Bärenwatch, Wisentsafari oder Fischerromantik...

Rumäniens langer Traum vom Ökotourismus: Chancen, Pläne, Stolpersteine

Sonntag, 15. Mai 2016

Geheimtipp: Hölzerne Dorfbäder in der künftigen Ökodestination „Băile Tuşnad und Umgebung“
Foto: AER

Im Bukarester Dorfmuseum kann man sich demnächst über Ökotourismus im Donaudelta informieren - und mit der Canotca am Herastrău See schon mal probefahren!
Foto: die Verfasserin

„Es geht nicht darum, an alle Ecken der Welt zu gelangen, sondern darum, ob es noch wert ist, dahin zu kommen“. Mit diesem Leitsatz gewappnet koordiniert Herbert Hamele seit über 20 Jahren das Ecotrans Netzwerk in Europa. Erklärtes Ziel der EU-Kommission: Bis 2030 soll die Europäische Union Nummer Eins der nachhaltigen Tourismusziele werden. Längst ist Ökotourismus keine exotische Nische mehr, sondern beinahe schon ein Trend. Auf jeden Fall ein Zukunftstrend! Laut Onlineplattform Tripadvisor wollen 71 Prozent der Touristen im Urlaub mehr auf die Umwelt achten - 65 tun es schon und  21 würden dafür sogar mehr zahlen. Auch 50 Prozent aller Deutschen wollen Natur im Urlaub sehen. Grün reisen wird für viele zur Lebensphilosophie.

Doch wohin? Rumänien ist ein heißer Tipp mit seiner ursprünglichen Wildnis und einer anderswo längst verlorenenen Biodiversität. Andererseits verschrecken Müllberge und Partylärm vor allem ausländische Touristen. Und noch etwas kommt hinzu: In der Natur will man aktiv sein! Radfahren, wandern, reiten, rudern und klettern. Bären beobachten, dem Luchs auflauern, Vögel mit dem Tele einfangen, Fährten der Wölfe lesen, durch Urwälder streifen oder an der wilden Steppenpfingstrose schnuppern. Dinge tun, die man anderswo nicht mehr tun kann, weil es sie dort nicht mehr gibt. Für die man aber auch ein Minimum an Infrastruktur benötigt. Ist Rumänien reif, auf den anrollenden Zug „Ökotourismus“ aufzuspringen?  Freilich muss man zugeben, dass es hier schon lange eine Art „Schattenökotourismus“ gibt: Pensionen, in attraktiver Landschaft gelegen, die sich mit traditionellen Köstlichkeiten aus eigener Produktion loben und Aktivitäten in der Natur anbieten – ganz ohne „Schein“.

Doch sind dies meist isolierte Inseln mit begrenztem Freizeitangebot, gegen Müllberge vor der Haustür und anderen Unbill nicht gefeit. Der Kunde aber will Vielfalt und Qualitätsgarantie! „Noch gibt es hierzulande keine Region mit dem ausgewiesenen Statut einer Ökodestination“, erklärt Andrei Blumer, der Leiter des Ökotourismus-Netzwerks AER (Asociaţia de Ecoturism România). Es soll jedoch im Laufe des Jahres erstmals dazu kommen, denn zwei Regionen erfüllen bereits die Anforderungen: das Zârneşti-Königstein-Gebiet im Kreis Kronstadt/Braşov und die Mara-Cosău-Creasta Cocoşului-Region in der Maramuresch. Acht weitere Destinationen sind im Aufbau: das Donaudelta, die Hügelwelt Siebenbürgens, Margiminea Sibiului, Haţeg und Retezat, das Dornaland mit dem Căliman-Nationalpark, Pădurea Craiului im Westgebirge, das Wisentreservat in Neamţ und Băile Tuşnad mit Umgebung im Szeklerland.

Lokale Partnerschaft mit gemeinsamer Vision

Unter Ökodestination versteht man eine geografische Region, bestehend aus einer geschützten Zone und einer Dörfergemeinschaft, die bereit ist, eine nachhaltige und verantwortungsbewusste Lokalpolitik unter Koordination zu akzeptieren. Dies setzt nicht nur eine Managementeinheit voraus, für die es in Rumänien keinen gesetzlichen Rahmen und keine Erfahrungswerte gibt, sondern auch die Unterstützung lokaler und  staatlicher Behörden. Schwierigkeiten bereiten zudem oft lokale Einwohner, die eine andere Vorstellung von Fortschritt haben und die Öko-Vision gefährden. Etwa in Sfântu Gheorghe, wo man auf einem Betonweg durchs Donaudelta bestand, führt Teodor Frolu von der „Asociaţia Ivan Patzaichin - Mila 23“ an. Oder die zahlreichen protzigen Neubauten, die das dörfliche Bild in der Maramuresch zerstört haben. „Die schwierigste Aufgabe hat der Destinationsmanager, der es allen recht machen muss“, unkt Blumer. Dabei soll das Ökotourismuskonzept vor allem den Einwohnern Vorteile bringen, denn auf lokale Produkte und Dienstleistungen wird größten Wert gelegt.

Bliesgau zeigt, wie es gehen kann

Hamele illustriert am Beispiel Biosphärenreservat Bliesgau (Saarpfalz), wie es gehen kann. Auf der Internetplattform von Ecotrans ( www.destinet.eu) findet man die zertifizierte Destination auf den Green Travel Maps. Label-Guides bringen Klarheit in die Vielfalt der Zertifikate: Was bietet „Greenkey“, „Biohotels“ oder „Quality Coast“? Wo bekommt man lokale Bio-Lebensmittel und Handwerkskunst mit Öko-Siegel? Auch Analysen zur Wasserqualität werden geboten. Das touristische Potenzial des Bliesgau bilden Natur, Kultur und industrielles Erbe. Jede Stunde zirkuliert zwischen den Sehenswürdigkeiten ein kostenloser Biosphäre-Bus. 20 Führer wurden speziell ausgebildet und Reisepakete für alle Interessensgruppen geschnürt. Es gibt z.B. Travel-Packages für Familien oder Betriebsausflüge, wo man einen See queren und am Ufer picknicken kann. Die Green Maps helfen öko-zertifizierten Anbietern, vom Kunden gefunden zu werden, aber auch, ihre Nische auf dem Markt auszuloten: Was gibt es schon in der Region, in welche Lücke kann ich stoßen? Zudem wurden 250 lokale, nicht zertifizierte Unternehmen eingeladen, sich dem Öko-Konzept anzuschließen: Man stellte ihnen das Zertifizierungsverfahren vor und unterbreitete einen konkreten Vorschlag zur Konversion.

Endlich alle in einem Boot?

Von soviel Einigkeit kann man in Rumänien freilich nur träumen... Geldmangel gilt jedoch nicht als Ausrede, warnt AER-Manager Bogdan Papuc. Premierminister Cioloş hat ein Maßnahmenpaket zur Stärkung der Mittelklasse in den Dörfern geschnürt, wobei ein Punkt die Entwicklung von Agro- und Ökotourismus sei, erklärt er. Außerdem stehen EU-Gelder aus  Norwegen- und Schweizer-Fonds zur Verfügung. Neuer Partner von AER ist zudem die Nationale Tourismusbehörde (ANT), die zur Unterstützung der Ökotourismus-Strategie eine interministerielle Arbeitsgruppe ins Leben gerufen hat. Gesetze müssen angepasst werden, damit lokale Produkte verwendet werden dürfen und die für die Koordination einer Destination erforderliche Struktur einen rechtlichen Rahmen bekommt. AER stellt derzeit Richtlinien für ein Destinationsmanagement auf, Seminare sollen das Know-How vermitteln. Als nationale Strategie kann Ökotourismus nur mit Hilfe von ANT umgesetzt werden, begrüßt Blumer das Interesse des Ministeriums. „Wichtig ist, dass man jetzt vom ‚Doktoratsniveau‘ herunterkommt. Die Herausforderung besteht darin, die geschaffenen Werte auch wirtschaftlich zu nutzen.“

Im Strohhaufen schlafen - darf man das?

Freilich gibt es auch noch einige Stolpersteine zu beseitigen. Auf der nationalen Ökotourismuskonferenz am 31. März im Bukarester Dorfmuseum zeigt man einem erstaunten Publikum Bilder von rotweiß karierten Kopfkissen im Stroh! Eine ganze Reihe Pensionen in der Schweiz hat sich zu einer Vereinigung zusammengeschlossen, die das Schlafen im Stroh bewirbt - mit Riesenerfolg! „Bei uns hingegen bekommt schon eine Pension aus Holz keine Brandschutzgenehmigung mehr von den Behörden“, kritisiert Papuc. Eine andere beliebte Idee aus der Schweiz: kleine, dörfliche Bierbrauereien. Für solche Konzepte ist Umdenken von Behördenseite gefordert – aber auch ein Kundenkreis, der die Herausforderung annimmt, statt im komfortablen Sternebett mit Flachbildschirm-TV mal im duftenden Strohhaufen zu nächtigen.

Geplante Ökodestinationen

Zărneşti-Königstein: (www.eco-romania.ro,Tel. 0752 348250) Zărneşti hat sich von einer Industriestadt mit Null Tourismus zum gesuchten Ziel ausländischer Besucher gewandelt, weil man nur dort große Raubtiere beobachten kann. Für Bärenwatch gibt es kundige Führer und Beobachtungsstände. Am Königstein kann man den Spuren von Luchsen und Wölfen folgen. Die Nachfrage aus Westeuropa stieg 2002 schlagartig mit der Schaffung einer entsprechenden Infrastruktur von Null auf 120 Gruppen.  
In der Mara-Cosău-Piatra Cocoşului Region (www.ecomaramures.com,Tel. 0745 332022) sind Holzkirchen die Hauptattraktion. 88 Kilometer Greenway bieten sich zum Wandern, Radfahren oder für Pferdewagentouren an, weitere 180 Kilometer sind in Planung. Hinzu kommen 250 Kilometer Radweg. 20 traditionelle Handwerker erlauben dem Besucher, sich sein Souvenir selbst zu fertigen. Nicht alle wollten jedoch ins Verzeichnis von AER aufgenommen werden, aus Angst vor dem Fiskus... Eine wetterfeste Karte von Discover Eco-Romania fasst touristische Pfade und Attraktionen zusammen.

Băile Tuşnad und Umgebung (www.eco-turism.ro, Tel. 0736 351916): Die Stadt ist bekannt als Badekurort - aber warum mit Umgebung? Weil fast jedes Dorf ein eigenes Bad hat! Wer mit dem Rad unterwegs ist, kann mal da, mal dort eine Wellnesspause einlegen, einen typisch szeklerischen Holzpfahl-Friedhof bestaunen oder eine fleischfressende Pflanze entdecken.
Hauptsehenswürdigkeiten sind der Sankt-Annen See und das  Piatra Şoimilor Reservat. „Descopera“-Führungen sollen dort mit viel Humor Natur und Traditionen vermitteln: eine Safari zur Biberburg, Workshops für Handwerk und Volkstanz. „Incearca“ lautet das Label für Dinge zum Ausprobieren: das Thermalbad mit Mofetten, traditionelle Holzbäder, Kajak, Rafting oder Hundeschlittenfahrten. Das Programm „Gusta“ fordert die Geschmackspapillen heraus - und es gibt bestimmt mehr als nur Gulasch!

Wisentreservat  (www.tinutulzimbrului.ro, Tel.  0747 430356): Im Wisentreservat von Neamţ leben die sanften Riesen aus der Urzeit - wieder - in freier Wildbahn. Auf organisierten Safaris kann man ihnen begegnen: Geschossen wird natürlich nur mit dem Fotoapparat. Zudem locken herrliche Wälder - Pădurea de Argint, Codrii Arama - und eine Reihe von Klöstern, z.B. Agapia, Neamţ und Văratec.
Donaudelta (www.ecodeltadunarii.ro,Tel. 0213 123835): Hier ist die „Vereinigung Ivan Patzaichin - Mila 23“ in ihrem Element. Seitdem das traditionelle Fischerboot Lotca nicht mehr gebaut wird, soll deren leicht verbesserte Version - die hölzerne Canotca - zum Symbol des Deltas werden,  Motorboote verdrängen und chinesische Plastikboote erst gar nicht aufkommen lassen. Ein neues Konzept, Pescatourismus, lädt zu einer Fahrt mit Fischern des Orts ein. Anschließend gibts den Fisch traditionell zubereitet - und mit Geschichten gewürzt! Die Elemente sind einfach: Boot - Gastro - Natur - Tradition, erklärt Manager Teodor  Frolu. In Chilia wurden zudem mit extra hierfür ausgebildeten Häftlingen aus dem offenen Vollzug Häuser aus traditionellen Naturmaterialien auf einem Versuchsgelände gebaut. Auf das touristische Potenzial von Birdwatching verweist die Rumänische Ornithologenvereinigung. Größte Zielgruppe: Briten und Spanier. Allein die britische Birdwatcher-Vereinigung hat 2000 Angestellte, 13.000 Volontäre und eine Million Mitglieder, so Ovidiu Bufnilă  - potenzielle Kunden, die natürlich auch ökomäßig untergebracht werden wollen! Wichtig sind naturkundige Führer: Einen schwarzen Kormoran zum „umweltverschmutzten Pelikan“ zu deklarieren, wie in einem Fall geschehen, ist ein unverzeihlicher Fauxpas.

Siebenbürgische Hügelwelt (www.colinele-transilvaniei.ro, Tel. 0727 642858): Attraktionen sind sächsische Dörfer und Kirchenburgen, gastronomische Events und traditionelles Handwerk - Köhler, Imker, Ziegeleien, Schmiede. Das bestehende Radwegnetz - Radfahren ist dort bereits ein Boom – zwischen Reps/Rupea, Schäßburg/Sighişoara und Fogarasch/Făgaraş soll bis 2017 um 300 Kilometer erweitert werden. Die Destination ist mit einem Büro in Hermannstadt/Sibiu, einem Infopoint in Schäßburg und einem Besucherzentrum in Kleinschenk/Cincşor vertreten. Am stärksten entwickelt ist die Region Schäßburg und Große Kokel/Târnava Mare.
Haţeg und Retezat (www.turismretezat.ro, Tel. 0747 779769): Vor drei bis vier Jahren war dort noch nicht viel geboten, doch längst gibt es eine umfassende Infrastruktur. Themenpfade führen durch den Dino-Park mit versteinerten Nestern und Fossilien der dort einzigartigen Mini-Dinosaurier. Ansonsten locken: der Retezat Nationalpark mit Gletscherseen, Steinkirchen wie Densuş, das Kloster Prislop oder die Hauptstadt der römischen Provinz Dakien Sarmizegetusa Ulpia Traiana.

Marginimea Sibiului (www.sibiu-turism.ro, Tel. 0269 218121): Hier ist alles Käse... Schafskäse! Um diesen dreht sich eine gut entwickelte Gastro- und Erlebniskultur. Ansonsten kann man Radfahren, wandern, Wintersport betreiben, z.B. geführte Schneeschuhtouren.
Dornaland und Căliman Nationalpark (www.taradornelor.ro, Tel. 0754 212800): Eine gut ausgebaute Infrastruktur an Rad- und Wanderwegen steht zur Verfügung. Man kann auch reiten oder auf der Bistriţa Rafting betreiben.
Pădurea Craiului (www.padureacraiului.ro,Tel. 0359 410556): Hier lockt eine Karstlandschaft mit einem ausgedehnten Höhlennetz, viele davon nach westlichem Standard hergerichtet, z.B. die berühmte Kristallhöhle. Rafting ist auf der Schnellen Kreisch/Crişul Repede möglich. Ansonsten  – Natur satt!

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