Auschwitz und menschliche Würde

László Nemes’ preisgekrönter Film „Son of Saul“ in den rumänischen Kinos

Sonntag, 20. März 2016

Auch wenn sich László Nemes’ Spielfim „Son of Saul“ (Sauls Sohn), dessen ungarischer Originaltitel „Saul fia“ lautet, in die Reihe der Filme über den Holocaust einfügt, die das Leben und Überleben in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern zum Gegenstand haben, so ist doch seine Herangehensweise an dieses heikle und künstlerisch kaum zu bewältigende Thema gänzlich neu, vollkommen unerwartet, mit Fug und Recht einzigartig zu nennen. Denn der 39-jährige ungarische Regisseur und Drehbuchautor konzentriert sich in seinem Film während dessen gesamter Dauer ausschließlich auf die Hauptfigur, den ungarischen Juden Saul Ausländer, der von dem in New York lebenden ungarischen Schauspieler und Lyriker Géza Röhrig genial verkörpert wird.

Die Fokussierung auf den Protagonisten wird gleich zu Beginn des Films exemplarisch inszeniert. Man blickt auf eine verschwommene, in der Natur spielende Szene und erkennt undeutlich Menschen, Bäume, Gras, dann sieht man eine Gestalt, die sich langsam der Kamera nähert. Doch an der Verschwommenheit des Filmbildes ändert sich nichts und man ist schon versucht zu glauben, der Vorführer habe es versäumt, das Wiedergabegerät korrekt zu justieren. Erst als der Mann unmittelbar vor dem Objektiv steht und sein Gesicht die ganze Leinwand einnimmt, sieht man ihn scharf, und von nun an begleitet die mobile und schwankende Handkamera (Mátyás Erdély) den Protagonisten Saul die ganzen 107 Minuten des Films, heftet sich an ihn, sein Gesicht, seinen Nacken, seine Gestalt und lässt ihn bis zum bitteren Ende nicht mehr los.

Die geringe Schärfentiefe, die alles, was nicht in unmittelbarer Nähe Sauls sich abspielt, in verschwommene Undeutlichkeit zurückgleiten lässt, dient nicht nur dazu, die Existenz Sauls im Konzentrationslager Auschwitz zu charakterisieren, sein im Fokus des Augenblicks konzentriertes Dasein, das in jedem Moment in andere Bahnen gelenkt werden kann und jederzeit unmittelbar durch den Tod bedroht ist. Die geringe Tiefenschärfe dient als künstlerisches Mittel auch dazu, die Schrecken des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau mit seinen als Duschräumen getarnten Gaskammern, den Bergen nackter Leichen und den unablässig arbeitenden Krematorien überhaupt erst sichtbar zu machen, indem sie sie gerade nicht ostentativ zeigt, sondern nur verwischt und verschleiert zur Erscheinung bringt.

Ein weiteres technisches Mittel, um die Gänge Sauls durch die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie künstlerisch zur Darstellung zu bringen, die einer Geisterbahnfahrt, einem Horrortrip, einem Hasten durch die dantesche Hölle, aber ohne Seelenführer, gleichen, ist der grandiose Soundtrack (Sound Design: Tamás Zányi), der sich hauptsächlich aus menschlichen Stimmen zusammensetzt (in erster Linie Ungarisch, Jiddisch, Deutsch und Polnisch) und der die unterirdisch-grubengängerisch wirkenden Wege Sauls kunstvoll beschallt. Auch hier ist dasselbe Prinzip angewandt wie bei der Kamera: Was dem Ohr Sauls nahe ist, wirkt überdeutlich, alles andere verliert sich im verschwommenen babylonischen Sprachengewirr, das durch die Geräusche und Töne des Molochs KZ (Schüsse der SS-Truppen, Schreie, Wimmern, Röcheln der Opfer, Geräusche beim Schrubben der Gaskammern, beim Schleifen der Leichen etc.) aufs Schrecklichste ergänzt wird.

In historischer Hinsicht hat László Nemes gemeinsam mit der Ko-Drehbuchautorin Clara Royer äußerst korrekt gearbeitet, auch wenn er für die Filmhandlung, die sich in einen einzigen Tag zusammendrängt, künstlerische Freiheiten in Anspruch genommen hat. So haben Nemes und Royer den Zeitraum der Ermordung vorwiegend ungarischer Juden in Auschwitz (Mai 1944) mit der Entstehungszeit der sog. Sonderkommandofotografien (August 1944) und mit dem Zeitpunkt des bewaffneten Aufstands des Sonderkommandos (7. Oktober 1944) enggeführt und so einen filmischen Geschehensraum geschaffen, in dem Leiden und Widerstand, passives Erdulden und aktives Aufbegehren gleichermaßen in Erscheinung zu treten vermögen.

Die Geschichte des Protagonisten Saul lässt sich allerdings weder der Opfer- noch der Täterseite eindeutig zurechnen. Er geht, ganz für sich allein, unbeirrt und unbeeindruckt von allen anderen, einen dritten, seinen eigenen Weg. Als Mitglied des Sonderkommandos ist er selbstverständlich den Zwängen der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie mit unterworfen. Er muss die qua Selektion zur Vernichtung bestimmten Juden in die Umkleideräume begleiten, das Ausziehen überwachen, die nackten Todgeweihten in die Gaskammern führen, anschließend die Leichen wegräumen, den Duschraumboden schrubben und die Habseligkeiten der Getöteten „auswerten“, wie es im Nazijargon hieß. Zugleich schwebt er in der permanenten Gefahr, von der SS exekutiert zu werden, die durch die Tötung der Mitglieder des Sonderkommandos nicht nur weitere Juden vernichtete, sondern außerdem die zur Mittäterschaft gezwungenen Mitwisser am rassistischen Massenmord sich sogleich wieder vom Hals schaffte.

Angesichts der Ausweglosigkeit dieser Situation verfällt Saul auf eine Idee, die ihn der Grausamkeit und Bestialität ringsum gleichsam enthebt. Er macht es sich zur Aufgabe, die Leiche eines Jungen, den er als seinen Sohn erkennt (man könnte in Anbetracht der verworrenen Faktenlage auch sagen: anerkennt, annimmt, adoptiert), vor der Verbrennung im Krematorium zu bewahren und diesen dem religiösen Ritus gemäß im Beisein eines Rabbi, der am Grab das Kaddisch spricht, im Erdreich zu bestatten. Dieser Idee ordnet Saul fortan alles andere unter. Sein eigenes Überleben, das der Mitgefangenen, das Gelingen des Aufstands des Sonderkommandos – all dies wird unwichtig angesichts jener einen religiösen Pflicht. Das schlussendliche Scheitern (Sauls Sohn ist nicht Sauls Sohn, der Rabbi ist kein Rabbi, der Leichnam wird nicht ins Erdreich gesenkt, sondern versinkt im reißenden Wasser eines Flusses) bildet jedoch keinen Einspruch gegen Sauls eigenes Happy End: Kurz vor seiner Erschießung durch die SS, die die flüchtigen Aufständischen des Sonderkommandos in einem Waldstück aufgespürt hat, blickt Saul in das Gesicht eines polnischen Jungen, etwa im Alter seines Sohnes, und das erste und einzige Mal verzieht sich Sauls Miene zu einem gelösten, ja erlösten Lächeln.

Belohnt wurde dieses grandiose Filmdebüt von László Nemes mit zahllosen Preisen: sowohl mit dem Oscar als auch mit dem Golden Globe Award für den besten fremdsprachigen Film in diesem Jahr und mit dem Großen Preis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes im letzten Jahr, um nur die drei wichtigsten Auszeichnungen zu nennen. Zugleich hat László Nemes die Ästhetikgeschichte der Holocaust-, KZ- und Auschwitz-Filme um ein neues wertvolles Kapitel bereichert, wie dies zuvor auch anderen solcher Filme gelungen ist, man denke nur an „Schindler’s List“ (Schindlers Liste), an „La vita è bella“ (Das Leben ist schön) oder an „Die Fälscher“, die allesamt in der Vergangenheit ebenfalls mit Oscars ausgezeichnet wurden. In Rumänien wurde dem Oscar für „Son of Saul“ deswegen besondere Aufmerksamkeit zuteil, weil der Schauspieler, der in einer tragenden Nebenrolle dieses Films den Sonderkommandohäftling Abraham verkörpert, Rumäne ist: Der ungarischstämmige Levente Molnár wurde 1976 in Baia Mare geboren und ist Mitglied des Ungarischen Staatstheaters in Klausenburg/Cluj. So fiel in diesem Jahr ein Abglanz der Academy Awards auch auf Rumänien, das den begehrten Auslandsoscar trotz diverser Nominierungen bislang noch nie gewonnen hat.

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