Ausdruck statt Kuriositätenshow

Die Renaissance im Zirkus erreicht auch Rumänien

Mittwoch, 26. August 2015

Bevor man auf einem gespannten Drahtseil balanciert, wird auf einer Stange geübt. In der Zirkusschule lernen Kinder verschiedene akrobatische Disziplinen kennen.

Ein Kinderspiel. Zwei Altersgruppen werden in der Zirkusschule unterrichtet: Drei bis fünfjährige und sechs bis neunjährige

Die wichtigsten akrobatischen Disziplinen werden beigebracht: Jonglage ist eine davon

Das aus dem Sport stammende Reck hat auch im Zirkus Eingang gefunden. Dort werden häufig mehrere Reckstangen kombiniert, so dass mehrere Artisten gleichzeitig daran arbeiten können oder auch Sprünge zwischen den Reckstangen möglich sind

Raluca Ilaş und Imre Nagy haben sich einen Traum erfüllt. Sie gingen 2011 nach Belgien, besuchten ein Jahr lang die Brüsseler Zirkusschule und kehrten dann nach Rumänien zurück, um selber eine Schule aufzumachen. Im März 2014 fand die Gründung statt. Seitdem halten die beiden im Kreis Carasch-Severin einführende Werkstätten, die sich vorwiegend an Kinder richten. Ilaş und Nagy wollen durch ihre Zirkusschule einen alternativen Unterricht fördern. Im September planen die Beiden eine Partnerschaft mit der Waldorfschule aus Temeswar/Timişoara.

Zirkuskunst als Schulfach ist im Westen nichts Ungewöhnliches. In Ländern wie Belgien und Frankreich gibt es Hunderte Zirkusschulen. Seit 1994 haben diese in Frankreich auch einen eigenen Verband.

 

Werdegang der modernen Zirkunskunst

In Frankreich erlebte der traditionelle Zirkus in den 1960er Jahren eine Renaissance. Was sich änderte, war der Ansatz: Zeitgenössischer Zirkus hat sich dem Theater angenähert. Wichtig wurde der körperliche Ausdruck, nicht anders als im zeitgenössischen Tanz. Professionell ausgebildete Künstler wollen durch Akrobatik eine Geschichte erzählen. Es geht um die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit dem Körper, seinen Grenzen und deren Überwindung. Was wegfiel, waren die Vorführungen mit Tieren – das Erste, womit auch heute noch viele Menschen den Zirkus in Verbindung setzen. Tiere haben in der Manege nichts mehr zu suchen. Zumindest nicht in den Manegen des Cirque Nouveau.

In Belgien wurde schon in den 1950er Jahren der traditionelle Zirkus auf den Kopf gestellt. Und zwar aus Notwendigkeit. Der Zweite Weltkrieg ließ viele Waisen zurück bzw. Jugendliche, die ohne einen Vater aufwuchsen. Um sie von der Straße zu holen und ihnen eine Perspektive zu geben, wurde ein Programm entwickelt, wodurch die ersten Zirkusschulen gegründet wurden. In diesen Schulen lernten die Kinder akrobatische Disziplinen wie Jonglage, Kontorsion, Trapez und Luftring kennen.

Auch Ilaş und Nagy wollen durch Zirkus in erster Linie einen Beitrag für die Gemeinde leisten. Es geht ihnen nicht um Profit, weshalb sie es auch in Rumänien so schwer haben, mit ihrem Projekt durchzustarten. Der Staat unterstützt ihr Vorhaben nicht. Anders als in Frankreich, wo die meisten professionellen Zirkuskünstler nur durch subventionierte Gelder überleben können, stehen die beiden alleine da.

Die Menschen können mit zeitgenössischen Zirkus nicht viel anfangen. Das Klischeebild, das die meisten aus Filmen kennen, hat nichts mit dem zu tun, was Ilaş und Nagy machen. „Wir wollen durch unsere Arbeit Kindern helfen, sich besser auszudrücken“, erklärt Nagy. „Manche Eltern kommen auch zu uns, weil sie wollen, dass ihre Kinder sich körperlich entwickeln.“

Anders als in einem Sportverein, geht es in der Zirkusschule nicht darum, Leistung zu erbringen. Es geht weniger darum, wie weit man springen oder wie schnell man laufen kann. Auch der Wettbewerbsgedanke fehlt. Dafür wird aber, so wie im Sport, Zusammenarbeit gefördert. „Jeder kann lernen mit Gegenständen zu jonglieren“, erklärt Ilaş. „Doch die Herausforderung besteht nicht darin, wie gut man es beherrscht im Vergleich zu jemand anderem. Man kann das nicht vergleichen. Wichtig ist, dass man an seine eigenen Grenzen stößt.“

Die zwei Zirkuskünstler arbeiten nicht nur mit Kindern zusammen. Ab Oktober wollen sie einen Club für Erwachsene gründen. „Wir laden jeden ein, der Interesse daran hat, mitzumachen.“

Sie haben keinen festen Sitz, besitzen ein kleines Zelt. Nach ihrer Rückkehr ins Land wollten sie an ihre Ausbildung ein Schauspielstudium anknüpfen. Die Diskrepanz zwischen der belgischen Unterrichtsmethode und der rumänischen führte dazu, dass sie das Studium abbrachen. Stattdessen fokussieren sie sich auf eigene Projekte und versuchen zeitgenössischen Zirkus in Rumänien zu fördern. Dafür hatten sie schon 2009 eine Nichtregierungsorganisation gegründet.

Doch die fehlende Infrastruktur macht ihre Arbeit schwer. In Zukunft möchten sie in der Nähe von Reschitza oder vielleicht in der Stadt selbst einen geeigneten Raum finden.

 

Werdegang der Zirkuskünstler

Imre Nagy hat Anfang 2000 diese Leidenschaft für sich entdeckt. Damals arbeitete er erstmals mit der humanitären Künstlergruppe „The Serious Road Trip“ zusammen. 1991 wurde die Organisation in Großbritannien gegründet. Ihre Mitglieder sind Freiwillige aus der ganzen Welt. Sie kauften sich einen Doppeldeckerbus und fuhren damit in Krisengebieten, wie etwa Kosovo, um mit den Kindern Zirkus zu machen. Ihre Projekte brachten sie in den 2000er auch nach Rumänien, wo sie fünf Jahre lang die „Caravana veseliei“ (dt. Karawane des Glücks) veranstalteten: Sie fuhren durchs Banat und arbeiteten eine Woche mit Kindern aus Banater Dörfern an einer gemeinsamen Vorstellung, die dann vor dem ganzen Dorf aufgeführt wurde. Vier Dörfer wurden jährlich besucht. Es waren meistens Gemeinden aus Carasch-Severin, wo viele Roma leben und viele benachteiligte Menschen.

Raluca Ilaş kam auf den Geschmack erst nach der letzten Karawane. In Nachfolgeprojekten der Organisation setzte sie sich als Freiwillige ein und lernte so viele Künstler kennen, die ihr eine neue Weltsicht offenbarten. „Ich lernte erwachsene Menschen kennen, die glücklich waren“, so Raluca. „Davor kannte ich nur die Sorte von Erwachsenen, die immer am grübeln waren, die ständig mit Problemen beladen waren und verbittert.“

Sie haben in den letzten Jahren gemeinsam versucht, aus ihrer Leidenschaft eine Berufung zu machen. Teilweise mit Erfolg. Die beiden Künstler sind überall vertreten: Am Wochenende waren sie auf dem Jugendtheaterfestival T4T mit einer Werkstatt dabei, im September nehmen sie am Bega Bulevard Festival teil. Hinzu kommen noch angestrebte Partnerschaften mit Schulen und Einrichtungen.

Denn zeitgenössischer Zirkus kann Menschen helfen, die sich nicht ausdrücken können, die Ziellos sind, die einfach abschalten wollen oder die einfach, das Kind in sich wiederentdecken wollen. Mit dem traditionellen Zirkus hat das nicht mehr viel zu tun, außer vielleicht einer Sache: Es werden Gemeinschaften aufgebaut und in manchen Fällen sogar Familien.

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