Bärige Begegnungen

Eindrücke einer Journalistin aus München

Samstag, 23. Dezember 2017

Ehemalige Gefangene – auch jetzt noch hinter Gittern. Aber mit sehr viel besserem Leben als vorher.

Der Grund, warum es keine gute Idee ist, sich vor einem Bären auf einen Baum zu flüchten

Nicht nur Bayern hat einen Problembären – auch Rumänien. Sogar gleich mehrere. Hier hat einer die Fenster eingedrückt und den Zucker mitgehen lassen... Den Hüttenwirt freut das gar nicht.

Der einzige Bär, der uns bei unserer Wanderung begegnet ist...
Fotos: die Verfasserin

Bären sind faul, das höre ich immer wieder. Warum Nahrung im Wald suchen, wenn sie in den Städten einfach in Mülltonnen herumliegt? Zur Freude von Youtube-Filmern, zum Ärger der Behörden und zum Unwohl-Sein der Bewohner jener Viertel Kronstadts, in denen die Bären abends auf der Straße herumtapsen. Vom sicheren Hausinnern heraus mag sie ja ganz possierlich sein, die Bärenmutter mit ihren zwei Kindern, aber will man ihr wirklich begegnen?

Ich will. Naja, vielleicht. Eine Woche arbeite ich über einen Journalistenaustausch des Goethe Instituts in Kronstadt bei der Karpaten Rundschau. Eigentlich komme ich aus München und arbeite dort beim Bayerischen Rundfunk als Radiojournalistin. Mein Recherchethema in Kronstadt: Die Bären, die auf der Suche nach Nahrung in die Stadt kommen. Ein Thema, das auch die Leute in Deutschland interessiert. Schließlich gibt es in Rumänien die größte Bärenpopulation Europas und das Land steht wie alle Länder, in denen große Räuber leben oder sich wieder angesiedelt haben, vor der Frage: Wie viel Natur verträgt der Mensch? Und wie viel Mensch die Natur? In Deutschland wurde schon ein einziger Bär zum „Problembären“. Sogar mit eigenem Namen: Bruno. Bruno war wochenlang Thema in den Medien und an Stammtischen, bis er am Ende erschossen wurde. Kronstadt und Umgebung hat nicht nur einen Problembären, sondern viele. Wie also geht die Stadt damit um?

Erstaunlich gelassen, wie ich herausfinde. Die meisten der Leute, die ich treffe, haben tatsächlich auch vom Deutschen Bruno gehört und lachen, wenn ich ihnen von der Aufregung um ihn erzähle. So viel Diskussion um einen einzigen Bären? Meine Recherche in Kronstadt führt mich als erstes zum Forstamt. Laut der Meinung von Dan Olteanu, dem Leiter des Forstamts, sei ein großes Problem, dass Bären seit letztem Jahr nicht mehr geschossen werden dürfen. Inzwischen seien zu viele Bären auf zu wenig Raum. Kein Wunder also, dass sie in die Städte kommen auf der Suche nach Nahrung. Seine Lösung für das Problem ist ganz klar – Bären, die in die Städte kommen, müsste man schießen dürfen.

Auch der Hüttenwirt der Julius Römer Hütte, der Cabana Postăvaru, ist dieser Meinung, während er auf ein Fenster und die Eingangstür der Hütte zeigt, die mit einer Spanplatte vernagelt sind – ein Bär hat die Fensterscheibe eingeschlagen und ist in die Hütte gekommen. Verletzt wurde niemand, nur Zucker hat er mitgehen lassen. Das klingt zwar niedlich, ein Bär, der für die Party im Wald noch schnell „einkaufen“ gegangen ist, aber für den Hütttenwirt ist das ein echtes Problem. Er sorgt sich um die Sicherheit seiner Gäste und um seine Einnahmen.

Viele in Kronstadt und Umgebung können von Bärenbegegnungen erzählen. Bei der Wanderung zur Hütte finden wir trotz intensiver Suche aber keine Spur von ihnen, nicht einmal einen klitzekleinen Tatzenabdruck. Leider. Oder zum Glück? Denn ich habe eigentlich keine Ahnung, was man macht, wenn plötzlich ein Bär vor einem steht. Weglaufen? Sich hinlegen? Singen?

Auf jeden Fall nicht auf einen Baum klettern... das wird mir im Bären-Reservat in Zărnești klar. Denn dort gibt es die ersten richtigen Bären zu sehen. Gerne klettern sie ganz oben auf die Äste der inzwischen kahlen Bäume und lassen sich die Sonne auf den Pelz brennen. Cristina Lapis von der NGO, die das Reservat betreut, führt uns herum. Vor allem eine Zahl, die sie sagt, beeindruckt mich: Um die 40.000 Euro braucht das Reservat jeden Monat für Futter, Elektrizität und andere Ausgaben. Eine Menge Geld, das erst einmal durch Spenden und NGO-Gelder hereinkommen muss. Für Cristina Lapis ist klar – nicht die Bären sind schuld, dass sie in den letzten Jahren immer häufiger mit Menschen zusammentreffen, sondern die Menschen. Die sie gerne mit Keksen füttern und die Mülltonnen nicht bärensicher verschließen. So ein Youtube-Video mit sich und den Müllbären bekommt ja auch viele Likes und Klicks...

Nach dem Besuch im Reservat stapfen wir noch nach Măgura hinauf. Zur Villa Hermani. Das Dorf liegt wie hingemalt in der Sonne da, kein Wunder, dass es eines der beliebtesten Ausflugsziele in der Region ist. Auch die Besitzer der Villa Hermani, Hermann und Katharina Kurmes, sind der Meinung, dass der Druck auf die Wälder immer größer wird, und die Tiere deshalb in die Städte kommen. Wald wird abgeholzt, neue Wohnviertel entstehen, es gibt immer mehr Schafe, die mehr Weideflächen brauchen.

Als wir am Ende des Tages im Bus zurück nach Kronstadt fahren und die Füße langsam wieder auftauen, wird mir klar, dass es eine einfache Lösung für die Bären wohl nicht gibt. Je nachdem mit wem ich gesprochen habe, heißt es entweder: abschießen. Oder umsiedeln. Oder andere Abfalleimer aufstellen. Oder. Oder. Oder. Viele kleine und große Schrauben müssen gedreht werden, damit am Ende beide Seiten, die Natur und der Mensch, gut zusammenleben können.

Das passt natürlich auf vieles – nicht zuletzt zum Beispiel auf das Zusammenwachsen der verschiedenen Länder in der Europäischen Union. Auch das wird nicht von heute auf morgen gehen. Auch das wird vor allem dann gelingen, wenn sich alle Seiten zuhören und dann anfangen, viele kleine Schrauben zu drehen. Ein Austausch, bei dem die rumänische Kollegin Elise Wilk in Deutschland und ich hier in Rumänien vier Wochen lang arbeiten können, ist eine dieser kleinen Schrauben. Denn nur wer weiß, wie seine Nachbarn leben, kann dafür sorgen, dass das Zusammenleben gelingt.

Die Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien beteiligt sich am Journalistenaustausch „Nahaufnahme“ des Goethe-Instituts, bei dem Journalisten aus Deutschland und anderen europäischen Ländern für jeweils drei Wochen ihren Arbeitsplatz wechseln. Christine Auerbach vom „Bayerischen Rundfunk“ war im November/Dezember zu Gast bei der “Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“. Im Gegenzug berichtete Elise Wilk im November drei Wochen lang für den Bayerischen Rundfunk. Weitere Informationen finden Sie hier: www.goethe.de/nahaufnahme.





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