Aus Nachbarn werden Freunde

Schüler aus Neustadt auf den Spuren des Deutschen Ritterordens (II)

Samstag, 16. Juli 2016

In Marienburg
Foto: Prof. Remus Ciutan

In Riga trafen wir in der einzigen Holzkirche der Stadt den evangelischen Pastor Markus Schoch. Er betreut die klein gewordene deutschsprachige Gemeinde. Lettland und Estland sind protestantisch geprägte Länder im Unterschied zu den katholischen Ländern Polen und Litauen. Bis 1939 lebten fast ausschließlich Deutsche in der Stadt. Mit dem Ribbentrop–Molotow Pakt aber mussten alle Deutschen die baltischen Länder verlassen. Die Städte wurden von vielen Letten vom Land besiedelt, aber auch von Russen aus der Sowjetunion. Nach 1991 kamen einige Russlanddeutsche zurück nach Lettland. Auch heute noch liegt der russische Anteil der Bevölkerung Lettlands bei 25%, die russische Sprache und die russische Küche sind überall präsent. Seitdem die baltischen Länder ihre Unabhängigkeit 1991 ausgerufen haben, ist die russische Bevölkerung nicht mehr so richtig erwünscht. In Tallinn, der Hauptstadt Estlands, erzählte uns der Moderator einer Radiosendung mit religiösen Themen, Meelis Süld, dass ein großer Teil der russischen Bevölkerung quasi „staatenlos“ sei.

Damit sie die estnische Staatsbürgerschaft erhalten, müssen sie eine Sprachprüfung ablegen. Das macht fast keiner. Dieser Bevölkerung stehen die sogenannten „grauen Pässe“ zur Verfügung, damit sie reisen können. Daraus konnten sie einen Vorteil ziehen, da sie sowohl in die Europäische Union, als auch nach Russland visafrei reisen können. Die Schülergruppe bemerkte in Estland rasch, dass das Land wirtschaftlich viel weiter entwickelt ist als Rumänien. So kam die Frage an Meelis Süld nicht zufällig, wie so ein kleines Land sich in 25 Jahren so entwickeln konnte. Die Erklärung war recht einfach: die skandinavische Nachbarschaft hat dem Land nach dem Fall des Eisernen Vorhangs viele Vorteile gebracht. Es entstand ein sehr reger Austausch. Auch merkte man den Esten eine nordische Mentalität an. Melis ist der Meinung, dass sein Land von klugen Köpfen regiert worden ist und die Korruption scheint im Land auch äußerst gering zu sein.  Der Präsidentenpalast befindet sich in Tallinn dort, wo einst die Deutschordensburg stand. Bis heute steht an diesem Palast einer der Wehrtürme.

Der Deutsche Orden erwarb das estnische Gebiet von den Dänen und wollte sich von hier aus weiter gen Osten ausdehnen. Am Fluss Narwa baute der Ritterorden seine östlichste Festung: die „Hermannsfeste“. Hier am Fluss Narwa sollte auch die Expansion des Ritterordens seine Grenzen finden. Ein Versuch des Ordens, den gefrorenen Peipussee weiter südlich zu überqueren um den russischen Fürsten Alexander Newski zu bezwingen, scheiterte mit einer herben Niederlage im Jahre 1242. Für den Orden hieß es ab nun für die nächsten drei Jahrhunderte die Grenzen zu sichern. Heute grenzt am Fluss Narwa die Europäische Union an Russland. Die „Hermannsfeste“ steht seit Jahrhunderten der Burg „Ivangorod“ gegenüber. Im Zweiten Weltkrieg sollte hier eine blutige Schlacht zwischen Wehrmacht und Roter Armee stattfinden. Im März und im April 1944 fielen hier auch sehr viele Siebenbürger Sachsen. Wir besuchten den groß angelegten Friedhof des „Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge“ und suchten nach den Gräbern der Neustädter, Rosenauer und Weidenbächer, die hier gefallen sind.

Der östlichste Punkt war nun erreicht. Bevor es wieder heimwärts ging, besuchten wir den deutschsprachigen evangelischen Sonntagsgottesdienst in Talinn. Pfarrer Mathias Burghardt lud uns anschließend zum Kirchenkaffee in die gerade erworbenen und eingeweihten Gemeinderäume ein. Im Gespräch mit den Gemeindegliedern erfuhren wir über ihr Schicksal und ihre Herkunft. Auf der Heimfahrt machten wir noch einen Zwischenstopp in Vilnius, der Hauptstadt Litauens. Hier trafen wir den rumänischen Botschafter im rumänischen Kulturverein „Dacia“. Die Vertreter dieser Einrichtungen empfingen uns zusammen mit dem Botschafter offenen Herzens und freuten sich sehr über den Besuch aus Rumänien. Der Botschafter erwähnte, dass auch ein Besuch des Staatspräsidenten Klaus Johannis anstehe. Auch erzählte er den Schülern von der vorbildlichen litauischen Minderheitenpolitik. Minderheiten genießen Freiheiten und Rechte und werden vom Staat mitfinanziert.

So erhält der rumänische Kulturverein „Asociatia Dacia“ kostenfrei vom Staat Büroräume und es gibt auch vom Staat angestellte Personen für die Projektarbeit des Vereins. Die Altstadt von Vilnius, die größte im baltischen Raum und auch UNESCO-Weltkulturerbe, begeisterte uns mit ihren verzweigten Gassen, schönen Aussichtspunkten und den barocken Kirchen. Die vom Großfürsten Gediminas im 14. Jahrhundert gegründete Stadt wurde in kurzer Zeit Hauptstadt und Residenz der Großfürsten der Polnisch-Litauischen Union. Als Machtsymbol haben die reichen litauischen Herrscher italienische Künstler engagiert, die im 17. und dann im 18. Jahrhundert die mittelalterliche Stadt mit barocken Juwelen versehen haben. Eines der bedeutendsten Beispiele ist die Universität von Vilnius, die älteste Universität Osteuropas, die im Jahre 1579 von Stefan Bathory Großfürst von Litauen, König von Polen und Fürst von Siebenbürgen gegründet wurde.

Mit vielen Eindrücken wurden die Schüler kurz vor dem orthodoxen Osterfest wohlbehalten wieder in ihren Familien abgegeben. Wir danken dem Rathaus für die finanzielle Förderung dieses Projektes und hoffen auf eine Fortsetzung im nächsten Frühjahr.

Pfarrer Uwe Seidner,
Wolkendorf

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 17.07 2016, 22:41
diese Geschichte mit dem Alexander Newski gegen den deutschen Orden ist bei russischen Patrioten und eigentlich allen Orthodoxen ziemlich wichtig. Die Hermannstädter orthodoxe Kathedrale ist übrigens der Alexander-Newski-Kathedrale in Sofia nachempfunden. Also bis zu uns spielt diese Geschichte eine Rolle.

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