Ausstellungen, Musikpremiere, Dokumentarfilm

Damit wurde der Arbeiterrevolte von 1987 gedacht

Freitag, 24. November 2017

Die Gedenkfeier wurde mit einer geistlichen Handlung eingeleitet.

Foto: der VerfasserMit Interesse wird die Ausstellung vor dem Gebäude des alten Rathauses betrachtet.

Bei dem Denkmal zur Erinnerung an die Revolte von 1987 wurden Kränze seitens der lokalen Behörden, verschiedenen Nichtregierungsorganisationen, politischer Parteien niedergelegt.

Die in den Museumsräumen geöffnete Ausstellung lohnt sich besucht zu werden.
Fotos: Dieter Drotleff

Es war ein schöner Herbsttag, der Mittwoch, der 15. November 2017, wie auch vor 30 Jahren. Nur damals war es ein Sonntag, ebenfalls bei schönem Herbstwetter. Zu dem war es ein Wahltag, der außer Huldigungen  für die oberste Parteiführung nichts anderes ankündigte. Und doch kam es nicht wie erwartet. Die Arbeiter der Nachtschicht im Kronstädter Lastkraftwagenwerk legten die Tätigkeit lahm, nachdem sie ihre Lohnzettel erhalten hatten und auf diesen beträchtliche Abzüge feststellen mußten.

Am Sonntagmorgen, als ihre Kollegen aus dem ersten Schichtwechsel eintrafen,  schwoll die Unzufriedenheit sehr stark an. Man ging geschlossen auf die Straße in Richtung Kreisparteikomitee – heute Präfektur und Kreisrat -, wobei sich tausende Arbeiter anderer Betriebe und Stadtbewohner der Protestaktion anschlossen.  Da man kein Gehör wie erhofft bei den Behörden erzielte, wurde das Gebäude wie auch das des damaligen Volksrates und Parteisitz der Stadt – heute Bürgermeisteramt – gestürmt, Bilder des Diktators angezündet, Akten, Büroausstattung, Lebensmittel auf die Straße geworfen. Die Folgen für die Arbeiter waren wie schon mehrmals in diesen Tagen berichtet, Verhaftungen und Deportation.

Die Veranstaltung  zum 30-jährigen Gedächtnis kennzeichnete sich nun wie von dem 1990 gegründeten Verein  „15. November 1987“ aufgerufen worden war,  durch würdiges Gedenken ohne Politisierung. Die geistliche Handlung, geleitet vom orthodoxen Metropoliten Siebenbürgens Laurenţiu Streza, wurde von der Kranzniederlegung seitens der lokalen Behörden, verschiedener Vereine und politischer Parteien gefolgt. Die Ehrengarde wurde vom Präfekten des Kreises Marian Rasaliu abgeschritten.

Es folgten im Geschichtsmuseum die Eröffnung von zwei Ausstellungen. Vor dem Gebäude des alten Rathauses ist auf Schautafeln die Ausstellung zu sehen, die in Zusammenarbeit des Museums mit  dem Landesrat zur Erforschung der Securitate-Archive (CNSAS), dessen Berater Oana Demetriade und Mihai Demetriade, zusammengestellt worden ist.

Geöffnet bleibt sie bis Januar 2018. Zu sehen sind Auszüge aus Dossiers über die Revolte, der Personalausweis von Werner Sommerauer, auf dem der Vermerk mit Stempel zu sehen ist, dass er Tulcea, wohin er deportiert worden war, nicht verlassen darf. Die Ausstellung ist unter der Bezeichnung „Aktion 1511. Die Securitate und die Revolte von Kronstadt“ eröffnet worden. Zitiert wird darin  der ehemalige Diktator Nicolae Ceauşescu, der am 22. November 1987 vor dem Exekutivkomitee des ZK der RKP betonte, es seien unbegründete Unzufriedenheiten  bezüglich der Gesetzgebung aufgetaucht, doch ist die Betriebsleitung dem Dialog aus dem Wege gegangen.

In den Museumsräumen  ist die zweite Ausstellung unter dem Titel „Braşov 1987“ zu sehen. Diese umfasst mehrere Ansichten aus dem Lastkraftwagenwerk jener Zeit, aus der Abteilung 440, von wo aus die Revolte ausgegangen ist.  Da sind Arbeitskleidung, Milizuniform, Zeitungsausschnitte, politische Bücher jener Jahre, Kleinmodelle von Lastkraftwagen zu sehen. Das Werk wurde 1921 unter dem Namen Romloc eröffnet und erzeugte Eisenbahnwaggons. 1936 schließt sich dieses mit dem Astra-Unternehmen zusammen in dem Munition und Motoren hergestellt wurden. Nach dem Gesetz von 1948, durch das alle Betriebe verstaatlicht wurden, wurde das Unternehmen als „Steagul roşu“ (Rote Fahne) bezeichnet und auf die Produktion von Lastkraftwagen profiliert. 1954 hat der erste rumänische Lastkraftwagen den Betrieb verlassen. Ab 1971 wurden dann die Lastkraftwagen mit deutscher Lizenz von MAN da gebaut. Außer dem geschichtlichen Werdegang sind da auch Abhörgeräte der Securitate, Häftlingskleidung zu sehen.  Geöffnet bleibt die Ausstellung bis Oktober 2018.  

Anschließend stellte der Kronstädter Historiker Marius Oprea seinen zu diesem Anlass herausgebrachten Band  „Der Tag der nicht vergessen wird. Die Revolte der Kronstädter vom 15. November 1987“ vor. Die inhaltsreiche 600 Seiten umfassende Dokumentation, die von ihm koordiniert wurde, ist des Ergebnis einer umfassenden Arbeit, der Erforschung von Archivmaterial. Teile des Archivs, vor allem von dem Prozess, sind vernichtet worden, andere sind noch unter Verschluss.  Der Band umfasst vor allem Interviews, die 2002 mit Teilnehmern an dem Aufstand vorgenommen worden sind, Dokumente aus dem Archiven von CNSAS. Auch wurde ein Band mit Comic-Zeichnungen  vom bildenden Künstler Mihai Gr˛jdeanu herausgebracht, der in Schulen verwendet werden soll, um die Kinder mit der damaligen Revolte vertraut zu machen.

Abgeschlossen wurde der Tag mit einem Galaabend in der Redoute, der zwei Premieren umfasste. Eine musikalische, die Komposition von Octavian Nemescu (Jahrgang 1940) „Innere Leiter“, die von der Camerta Kronstadt unter der Leitung von Cristian Oroşanu,  mit einer unruhigen Musik mit vielen Pausen, aufgeführt wurde. Dann wurde der Dokumentarfilm „Kronstadt 1987. Zwei Jahre zu früh“ in der Regie von Liviu Tofan gezeigt. Dieser bietet Interviews mit Beteiligten an der Revolte, die über die Verhöre und ihre Deportation berichten. Eingeblendet sind Auszüge aus den Kulturveranstaltungen jener Zeit „Cântarea României“. Die Aussagen des damaligen Kommandanten der Miliz Alexandru Ionaş, der versucht sich herauszuhalten und  alle Anschuldigungen auf die Securitate abschiebt, scheinen unglaubhaft. Auch wird immer von den Aktionen beim Kreisrat gesprochen. Vor 30 Jahren war das das Gebäude des Kreiskomitees der RKP und des Kreisvolksrates. Der Film ist beeindruckend und lohnt sich gesehen zu werden. Am gleichen Abend wurde eine Kurzfassung davon auch vom Nationalfernsehen TVR 1 übertragen.

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