Autobahn entlastet Stadt und Grenzübergang

Nadlak auch im Nachteil: Finanzquelle versiegt

Mittwoch, 22. Juli 2015

Nur noch selten fahren nach der Eröffnung der Autobahn LKW durch das Grenzstädtchen Nadlak.

Viermal pro Stunde geht Mihai Veleg auf den Turm hinaus und verkündet die Uhrzeit. Nach acht Stunden wird er von einem Kollegen abgelöst.

Weniger Durchreisende, kaum noch Treibstoffabsatz: Das einst florierende Geschäft mit den Tankstellen geht in Nadlak dem Ende zu.

„Im Vergleich zu anderen Grenzstädten ist Nadlak nach wie vor eine ruhige Stadt, mit einer verhältnismäßig geringen Anzahl an Ordnungswidrigkeiten oder Verbrechen“, sagt der Bürgermeister und zeigt auf den Monitor für die Überwachungskameras.

Im Volk heißt es, dass die kleinen Grenzübergänge auch im grenzüberschreitenden landwirtschaftlichen Interesse geplant waren. Offiziell wird darüber nicht gesprochen.

Mit 130 Stundenkilometern fährt der Kleinbus der BZ über die neu eröffnete Strecke der A1 in Westrumänien. Von der Grenze bei Nadlak bis in die Randviertel der Großstadt Temeswar/Timişoara dauert die Fahrt genau 50 Minuten; knapp eine Dreiviertelstunde davon ist der Wagen auf der Autobahn unterwegs. Über die Nationalstraße, durch all die Ortschaften auf einer einhundert Kilometer langen Strecke dauert eine solche Fahrt mindestens doppelt so lange.

168 Treppen geht es hinauf in den Turm der evangelisch-lutherische Kirche der Slowaken in der Kleinstadt Nadlak/ Nădlac an der westrumänischen Grenze. Jede Viertelstunde muss der Turmbläser hinaus auf das umzäunte Plateau, verkündet mit seiner simplen Metalltrompete die Uhrzeit und blickt dabei über die Dächer der vielen imposanten Bauernhäuser, aber auch auf villenähnliche Neubauten. Es ist Nostalgie pur, was der Bürgermeister Vasile Ciceac vor etwa zehn Jahren wieder ins Leben gerufen hat, nachdem eine solche Tradition bereits vor der Wende von 1989 und auch lange davor Bestand hatte. In Zeiten mit reichlich weniger HighTech war der Turmbläser auch der Mann, der in Dringlichkeitsfällen die Feuerwehr auf den Plan rief.

Den Turmbläser von Nadlak werden in Zukunft weniger Durchreisende als bisher hören. Die meisten Wagen in Richtung Westeuropa umfahren nämlich seit wenigen Tagen den bisher am stärksten ausgelasteten Grenzübergang Rumäniens, jenen bei Nădlac - Nagylak. Zehn Kilometer vom bisherigen Grenzübergang liegt nun Nadlak II, der Übergang, an dem die rumänische A1 und die ungarische M43 aufeinander treffen. Um 280.000 Lei hat die Rumänische Regierung mehr als ursprünglich vorgesehen in den neuen Grenzübergang zwischen Nădlac - Csanadpalota in Ungarn investiert. Zehn Fahrspuren gibt es in jede Fahrtrichtung.

Die Tatsache, dass vor allem die LKW nun nicht mehr durch seinen Ort fahren nimmt Bürgermeister Vasile Ciceac eine ganze Menge Sorgen ab. Vor allem an Wochenenden und gesetzlichen Feiertagen, wenn Fahrverbot für Großlaster in Ungarn herrscht, musste die Stadt ihre Kommunalpolizisten als Ordnungshüter auf dem Parkplatz für LKW am Ortseingang einsetzen. Kilometer lange Warteschlangen hatten sich gebildet. „Wir waren manchmal buchstäblich terrorisiert von den Großlastern“, sagt der Bürgermeister. Die Nationale Polizei verweigerte – angeblich aus Personalmangel – ihre Unterstützung. Deshalb musste die Kommunalpolizei aus Nadlak nicht nur für die Sicherheit auf dem Parkplatz am Ortseingang sorgen, sondern auch den Verkehr regeln, vor allem dann, wenn sich Warteschlangen von mehreren Kilometern gebildet hatten. „Und auch danach blieb immer viel Müll zum Aufräumen“, sagt der Bürgermeister. Er weist darauf hin, dass bis zur Eröffnung der Autobahn über die DN 7 oft mehr als 10.000 LKW pro Tag den Ort durchfuhren.

Vorhersehbar: Finanzielle Einschritte und weitere Erwerbslose

Trotz all dieser positiven Aspekte und dem Wissen, dass seine Ortschaft „am nahesten zum Schengener-Raum liegt“, hat diese Autobahn auch ihre Schattenseiten. Bürgermeister Ciceac denkt dabei sowohl an seinen Haushalt, als auch an Absatzminus von Unternehmen und wahrscheinlich damit direkt verbundene Arbeitsplätze. Zu Beginn seiner Amtszeit hatte der Grenzübergang mit seinen Duty-Free-Shops seiner Ortschaft noch viel Geld in die Kasse gescheffelt. Etwa 2,4 Millionen Lei waren es im Jahr. „Als 2007 nach dem EU-Beitritt die Shops an der Grenze schließen mussten, war das ein harter Schlag für unseren Haushalt“, sagt der Bürgermeister, der zugibt, zwar geahnt zu haben, dass es Einschnitte geben würde, doch nicht von solchem Ausmaß. Vor allem im ersten Jahr habe dies seine Finanzplanung stark getroffen. Dazu kommt, dass 200 Arbeitsplätze verloren gingen: Am Zoll und in den Läden. Der Bau der neuen Autobahn wird nun eine ähnliche Situation heraufbeschwören, wenn auch von geringerem Ausmaß. „Drei von sechs Tankstellen an der Nationalstraße 7 im Weichbild der Ortschaft werden durch den Verkehrsrückgang schließen müssen“, glaubt Bürgermeister Ciceac. Manch ein Westeuropäer hat zuletzt lieber in Ungarn getankt, da seit Monaten der Treibstoff im Nachbarland günstiger ist. „Trotzdem haben viele noch in Rumänien getankt, da sie rumänisches Restgeld in der Tasche hatten“, sagt der Bürgermeister. Auch sonst wird nun so manches Erfrischungsgetränk weniger abgesetzt, und der Verkäufer der Straßenmaut-Vignette wird um einiges ärmer, wenn künftig Großlaster, Busse und auch viele PKW weit am Ort vorbeisausen und die A1 nehmen werden, zumal vorläufig nicht mal eine Autobahnmaut fällig ist. Erst bei der Autobahnausfahrt bei Jahrmarkt/ Giarmata im Kreis Temesch brauchen Autofahrer nun eine Vignette für die Nationalstraßen und die können sie, gerade an der Ausfahrt erstehen, wie die Behörde für Nationalstraßen und Autobahnen vor Kurzem mitteilte.

Autobahn macht Investitionsboom möglich

Den letzten Zweifel, dass die soliden und großen Bauernhäuser im Ortszentrum einst von wohlhabenden Bürgern bewohnt waren, nimmt Bürgermeister Ciceac, der 40 Jahre nach seiner Zuwanderung – wie er selbst sagt – ein „eingefleischter Nadlaker“ geworden ist. „Nur wer in Nadlak nichts anpflanzt oder aussät, der hat auch nichts zu ernten“, oder „wenn in Nadlak ein schlechtes Landwirtschaftsjahr ist, dann erlebt der Rest des Landes eine Katastrophe“. Mit solchen Sprüchen zeigt Vasile Ciceac auf, wovon seine Mitbürger vor allem leben. 80 Prozent der Einnahmen der Kleinstadt kommen heute aus der Landwirtschaft. 12.600 Hektar ertragreiche Tschernosiom-Böden, bringen die Ernten. Früher hatten die Bürger ihr Farmhaus auf dem Feld. Doch die Zeit ist auch in Nadlak nicht stehen geblieben, denn heute verdient nicht jeder sein Geld in der Landwirtschaft, im öffentlichen Dienst oder im privaten Dienstleistungssektor. Vor allem für die 200 Personen aus dem Ort, die nach Arad pendeln, würde Vasile Ciceac liebend gerne mehr Industrie ansiedeln.

Eine solche hat bereits in Nadlak Fuß gefasst. 28 Hektar Gewerbegebiet stehen potentiellen Investoren zur Verfügung. Strom- Gas- und Wasseranschluss führt bis zum kleinen Industriepark. Kanalisationsarbeiten erfolgen gerade in der Stadt an der Nationalstraße 7, nahe der Grenze zu Ungarn – was ebenfalls als Standortfaktor gilt. So etwas wie ein Vorreiter ist die Rumänienniederlassung der deutschen, in der Verpackungsindustrie tätigen, Firma Marbach. Sie ist bereits seit 16 Jahren vor Ort und beschäftigt derzeit 26 Mitarbeiter. Marbach und seine Kunden profitieren voll von der neuen Autobahn. Die Produkte kommen über die Autobahn schneller zu einem der Hauptkunden im tschechischen Brno. „Über die Autobahn hat es einer unserer  Fernfahrer geschafft, die 580 Kilometer nach Brno und zurück in einer Schicht zurückzulegen“, sagt der Produktionsleiter von Marbach Rumänien, Ján Iacansky.

„Wasser, Gas, Straßen und Kanalisation“, zählt der Bürgermeister alle großen Infrastrukturprojekte seiner Amtszeit auf. Er übt nun bereits sein drittes Mandat als Bürgermeister aus und schließt damit irgendwie an eine Familientradition an, denn auch sein Großvater war einst Bürgermeister, wenn auch nicht in Nadlak. Mittlerweile spricht Ciceac slowakisch, aber auch deutsch. Deutsch aus seiner Zeit im Außenhandel, slowakisch ist im Ort unumgänglich, denn fast die Hälfte der Bürger gehören dieser ethnischen Minderheit in Rumänien an. Ebenfalls nahezu die Hälfte sind Rumänen. Die etwa sieben verbliebenen Prozent teilen sich die restlichen Ehnien untereinander auf. Darunter die Mitglieder der zwei deutschen Familien im Ort. Bei dieser Bevölkerungsaufteilung kein Wunder, wenn es am Gymnasium mal zwei Parallelklassen in slowakischer Muttersprache und eine in rumänischer Sprache gibt, in anderen Jahren sind die Verhältnisse umgekehrt.

Gerade die Bildung macht der Kommunalverwaltung seit Jahren zu schaffen. Nun zwei von insgesamt zehn Gebäuden, die zu Bildungszwecken genutzt werden, sind auch Gemeindeeigentum. Die anderen wurden an religiöse Gemeinschaften rückerstattet, was nicht zuletzt hohe Mietkosten erfordert. Aus EU-Geldern erfolgt derzeit der Bau eines neuen Schulcampus, nachdem die Regierung ihre Finanzierung eingestellt hatte, als gerade mal ein paar Fundamente gegossen waren. Auf dem Schulcampus sollen nicht nur Schüler aus der benachbarten Gemeinde [eitin eine Unterkunft im Internat haben, sondern Bürgermeister Ciceac denkt auch fest darüber nach, eine Berufsschule ins Leben zu rufen. „Keinesfalls so, wie diese einst in Rumänien funktioniert hat, sondern nach deutschem Muster“. Ersteinmal Fachkräfte für die Landwirtschaft sollen in der Bildungseinrichtung angelernt werden.

Zumindest bis dato: EU-Mittel verprasst

Auf einer einsamen Landstraße macht Bürgermeister Ciceac den Fahrer und Fremdenführer für die Banater Zeitung. Kein Wagen kommt uns entgegen, keiner überholt uns. Warum auch? Die Straße führt eigentlich nirgends hin – an einer Schranke ist Halten angesagt, denn auf der anderen Seite liegt Ungarn. Gebaut wurde die Straße aus EU-Geldern. Sie ist eine von 20 dieser Art im Verwaltungskreis Arad, die von Wind und Wetter mehr belastet werden, als von Autoreifen. Sie wurden eigentlich gebaut, um Bürger und Ortschaften miteinander zu verbinden. Der Senator und ehemalige rumänische Innenminister Traian Igaş sagt dazu, dass die rumänische Seite sich weigere, diese Grenzübergänge zu öffnen. Dass es dieses Interesse in Ungarn gibt, hatte vor Kurzem der ungarische Vizepremierminister Semjén Zsolt gesagt, als er bei der Eröffnung der Autobahn zugegen war. Genutzt oder ungenutzt, solche Landstraßen, in unmittelbarer Nähe zweier anderer Grenzübergänge geben das Gefühl, als sei hier nicht Asphalt gelegt, sondern ein Millionengrab geschaufelt worden.

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