieren ist mühevoll

Als sie begonnen haben, waren sie unter den ersten Herstellern von Bleiglasfenstern in Temeswar. Im Laufe der Zeit sind auch andere ähnliche Werkstätten in der Stadt an der Bega eröffnet worden. Inzwischen haben aber die meisten davon ihre Läden wieder geschlossen. Eine Beschäftigung, der man mit Leidenschaft nachgehen muss, und die nicht immer ungefährlich ist, denn die eine oder andere Schnittwunde ist schon in Kauf zu nehmen. Mehrmals hat sich Gheorghe Huiban an den Glasscheiben geschnitten und weist auf seine Arme. Dies sollte ihn aber nicht hindern, seiner Arbeit weiterhin nachzugehen. Das Geschäft boomte zwischen 2005 und 2008 – bis die Wirtschaftskrise im Fernsehen angekündigt wurde. „Dann hat sich von heute auf morgen alles schlagartig verändert“, entsinnt sich der Ingenieur. Zu den Kunden der Vitralia-Galerie gehören Privatpersonen aus dem In- und Ausland, die für ihre Wohnungen Bleiglasfenster bestellt haben. Die Werke der Vitralia-Galerie können aber auch in öffentlichen Einrichtungen, wie Hotels, Restaurants, Bars, Konditoreien, Kliniken, in Temeswar und landesweit, gesehen werden. Auch Restaurierungsarbeiten von Buntglasfenstern haben die zwei Künstler vorgenommen.

„Es waren mehrere Bleiglasfenster, so groß wie der Tisch in unserem Atelier“, sagt Huiban und zeigt auf den langen Tisch inmitten des Ateliers. „Auf einer Bahre wurden sie aus der Schweiz gebracht und stammen wahrscheinlich aus einer Kirche“, ergänzt der Ingenieur. „Die Kirchenfenster waren eine Spende aus der Schweiz für eine humanitäre Stiftung in Bokschan und wir haben die Fenster restauriert“, präzisiert Simona Bolog und drückt ihre Zigarette aus. „Sie waren anfangs voller Staub und Schmutz, weil sie wahrscheinlich auf einem Dachboden gelagert waren. An manchen Stellen waren sie zerbrochen oder es fehlten auch Glasstücke“, betont Huiban und präsentiert auf dem Computer die verschiedenen Etappen des Arbeitsvorgangs. „Nach der Restaurierung haben sie dann so ausgesehen“, so Huiban und weist recht stolz auf das makellose Endprodukt in einem Foto auf dem Computerbildschirm. Der Ingenieur fügt hinzu: „Anschließend haben wir die Kirchenfenster in einen Rahmen mit wärmeisolierendem Glas – mit Sicherheitsglas auf beiden Seiten – eingefasst, damit sie im Laufe der Zeit besser geschützt sind.“ Bestellungen von Bleiglasfenstern kamen sogar von orthodoxen Kirchen. Für diese wurden die Fenster dann in der Overlay-Technik angefertigt. „Überraschenderweise waren es orthodoxe Kirchen. Wir haben uns darüber auch sehr gewundert, denn die Buntglasfenster sind typisch für die katholischen Kirchen. Es waren Kirchen, die renoviert wurden, und wo die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft sich eben Bleiglasfenster gewünscht haben“, erzählt Simona Bolog und zündet sich eine neue Zigarette an.

Traditionelle und neue Techniken

Dass das ganze Unterfangen in einem Zwei-Zimmer-Appartement möglich ist, ist kaum zu glauben: der erste Raum, gleich nach dem Eintritt in die Galerie, dient als Präsentationsraum und der zweite, nur von einem kleinen Zwischenflur vom ersten getrennt, beherbergt die eigentliche Werkstatt. Verschiedene Buntglasfenster, Spiegel sowie bunte dekorative Gegenstände und Leuchten mit Lampenschirmen in Tiffany-Technik sind im Präsentationsraum aufgestellt. Die häufigsten dekorativen Elemente sind die floralen und pflanzlichen Motive, die an Art Nouveau erinnern – eine Kunstrichtung, die auch dem ästhetischen Geschmack von Simona Bolog und Gheorghe Huiban entspricht. In der Werkstatt sind die Wände mit Zeichnungen von dekorativen Motiven und vielen Hundefotos, da die Inhaber auch große Tierliebhaber sind, tapeziert. Außer dem langen Tisch mit einem kleineren nebenan stehen noch ein Arbeitstisch mit dem Computer und ein paar Stühle darin. Das Quietschen und Schreien der draußen tobenden Kinder dringt durch das offene Fenster ins Atelier herein, wo gedämpft Jazzmusik spielt.

Bei der Herstellung ihrer Arbeiten wenden die zwei Künstler die traditionelle Technik der Bleiglasfenster, die Tiffany- und die Overlay-Technik an, sowie von ihnen selbst entwickelte Methoden, die sie anschließend auch patentieren ließen. Drei Patente kann die Vitralia-Galerie bislang vorweisen. Es handelt sich u. a. um das Patent hinsichtlich der Einfassung der Glasmalereien in einer Struktur mit doppelseitigem wärmeisolierendem Glas. Die Bleiglasfenster seien somit von beiden Seiten geschützt und können problemlos gereinigt werden. „Zum Glück befindet sich eine Firma für Thermopanefenster gleich in der Nähe“, unterstreicht Simona Bolog den Vorteil, zumindest einen der Zulieferer gleich in der Nachbarschaft zu haben. Sie steht auf und schließt das Fenster. Unabhängig von der angewandten Technik, wird zuerst immer die Zeichnung des bestellten dekorativen Motivs angefertigt. „Bei der traditionellen Technik werden die Glasstücke nach einer Schablone zugeschnitten, dann in Bleiruten mit H-Profilen eingefasst und anschließend werden die Schnittpunkte der Ruten verlötet“, erklärt Simona Bolog und zündet sich eine neue Zigarette an. „Bei der Tiffany-Technik werden die Glasstücke, ihre Konturen, auch in Kupferfolien eingefasst“, ergänzt Gheorghe Huiban und fasst ein bereits zugeschnittenes Glasstück in eine glänzende Kupferfolie ein, die sich leicht nach dem Glaskontur modellieren lässt.

Gearbeitet wird bei Vitralia, da das inländische Angebot ausfällt, nur mit importierten Materialien aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten, die auch nicht gerade billig sind. Es sind eigentlich die Materialien, die den Preis des Produktes bestimmen: zwischen 100-450 Euro pro Quadratmeter für die in der Overlay-Technik angefertigten Arbeiten, und 300-850 Euro pro Quadratmeter für die in der traditionellen oder in der Tiffany-Technik realisierten Werke. Nicht selten verzichten die beiden Künstler auf den wohlverdienten Herstellerlohn, nur damit der Kunde das bestellte Stück bekommen kann. Dazu Huiban: „Die größte Genugtuung ist, wenn wir selbst und der Kunde zufrieden mit dem geleisteten Werk sind.“



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