Babylon – ein Spiel für „gelenktes Schreiben“ bei Jugendlichen

Spiele zur Förderung der Schreibkompetenz bei zweisprachigen Kindern

Samstag, 07. Dezember 2013

Das Projekt Kids2Write wurde im Oktober bei der Salzburger Spielemesse vorgestellt.

Für mehr als die Hälfte der jungen Erwachsenen Europas stellt das Schreiben längerer Texte eine Herausforderung dar. Viele der gut ausgebildeten Schülerinnen und Schüler beim Schreiben einer Bewerbung, eines Briefes oder ihres Lebenslaufes mit Problemen konfrontiert. Dabei sind die jungen Leute weder Analphabeten oder Menschen mit Legasthenie, noch leiden sie an anderen Schreibstörungen. Schreiben, egal ob „von Hand“ oder mit Computer, ist für viele einfach uninteressant. Laut Eurostat 2008 wird die Handschrift regelmäßig von den Jugendlichen in Europa nur noch selten verwendet (8 Prozent der Deutschen, 4 Prozent der Niederländer, 9 Prozent der Österreicher, 31 Prozent der Rumänen). Heute schreiben 84 Prozent aller jungen Europäerinnen und Europäer SMS, kommunizieren schriftlich in Chatrooms oder Foren und benutzen dabei ein neues Schreibsystem, bei dem Lexik, Icons und Kürzel zu einem neuen Code vermischt werden.

Von dieser Veränderung und Entwicklung sind alle Sprachen Europas betroffen. Die rückläufige Schreibkompetenz führt zu tiefgreifenden Konsequenzen für den Bildungsbereich, aber auch für die administrative Kommunikation, die Mediengestaltung und Mediennutzung. Mehrsprachige Menschen sind „doppelt“ betroffen. Zwei- oder mehrsprachige Kinder in den meisten Ländern Europas erlernen die Fertigkeit Schreiben in einer einzigen Sprache, meistens in der Landessprache, indem sie in die Schule gehen. In einer Migrantenfamilie oder einer binationalen Familie, die zu Hause eine zweite Sprache spricht, wird diese zweite Sprache beim Schreiben nicht berücksichtigt. Sehr oft setzen sich diese Kinder ein Leben lang mit Problemen auseinander, wenn es sich um den schriftlichen Ausdruck handelt. Die Kompetenzen und Fähigkeiten mehrsprachiger Kinder, Jugendlicher und Erwachsener werden dabei nur unzureichend eingesetzt, sodass die sprachliche Vielfalt Europas nicht als Potenzial genutzt wird.

Ein europäisches Projekt zum lebenslangen Lernen (LLP) ist bei der Europäischen Kommission unter dem Namen Kids2Write eingetragen. Wegen der als Zahlenrätsel gedachten Schreibart kann der Projektname bedeuten, Kinder zum Schreiben zu bringen oder Kinder schreiben in zwei Sprachen. Die beiden Lesarten ergeben sich durch die Ziffer 2, die im Englischen als „to“ oder „two“ gelesen werden kann. Die Projektpartner nehmen sich vor, das sozio-pädagogische Problem der mehrsprachigen Kinder Europas mit Hilfe der zweisprachigen Spiele und der didaktisch-ludischen Methoden zu lösen. Kids2Write  versteht sich als ein Folge-Projekt von Kids2Talk (Kinder zum Sprechen bringen oder Kinder sprechen in zwei Sprachen) und nimmt sich vor, durch Spiele Unterstützung zu bieten, indem Spaß und Motivation zum Schreiben an erster Stelle stehen, um diese Fertigkeit für Kinder und Jugendliche attraktiver zu gestalten.

Sieben Partnerinnen und Partner aus fünf Ländern (Deutschland, Griechenland, Österreich, Rumänien und der Türkei) nahmen an dem Projekt Kids2Write teil. Von November 2011 bis Oktober 2013 arbeiteten sie an der Spielegestaltung. Ca. 900 Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Multiplikatoren beteiligten sich an der Entwicklung und Erprobung der Spiele. Projektbeiräte begleiteten das Projekt und mehr als fünfzig Expertinnen und Experten für Spielentwicklung, Mehrsprachigkeit, Schrifterwerb, Entwicklungspsychologie und innovative Lerntechnologien standen für das Projekt zur Verfügung. An der Gestaltung nahmen professionelle Spielentwickler, Grafiker und Designer teil.
Die Spielanleitungen und das Kids2Write-Handbuch stehen in deutscher, englischer, griechischer, rumänischer und türkischer Sprache zur Verfügung. Bei der Erprobung der pädagogischen Werkzeugboxen zur Förderung der schriftlichen Ausdrucksfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen mit mehrsprachigem Hintergrund in Europa standen Kinder im Alter von 6 bis 10 sowie Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren im Mittelpunkt. Mehrsprachige Kinder sollen möglichst früh durch das Motivationsprogramm Kids2Write die mehrsprachige Schreibkompetenz erwerben, um den schriftlichen Ausdruck zu steigern und weiter zu entwickeln.

Wichtig ist die Berücksichtigung der schriftlichen Kompetenz bei Kommunikationsteilhabern, die mehrere Sprachen beherrschen, dabei aber in den verschiedenen Sprachen unterschiedliche schriftliche Ausdrucksfähigkeiten aufweisen. Dabei werden der Übergang von der mündlichen zur geschriebenen Sprache bei Kindern als primäre Schreibkompetenz und bei Jugendlichen als sekundäre Schreibkompetenz, die Fähigkeiten der medienspezifischen und literarischen Produktion sowie verschiedene Formen der Schreibkompetenz als handschriftliche und maschinengestützte Schriftsprache in Betracht gezogen. Bildungsträger in vielen EU-Ländern sind zum Schluss gekommen, dass die Kompetenz des schriftlichen Ausdrucks bei Schülerinnen und Schülern, aber auch immer mehr bei Erwachsenen rückläufig ist. Die Fertigkeit Schreiben bedeutet nicht nur die Verbesserung der Rechtschreibung und der mangelhaften schriftlichen Ausdrucksfähigkeit, sondern auch die Entwicklung der Fähigkeiten, einen längeren Text in der Alltagssprache, der Wissenschaftssprache usw. zu verfassen.

Das Team des Kids2Write- Projekts, gebildet aus International Education Information Exchange Stuttgart, Fachhochschule Düsseldorf, Spielzeugschachtel Salzburg, Verein Multikulturell Innsbruck, Directorate of Secondary Education of Katerini, ANUP International Bukarest und Bilkent University Ankara, hat vierzehn mehrsprachige Spiele entwickelt. Dem rumänischen Team gehörten neben Ileana Boeru vom rumänischen Volkshochschulverband auch Dozentin Dr. Hermine Ioana Fierbinţeanu und Prof. Dr. Mariana-Virginia Lăzărescu vom Departement für germanische Sprachen und Literaturen der Universität Bukarest an.
Babylon ist ein Spiel für „gelenktes Schreiben“ bei Jugendlichen. Es geht dabei um Deutsch und die Varietät Rumäniendeutsch. Karten geben Begriffe aus dem Rumäniendeutschen vor. Hieraus muss eine Geschichte in Standarddeutsch geschrieben werden. Beim Spiel Message-Pilot wechseln Kinder oder Jugendliche zwischen den zwei Sprachen, die sie sprechen. Mit geschriebenen Wörtern wird hierbei die schriftliche Ausdruckskompetenz für längere Texte gefördert.

Crazy Family ist eine App für iPhone oder Android-Telefone, bestehend aus fünf Spielen zur digitalen bilingualen Schreibkompetenz – interaktiv und aus dem Leben gegriffen mit Wortschatztraining, Schreibbattles und Übersetzungsspielen. Beim SMS-Spiel entwickeln Jugendliche aus den Codes, die sie bei SMS-Nachrichten verwenden, eine Nachricht oder Geschichte in der Standardsprache. Dabei muss zwischen Sprachen und Stilen unterschieden werden. Bei Story-Rap geht der „Rap“ ab. Mit Wörtern aus verschiedenen Sprachen müssen Geschichten geschrieben werden, die wiederum als Rap vorgeführt werden: ein Spiel zu Rhythmus, Tempo, Klang und Intonation von Sprachen. Bei Word Jungle geht es in bis zu drei Sprachen um Satzbau und Semantik. Aus fünf bedeutungstragenden Einheiten bilden mehrsprachige Schüler Sätze, die ihnen den Weg durch den „Wort-Dschungel“ zeigen.

Das Projekt stützt sich auf die Theorien der Zweitsprachendidaktik, der Mehrsprachigkeit und der Multikulturalität. Die Förderung einer zweiten Sprache neben der Muttersprache, selbst wenn diese eine weniger verbreitete und weniger unterrichtete Sprache – im EU-Jargon eine LWULT-Sprache (less widely used and less taught) – ist, die entweder von ethnischen Bevölkerungsgruppen, von alters her angesiedelten Minderheiten oder von Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund gesprochen wird, entspricht den Forderungen der EU, sodass die Kommunikationsfertigkeiten verbessert und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt gesteigert werden können.

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