Ballade für Vater?

Dritter Roman der autobiografischen Trilogie von Carmen-Francesca Banciu erschienen

Dienstag, 17. Juli 2018

Carmen-Francesca Banciu: „Lebt Wohl, Ihr Genossen und Geliebten! Tod eines Patrioten“, 2018, PalmArtPress, Berlin

Carmen-Francesca Banciu ist als Dorfschreiberin von Katzendorf/Cața in Siebenbürgen bekannt, in Berlin, wo sie heute wohnt, reüssierte die gebürtige Banaterin mit „Berlin ist mein Paris“ auf Deutsch. In der jüngst erschienenen Anthologie, „Wohnblockblues mit Hirtenflöte“ entführte sie mit „Blütenstaub und Diamanten“ in die verbotene bürgerliche Welt der mütterlichen Familie. Nach „Vaterflucht“ und „Das Lied von der traurigen Mutter“ folgt nun der dritte Teil der überwiegend auf der eigenen Biografie beruhenden Trilogie von Carmen-Francesca Banciu, mit dem epischen Werk „Lebt wohl, ihr Genossen und Geliebten. Tod eines Patrioten“ in freier Versform. Denn der Leser soll nicht einfach über den Text hinweglesen, die Worte sollen sich einprägen, erklärt Banciu in Interviews dieses Stilmittel. Einprägsam auch die Wiederholungen, fast gleichen sie – wie einst die Merseburger Zaubersprüche – Beschwörungen, die somit ihre Wirkung auf den Leser selten verfehlen.

Auf über dreihundert Seiten nimmt Banciu Abschied von ihrem verstorbenen Vater, dem glühenden Kommunisten, hochrangigen Funktionär und vielgeachteten Bürgermeister einer rumänischen Kleinstadt, dem das Vaterland, die Partei und die Ehre seiner Familie über alles geht. Aber das ist eben nur seine Sicht der Dinge. Banciu nennt sich ein „Waisenkind mit zwei Eltern“ (S. 125), weil Vater und Mutter nie anwesend sind, immer im Dienste der Partei, die ständige Opferbereitschaft fordert. Die Kränkungen, die die Mutter durch die „unzähligen Geliebten“ des Vaters erfährt, reicht sie weiter an die deshalb ungeliebte Tochter. Die Mutter hat sich ihrem Mann durch einen frühen Tod entzogen, die Tochter durch die Flucht in den Westen, die der Vater ihr verübelt, da er dadurch seine Position einbüßte: „Das hat Vater mir nie verziehen/…/Ich habe mich niemals bei Vater entschuldigt/Viel-leicht hat Vater das von mir erwartet/Das ist mir nie eingefallen“ (S. 308).
Der Buch-Titel ist schon fast ein Rätsel: Wer verabschiedet sich von wem? Der Vater, der selbst seine eigene Grabrede zu seinen Lebzeiten verfasst, die er „Abschiedsballaden“ nennt? „Herzzerreißend sollen sie wirken/Auf mich, auf meine Kinder, auf die Geliebten/Auf die Genossen/“ (S. 285). Aber der Vater schreibt diesen Text nicht, ihm zum Trotz schreibt ihn nun die Tochter: „Ich lache, und lache/Und weine gleichzeitig/Weil Vater mir auch diesmal das Recht auf das eigene/Wort entzieht/Auch diesmal traut Vater mir nicht.“ (S. 288) Deshalb ist in vielen Jahren nun dieses Buch entstanden. „Ich wollte Vater keine Macht geben/Das Leben zu beeinflussen/Zu verändern/Von Menschen, die auf mich warteten/Und doch hat Vater in mein Leben eingegriffen/Meinem Vater habe ich dieses Buch zu verdanken/Meinem Vater ist dieses Buch geschuldet“ (S. 316).

Aber auch der Tochter. Und auch sie hat allen Grund, sich von Genossen und Geliebten zu verabschieden, denn die sind es, mit denen sie sich plötzlich konfrontiert sieht. Nach einem Unfall liegt der sonst rüstige Vater verletzt im Krankenhaus, umsorgt von seiner „ krankhaft berechnenden, aber auch todkranken „Ersatzfrau Daria“, die die Stelle der Mutter allzu nahtlos eingenommen hat, und der langjährigen duldsamen und ideal aufopferungsvollen Rebecca, einst Mitarbeiterin, Mitstreiterin und anspruchslose Geliebte. Nun nach Jahren der Abwesenheit – auch wenn es zwischenzeitlich mal zu einer „Annäherung“ kommt, einem flüchtigen Intermezzo in Berlin, der neuen Heimstatt der Tochter und ihren Kindern, wo vieles ausgesprochen aber nichts ausgeräumt wird – soll sie nun an das Bett des Vaters eilen, weil er sie braucht. Eine veränderte Machtkonstellation, die gleichermaßen Befürchtungen wie Hoffnungen nährt, auf Zurückweisung oder Versöhnung. Das Dreiecksverhältnis Daria – Rebecca - Vater, die Rangeleien und Beschimpfungen, der Kampf um Aufmerksamkeit. Der hoffnungslose Kampf gegen den Verfall des Vaters beginnt die Tochter jedoch auf- und auszusaugen: „Wir haben nicht genügend Kraft/Genügend Willen/Genügend Liebe/Vater im Leben zu halten/Am Leben zu halten/Im Leben zu verankern.“ (S. 245).

Wie einst der Vater schützt sie Arbeit vor, schlägt den Vater mit den eigenen Waffen, um den Sterbenden zurückzulassen. „Vater hatte die Familie seiner Arbeit und der Partei geopfert/Ich opfere Vater“ (S. 247)… „Vater hatte nach mir gerufen/Aber ich war nicht da/Ich war in der schönsten Stadt der Welt/Ich hatte dort zu tun/Ich erledigte meine Pflichten/Das hat Vater sicher geschätzt“ (S. 309). Die Todesnachricht ereilt sie also in Venedig, nun muss sie zurück zu den Ex-Geliebten. Verrat, Flucht, Rache oder Hilflosigkeit, all diesen vielschichtigen Empfindungen und Reaktionen spürt Banciu nach, überdenkt ihr Verhältnis zu den Geliebten, den Konkurrentinnen um die Liebe des Vaters.

Aber auch die längst gestorbene Mutter, als fernes Idol immer anwesend, bleibt ein Geheimnis. „Im Schwarzen Schrank“ findet die Tochter deren feine Glacéhandschuhe, die der Vater als einziges aufbewahrt hat, ein Überbleibsel einer anderen Ära, „Mutter hat hier ihre Glacéhandschuhe eingepackt/Samt ihrer Sehnsucht und Liebe“ (S. 260). Ein Verweis auf die bürgerliche Herkunft der Mutter, den Makel in den Augen des Vaters, der Verheißung in den Augen der Tochter. Ein anderes Geheimnis wird nur angedeutet und nicht geklärt: Daria übergibt ihr nach dem Tod des Vaters Kassetten mit Sprachaufnahmen der Mutter, die sie ihr 30 Jahre vorenthalten hat, Spitzelaufnahmen, Geständnisse, Protokolle? „Sie sagt, du wirst schon sehen/Wer Rebecca ist/Wer die wahre Rebecca ist/Daria hat die Kassetten gebracht/Um mich abzulenken“… „“Ich frage nicht, wer hat dir Mutters Stimme anvertraut“ (S. 349). Die Tochter wird die Kassetten nie anhören, zumindest wird der Leser nie etwas über den Inhalt erfahren. Daria wird sterben, nur Rebecca lebt weiter, aber mit ihr werden die letzten Geheimnisse verschwinden. „Denn in Wirklichkeit/Was wissen/Oder was wissen wir nicht/Was wissen wir über das Leben/Und was wissen wir über den Tod.“ (S. 366)

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