BANATER KIRCHEN

Verschwundenes Gotteshaus mit ereignisreicher Geschichte - Die alte Seminarkirche oder die Temeswarer Kirche des „Heiligen Georg“ (abgerissen 1914)

Mittwoch, 08. März 2017

Die Seminarkirche am Georgsplatz, um 1910
Quelle: Diözesanmusem Temeswar

Die Ursprünge dieses Gotteshause, mit einer langen und ereignisreichen Geschichte von über sieben Jahrhunderten, liegen schon im Mittelalter. Das genaue Baujahr ist nicht bekannt, aber wir wissen mit Sicherheit, dass die Kirche des „Heiligen Georg“ 1323 (nach anderen Quellen 1325) bereits existierte. Dies geht aus der Tatsache hervor, dass im oben angegebenen Jahr, am 21. Januar, Tschanad von Telegd, Domprobst der Kathedrale von Großwardein, offiziell, in Temeswar, in der Georgskirche, im Beisein des Königs Karl Robert von Anjou, zum Bischof von Eger bestätigt wurde. Die Bischofskonsekration fand aber in der Kirche des Heiligen Ladislaus, des Dominikanerordens, ebenfalls in Temeswar, statt. Ob die Georgskirche, ähnlich wie im Fall der Kathedrale von Tschanad, in den Jahren vor 1552, wegen den religiösen Unruhen, verursacht durch die Verbreitung, auch in Banat, der protestantische Reform, in Mitleidenschaft gezogen wurde, werden wir nie wissen. Sicher ist aber, dass das alte Gotteshaus nach der Einnahme Temeswars durch die Osmanen in eine Moschee umgewandelt wurde, die in den Geschichtsbüchern auch unter den Namen „Große Moschee“ der Stadt Temeswar bekannt ist. Die archäologischen Ausgrabungen, die im Sommer 2006 durchgeführt wurden, führten zur Entdeckung eines alten Friedhofes, der schon in der vorosmanischen Zeit in der Nähe der Kirche funktionierte. Die Entdeckung einiger osmanischen Grabsteinfragmente in den oberen Schichten, sowie vieler Objekte, bei den Ausgrabungen von 2014, führte zur Schlussfolgerung dass der Friedhof auch während der türkischen Besetzungszeit weiter verwendet wurde. Nach der Befreiung Temeswars und des Banats im Oktober 1716 beginnt in der Nähe der ehemaligen Kirche die Tätigkeit der Jesuiten, die ersten modernen Chronisten des Bistums Tschanad und unserer Stadt. Kaiser Karl VI. von Habsburg, auf Vorschlag des Vorsitzenden der Banater Landesadministration Franz von Vallis, genehmigte die Gründung einer Stiftung für die Unterstützung der Tätigkeit von vier Priester und eines einfachen Bruders dieses bekannten Ordens, die in Temeswar tätig sein und die in der Stadt gesprochenen Sprachen kennen sollen. Bei ihrer Ankunft haben die Jesuitenpatres die kanonische Jurisdiktion über den Stadtgebiet erhalten. Zur Zeit des Bischofs Ladislaus de Nádasd, erfüllte der Hausobere der Temeswarer Jesuiten auch die Rolle eines bischöflichen Vikars „für das Gebiet des Banats“, da sich die Residenz des Bischofs in Szeged befand und dieser nur selten in die Stadt an der Bega reisen konnte. 1716 wurden den Jesuiten drei türkische Häuser in der Nähe der ehemaligen großen Moschee zur Verfügung gestellt. Bis am 8. April 1718 zelebrierten diese die heilige Messen in der Franziskanerkirche (ebenfalls eine ehemalige Moschee), Zeitpunkt ab dem diese festlich ihr neues Gotteshaus betreten haben, das offiziell auch zur Pfarrkirche der Stadt wurde. Nach der feierlichen Einweihung und Eröffnung, wurde der Kirche ein neuer Schutzpatron verliehen: „Mariä Himmelfahrt“ mit dem Attribut „serena“, also „vom guten Wetter“. Dieses Wort bezieht sich auf das gute Wetter, das die habsburgische Armee bei der Belagerung und Besetzung der Stadt Temeswar geniessen durfte, ein wahrer Wetterverbündeter, der der himmlischen Hilfe der Mutter Gottes zugesprochen wurde. Hinsichtlich der Militärgeschichte der Stadt, muss man erwähnen, dass zu den Jesuiten auch der Kaplan des Prinzen Eugen von Savoyen zählte, Tatsache die auch für den Zeitraum um den 12. Oktober 1716 bestätigt wird. Ebenfalls ein Jesuit, Michael Gastager, Hausoberer der Jesuitenniederlassung in Temeswar, legte im Rahmen einer feierlichen Zeremonie am 25. April 1723 den Grundstein der neuen Vauban-Festung der Stadt.

Im Jahre 1725 wurde hier die „Bruderschaft der Schmerzen Jesu Christi“, ein frommer Verein gebildet aus Laien, dessen Ziel tiefer das Leiden Jesu Christi zu meditieren, ein Leben im Gebet zu führen, die Kranken zu pflegen, die Zerstrittenen zu versöhnen, die Toten auf ihren letzten Weg zu begleiten, die Priester bei der Spendung der Sakramenten an die Sterbenden zu begleiten und den Nichtwissenden lesen und schreiben beizubringen war.

Nach 1716, nachdem den Jesuiten die drei türkischen Häuser zur Verfügung gestellt wurden, richteten sich diese hier ihre Residenz sowie eine Lateinschule ein. Die feierliche Einweihung der Schule fand am 6. November 1725, der erste Schultag fand am 7. November statt. 1733 verließen die Schüler das alte Schulgebäude zu Gunsten der neu errichteten Residenz (Kloster). Die Lateinschule der Temeswarer Jesuiten war die erste, und für einen längeren Zeitraum, die höchste Schuleinrichtung im habsburgischen Banat.

Die Wichtigkeit dieser Kirche für Temeswar und für das Banat ist darauf zurückzuführen, dass im Zeitraum 1717-1730/32 diese Ordens- und zugleich auch Vikariatskirche für den jesuitischen Bischofsvikar, praktisch eine Ko-Kathedrale zusammen mit der Heiligen Demetrius-Kirche aus Szeged war. Im Zeitraum 1730/32 - 1754, nach Versetzung des bischöflichen Sitzes von Szeged nach Temeswar, wurde sie zur alleinigen Kathedrale des Bistums Tschanad. Der Rang dieser Kirche als Kathedrale wurde auch dadurch bestätigt, dass hier, unter anderem, in der Krypta, unterhalb der Gotteshauses, auch Adalbert von Falkenstein, Bischof von Tschanad, der 1739 verstarb, beigesetzt wurde, Ebenfalls hier fanden ihre letzte Ruhestätte: Peter Solderer, ehemaliger Bürgermeister der Stadt, und weitere Ordensleute, deren Anzahl heute nicht mehr bekannt ist. Beim Abriss der Kirche 1914, wurden die Gebeine der dort beigesetzten Personen, darunter auch die des Bischofs Adalbert von Falkenstein, in einem gemeinsamen Grab im Militärfriedhof auf der ehemaligen Lippaer (heute Sever Bocu)-Straße beigelegt. Leider fehlt jede Spur von Informationen über die Abtragung der Gruft und über die Überführung der hier gefundenen Gebeine.

Ab 1754, nach der Zelebrierung der ersten Messe im Dom, verliert die alte Georgskirche die Rolle einer Kathedrale. Im selben Jahr beginnen die aufwendigen Reparatur- und Wiederaufbauarbeiten der Hauptfassade, die vierzehn Jahre, also bis 1769 (andere Quellen sprechen von 1771) dauerten. Die neue Fassade, die im Barockstil gebaut wurde, ist das Werk des Maurers Franz Anton Platel, der 1767 zwei Zeichnungen unterschrieb – die Fassade und der Querschnitt der Kirche (sie befinden sich auch heute noch im Hofkammerarchiv, in Wien).

Nach der Auflösung des Jesuitenordens 1773, geht die Kirche samt der angrenzenden Residenz (die im Zeitraum 1730-1733 errichtet wurde und ursprünglich nur über ein Stockwerk verfügte) in das Eigentum der Stadt über. Die Jesuiten, die in der Stadt blieben, treten dem Diözesanklerus bei, welcher sich ab diesem Zeitpunkt auch um die Verwaltung der Stadtpfarrei kümmern wird, da die Kirche auch weiterhin eine Pfarrkirche blieb. 1806, nach der Zurückziehung der Franziskaner der Ordensprovinz „Sanctissimi Salvatoris” aus dem Kloster und aus der Kirche der „Heiligen Katharina“ (gegenwärtig auf der Bolyai-János-Straße), wurde die innenstädtische Pfarrei zur neuen Anschrift übertragen und die alte ehemalige Georgskirche wurde zur Kapelle des im gleichen Jahre, im angrenzenden Gebäude, gegründeten Theologischen Seminars. Sie funktionierte als solche bis 1914, als, nach Errichtung des neuen theologischen Seminars und der neuen Kapelle, sowie nach der teilweisen Umsetzung des neuen Entwicklungsplans der Stadt Temeswar, die Kirche und das ehemalige Gebäude abgerissen wurden. Heute erinnert nur noch der Platz des „Heiligen Georg“ an diese alte Kirche und an deren faszinierende Vergangenheit.

Interessant ist auch die Überführung nach Temeswar, im Turm der Georgskirche, nach deren Entdeckung 1807, in Bulci (unweit von Săvârșin), einer großen, alten Glocke, die aus 1468 stammte und zu Ehren des Heiligen Erzengels Michael gegossen wurde. Die Glocke des Abtes Dominikus, auch unter dem Namen „der Stier aus Bulci“, wahrscheinlich wegen ihres besonderen Klanges bekannt, wurde 1870-1873, auf Anordnung des Bischofs Alexander Bonnaz hier montiert. Bischof Bonnaz wollte den Klang der alten Glocke hören musste aber zugeben, dass er den Klängen der weiteren Glocken der Stadt nicht zusammenpasste. So verkaufte der Bischof 1873 die Glocke dem Ungarischen Nationalmuseum und konnte somit aus dem Erlös mehrere neue Glocken für damals neu gebaute Kirchen kaufen.

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