Aus Nachbarn werden Freunde

Schüler aus Neustadt zu Besuch bei Aromunen aus dem Balkan

Samstag, 25. Juli 2015

Schüler zu Besuch bei den Aromunen in Bitola Aromunische Kirche in Moscopole / Albanien
Fotos: Christian Drăghici

Pünktlich zum Schulabschluss trafen sich Schüler und Lehrer der Grundschule Neustadt im Turnsaal, um der versammelten Schule, dem Bürgermeister, Vize-Bürgermeister und Lokalräten das Erlebte im Rahmen des Projektes „Aus Nachbarn werden Freunde“ vorzustellen. Es war nun schon die dritte Auflage des Projektes, das von der evangelischen Kirchengemeinde Neustadt der Schule angeboten und dankenswerter Weise vom Bürgermeisteramt gefördert wurde.

Sinn dieses Vorhabens war es, als kleine evangelische Minderheit in Neustadt der heranwachsenden Generation der Mehrheitsbevölkerung einen Perspektivenwechsel zu bieten. Schüler und Lehrer sollten ihre eigenen Leute in einer Minderheitensituation wiederfinden und ihnen begegnen. Mit den Klassenbesten der siebten und achten Klassen und einigen ihrer Lehrer machten wir uns vom 26. April bis zum 4. Mai auf den Weg in die verschiedenen Balkanländer, um der aromunischen Minderheit zu begegnen und ihre Sachlage kennenzulernen. Solche Eindrücke wiederum fördern das Verständnis der Schüler für Minderheiten, die in ihrem Umfeld leben.

Über Nis in Serbien, das ehemalige römische Naissa, wo einst der so große Kaiser Konstantin das Licht der Welt erblickte, gelangten wir nach Ohrid. Der Ohrid-See soll der älteste See Europas sein und die ganze Stadt gilt als Weltkulturerbe. Hier trafen wir auf unsere erste Kontaktperson, Joce Crvenkoski, Vize-Direktor der dortigen Schule, der uns die ersten Begegnungen mit den Aromunen vermittelte. In einem netten Lokal mit Folkloremusik erzählte uns schließlich Herr Naum Dunoski über seine aromunische Gemeinschaft.

Die Aromunen sind eine Minderheit im Balkan, die schon bevor die Slawen in den Balkan kamen, dort lebten. Die Aromunen selbst behaupten, dass die Wiege des rumänischen Volkes eigentlich südlich der Donau sei. Im Mittelalter haben die Aromunen in den verschiedenen geopolitischen Gegebenheiten immer wieder eine wichtige Rolle gespielt. Herr Naum Dunoski erzählte uns von den Bemühungen der klein gewordenen Gemeinschaft der Aromunen, ihre Traditionen und Sprache lebendig zu erhalten. In Struga, unweit von Ohrid, gibt es noch einen aromunischen Kulturverein. Dieser Verband hegt und pflegt Bräuche und Überlieferungen. Unter anderem gibt es eine Folkloretanzgruppe. Mit dieser Tanzgruppe reist Dunoski jedes Jahr nach Mangalia zum Folklorefest „Callatis“.

Am darauffolgenden Tag hatten wir ein Treffen mit dem rumänischen Honorarkonsul in Bitola und den Vertretern der aromunischen Gemeinde „Fraţii Manachia“. In Bitola gibt es zahlenmäßig die größte aromunische Gemeinde, etwa 1.300 an der Zahl. Nach der Zerstörung von Moscopole, einst das kulturelle und geistige Zentrum der Aromunen, während der Wirren des türkisch-albanischen Krieges im Jahr 1788, haben die Bewohner ihre Stadt verlassen und haben sich in Bitola und rund um den Ohridsee angesiedelt.

In der aromunisch-orthodoxen Kirche „Konstantin und Helena“ fanden wir uns ein.
In dieser Kirche findet der Gottesdienst in aromunischer Sprache statt. Herr Papanicolau, einer der ältesten Vertreter der aromunischen Gemeinde, erzählte uns sehr viel über vergangene Zeiten in seiner eigenen Sprache. Einen Teil davon konnten wir verstehen, trotzdem übersetzte Honorarkonsul Alexandru Mamakis seine Darbietung. Die Senioren der Gemeinde beklagen sehr, dass die Jugendlichen sich immer weniger mit der aromunischen Vergangenheit identifizieren. Sie können kaum noch die Sprache sprechen, und werden schön langsam slawisiert, bedingt auch durch die zahlreichen Mischehen.

Auch sind die aromunischen Gemeinden so klein geworden, weil ein Großteil der Bevölkerung in der Zwischenkriegszeit aus dem Balkan nach Rumänien, genauer in die Dobrudscha, ausgewandert ist. Nach 1939 haben diese Aromunen sich verstärkt in den ehemaligen Siedlungen der Dobrudschadeutschen niedergelassen. Heute kennen wir eine Reihe von Sportlern, die aus den Reihen dieser Aromunen hervorgegangen sind. Zum Beispiel Gheorghe Hagi und Simona Halep, um die berühmtesten zu erwähnen. In mancher Familie in der Dobrudscha wird heute auch die aus dem Balkan mitgebrachte aromunische Sprache gesprochen. Im Balkan selber sieht es leider etwas anders aus. Ein aromunischer Regisseur aus Bukarest, Toma Enache, beschreibt in seinem Film „Nu hui faimos, ama hiu arman“ die Sehnsucht nach dem Erhalt der Identität. Außerdem ist es bis heute der einzige Film in aromunischer Sprache.

Nach den vielen Eindrücken, die wir mit den Senioren der Gemeinde „Fraţii Manachia“ und dem rumänischen Honorarkonsul Alexandru Mamakis gewonnen haben, besuchten wir noch ein ganz abgelegenes Dorf, tief versteckt in den Bergen. In der Umgebung von Bitola gibt es viele kleine Dörfer, die ausschließlich aromunisch belegt sind. Molovistea ist eines dieser Dörfer. In dem Dorf leben heute noch dreißig Leute, hauptsächlich höheren Alters. Unterwegs durch das Dorf, das wie im Dornröschenschlaf lag, trafen wir eine alte Dame, Oliviera. Sie erzählte uns, wie alle aus dem Dorf wegzogen. Alles junge Volk musste in die Stadt ziehen, weil auf dem Dorf die Existenz nicht mehr gesichert war. Ihre vier Töchter besuchen sie ab und zu. Aber einmal im Jahr stürmen tausende von Besuchern in das einsame Dorf. Da findet nämlich das aromunische Folklorefestival statt.

Als nächstes ging es in Richtung Albanien, entlang des Prespa-Sees, des größten Sees auf dem Balkan. Unterwegs gab es noch das Kloster des Heiligen Naum zu besichtigen. Naum ist der einzige Heilige aromunischer Herkunft. Über Pogradec ging es dann nach Moscopole, heute Voskopoje, das ehemalige Zentrum der Aromunen.

Die Stadt machte einen sehr freundlichen Eindruck; alles ist schön restauriert und alle Straßen neu gepflastert. Die EU hat es möglich gemacht. Sofort kam auch eine junge Dame, Mira, auf uns zu und erklärte, sie sei die Tourismusbeauftragte der Stadt und möchte uns die Stadt und ihre wichtigsten Kirchen zeigen. Von den vielen aromunischen Kirchen sind heute nur noch zwei im Gebrauch. Die aromunische Bevölkerung liegt zurzeit noch bei etwa 500 Seelen, doch die Sprache wird nicht mehr in allen Familien gesprochen. Mira erzählte uns von der glorreichen Vergangenheit der Stadt: das zweite Konstantinopel soll es einmal gewesen sein. Tatsache ist, dass die Aromunen im Mittelalter es zu reichen Leuten geschafft haben.

Von den Griechen haben sie wohl den Handel erlernt und haben sich hochgewirtschaftet. Hervorragende Handelsbeziehungen pflegten sie mit Venedig, Deutschland und Konstantinopel. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung kamen dann auch Bildung und Wohlstand hinzu. Moscopole hatte die zweite Buchdruckerei des 16. Jahrhundert auf dem Balkan, nach Istanbul. Hier wurde auch das erste Waisenhaus des Balkans eingerichtet. Trotz allem sollte der Aufschwung nicht anhalten. In den türkisch – albanischen Kriegen wurde Moscopole zerstört und die Menschen zogen weg. Bei den vielen Begegnungen war deutlich herauszuhören, dass die Aromunen es bedauern, dass sich der rumänische Staat kaum für sie interessiert. Sie wären sehr glücklich, wenn sich der rumänische Staat um ihrer Kultur und Identität mit Förderungen bemühen würde.
Mit vielen Eindrücken und Begegnungen fuhr man mit den Schülern noch für ein paar Tage nach Athen, bevor es wieder zurück in den Schulalltag gehen sollte.

Die Geschichte und das Schicksal der Aromunen zu verfolgen, war auch für mich sehr interessant und bewegend. Irgendwie fand ich mich in ihrer Geschichte wieder. Ich entdeckte eine Analogie zu den Siebenbürger Sachsen: Aufschwung bedingt durch Privilegien und Handel, eine Blütezeit für die Städte im Mittelalter, aber dann letztendlich bedingt durch politische Situationen der Verfall und das Wegziehen eines großen Teils der Bevölkerung. Heute ringt die aromunische Bevölkerung um den Erhalt ihrer Identität, als Minderheit sind sie verschwindend gering geworden. Das gilt genauso für den Balkan wie auch für Rumänien. Auch wenn sie in der rumänischen Gesellschaft gut integriert und aufgenommen werden, geht doch ein Großteil ihrer Identität verloren. Geschieht nicht das gleiche mit uns Siebenbürger Sachsen?
Die Zukunft beider Völkerschaften liegt im Vereinigten Europa.

Uwe Seidner,
Wolkendorf

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