Bachsche Kirchenkantaten auf der Opernbühne

Wiederaufnahme des „Actus Tragicus“ im Stuttgarter Großen Haus

Freitag, 09. Mai 2014

Die Wiederaufnahme einer Inszenierung ins aktuelle Repertoire eines Opernhauses ist immer wie eine kleine Premiere. So auch im Falle der von Herbert Wernicke stammenden Inszenierung des „Actus Tragicus“, der am 12. November 2006 in der Stuttgarter Staatsoper erstmals aufgeführt wurde und am 29. April unter der Ägide von Dirk Schmeding seine Wiederaufnahme erlebte und dabei vom Publikum dieser ‚kleinen Premiere’ mit großem Applaus und ausdauernden Bravorufen bedacht wurde.

Herbert Wernickes „Actus Tragicus“, der im Dezember 2000 im Theater Basel uraufgeführt wurde, stellt ein interessantes musikalisches und choreografisches Experiment dar. Sechs Kirchenkantaten Johann Sebastian Bachs (BWV 25, 26, 27, 106, 178, 179) werden in dieser Operninszenierung ohne Unterbrechung hintereinander gesungen, wobei Chor und Solisten nicht, wie bei kirchlichen Aufführungen, statisch an einem Ort verharren, sondern permanent in Bewegung sind.

Die sechs geistlichen Kantaten stammen mit einer Ausnahme allesamt aus Bachs Leipziger Zeit, wo der große Barockkomponist als Kantor Sonntag für Sonntag die Gottesdienste in der Leipziger Thomaskirche mit oftmals von ihm selbst komponierten Kantaten musikalisch bereicherte. Allein die Kantate BWV 106 „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“, die mit ihrem Nebentitel „Actus Tragicus“ auch der gesamten Operninszenierung ihren Namen gab, stammt aus Bachs Mühlhausener Zeit und gehört damit zu den Frühwerken des damals erst 22-jährigen Komponisten. Sie besteht aus der Vertonung von Bibelzitaten aus dem Alten und Neuen Testament sowie aus Strophen von Kirchenliedern Martin Luthers und dessen Zeitgenossen Adam Reusner.

Das Thema dieser frühen wie auch der über zwanzig Jahre später entstandenen Leipziger Kantaten ist der barocke Vanitas-Gedanke. Die Flüchtigkeit und Nichtigkeit des menschlichen Lebens, seine Vergänglichkeit und Endlichkeit werden hier nach allen Regeln der musikalischen und poetischen Kunst zelebriert, besungen und mit Instrumenten, darunter auch Laute und Gambe, intoniert. Sterben und Todesnot, Verzweiflung und Weltmüdigkeit, Krankheit und Schmerzen finden ihre transzendente Antwort in Gottes Halt und Jesu Hilfe. So heißt es im Schlusschoral der Kantate BWV 26, der auf eine Liedstrophe Michael Francks zurückgeht: „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig / Sind der Menschen Sachen! / Alles, alles was wir sehen, / Das muss fallen und vergehen. / Wer Gott fürcht’, bleibt ewig stehen.“

Der vor 12 Jahren verstorbene Opernregisseur, Bühnen- und Kostümbildner Herbert Wernicke hat sich bei der Inszenierung seines „Actus Tragicus“ der barocken Metapher des Welttheaters, des Theatrum Mundi, bedient. Ein mehrstöckiger aufgeschnittener Wohnblock gibt den Blick auf ein Treppenhaus und über ein Dutzend Zimmer frei, in denen sich die Gesangssolisten und die Chorsänger treppauf treppab von Wohnung zu Wohnung in ständiger Bewegung befinden. Das an ein Puppenhaus gemahnende Bühnenbild wird so zum Symbol des „Weltgetümmels“, des ständig sich wiederholenden Lebensvollzugs, sei es im banalen Alltag, sei es in einzelnen herausgehobenen Momenten.

Hier wird zu Mittag gegessen, dort wird gebügelt, hier werden bei einem Umzug Bücher eingeräumt, dort spielt ein Junge Ball, hier kleidet sich eine Frau um, dort liebt sich ein Paar, hier möchte sich einer umbringen, dort liegt einer krank zu Bette, hier wird ein Brautkleid anprobiert, dort bringt der Postbote einen wichtigen Brief. Und in der untersten Kammer liegt, in einer plastischen Nachbildung des von Hans Holbein dem Jüngeren stammenden Gemäldes „Der Leichnam Christi im Grabe“ (1521/22), der tote Christus als liegende Skulptur und verwandelt dadurch die ganze Szenerie in ein monumentales Altarretabel, das auf der Predella des Grabes Christi aufruht.

Auf überaus kunstvolle Weise hat Herbert Wernicke in seinem „Actus Tragicus“ verschiedene Rollen geschaffen, die sich durch sämtliche sechs Bach-Kantaten ziehen und den einzelnen Sopranistinnen, Altistinnen, Tenören und Bassisten im Kontext der diversen geistlichen Werke Auftritte ermöglichen, die die Rezitative und Arien der einzelnen Kantaten mit dem übergreifenden Rollenkonzept des „Actus Tragicus“ in Einklang bringen. So singt beispielsweise die bügelnde Wäschefrau, glänzend verkörpert durch den Kontratenor Kai Wessel, in der ersten Kantate rezitativisch die Verse „Die Gott im Glauben fest umfassen, / Will er niemals versäumen noch verlassen“, und in der zweiten Kantate erklingt von ihm die Arie „Willkommen! Will ich sagen, / Wenn der Tod ans Bette tritt“, wobei der Sänger das soeben gebügelte Hemd wie ein Totenhemd in die Höhe hält.

Desgleichen brillierten im Stuttgarter „Actus Tragicus“ Josefin Feiler (in ihrer trotz angekündigter Indisposition glänzenden Rollenpremiere) als die Frau mit den roten Schuhen, Cristina Otey als die Frau mit den Büchern, die Tenöre Martin Petzold und Michael Nowak als der Raumvermesser bzw. als der Mann mit der Uhr sowie die Bassisten Daniel Henriks und Shigeo Ishino als der Blinde bzw. als der Kranke. Auch Josua Bernbeck vom Knabenchor Collegium Iuvenum Stuttgart überzeugte als der Junge mit dem Ball trotz einiger kleinerer stimmlicher Unsicherheiten.

Manchmal freilich kommt es in der Stuttgarter Inszenierung zu Interferenzen zwischen Opernrolle und Kantatentext, wenn beispielsweise die Frau mit den roten Schuhen zu den Worten „Ja, komm, Herr Jesu, komm“ eine glänzendes Halsgeschmeide anlegt, sich einen prächtigen roten Fingerring ansteckt und in feiner Abendrobe vor einem großen Spiegel sich selbstverliebt dreht. Hier stößt die barocke Eitelkeit hart an das christliche Credo, aber vielleicht ist auch dies wiederum bloß eine Metapher: Christus ist der Diamant, der Rubin, das prächtige Gewand, der wirkliche Schmuck des wahrhaftig Gläubigen.

Nur zu bewundern sind in der Stuttgarter Aufführung des „Actus Tragicus“ die Leistungen des Stuttgarter Staatsopernchores, der nicht nur gesanglich beeindruckte, sondern auch das Meisterstück fertigbrachte, präzise und exakte Einsätze zu bringen, obwohl die einzelnen Sängerinnen und Sänger oftmals ohne Sichtkontakt zueinander, auf einzelne durch Wände getrennte Zimmer verteilt, ihre kollektiven Parts zu intonieren hatten.

Verdienten Beifall erntete nicht zuletzt das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Michael Hofstetter, der nach dem Ende der Vorstellung beim Schlussapplaus mehrfach auf die Bühne gerufen wurde, wobei ihm und dem Orchester nicht nur seitens des Publikums, sondern auch seitens der Gesangssolistinnen und -solisten dankbar applaudiert wurde. So fand die innere Spannung der geistlichen Werke äußerlich Erlösung in weltlichem Beifall.

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