Banater Schwaben – Brückenfunktion in einer bewegten Geschichte

Ergreifende Worte, Erinnerungen und Brauchtumspflege bei den Heimattagen

Mittwoch, 25. Mai 2016

Symbolträchtig: An der Donau entlang führt auch der Weg zum Auswandererdenkmal.

Bundesvorsitzender Peter Dietmar Leber (hier am Auswandererdenkmal) kann rundum zufrieden sein. Um ein Drittel mehr Trachtenpaare als noch vor zwei Jahren nahmen an den diesjährigen Heimattagen teil. Die Zahl der anwesenden Besucher ist gegenüber 2014 konstant geblieben.

Träger von Bildern mit den Heimatkirchen vor der Bühne im Kongressaal der Ulmer Donauhalle. Wenige Minuten zuvor erwähnte der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und Nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk und Sergiu Nistor, Berater des rumänischen Staatschefs Klaus Johannis, die Brückenfunktion der Banater Schwaben hüben und drüben. Der DFDR-Vorsitzende Paul Jürgen Porr verwies auf die „Vorzeigeregion Banat, sowohl einst als auch heute“.

Der Vorsitzende Deutscher Banater Jugend- und Trachtengruppen, Harald Schlapansky, stellt Premier Ciolo{ schwäbische Trachten vor.

Die Trachten, ihre Träger, aber auch die Zuschauer – sie erzählen ihre eigene Geschichte in der Fußgängerzone von Ulm, da wo Bayern und Baden-Württemberg praktisch aufeinandertreffen. Die  meisten Banater-Schwaben haben in den letzten Jahrzehnten eben diese beiden Bundesländer zu ihrer neuen Heimat gewählt. Ihre Geschichte beginnt jedoch nicht mit der Auswanderung, in den 1980-1990er Jahren aus dem Banat, sondern gut einen Kilometer Luftlinie entfernt, an der Donau, von wo sie im 18. Jahrhundert den Fluss abwärts ins Banat gezogen sind. „In Ulm hatte diese Besiedlung im wahrsten Sinne des Wortes ihren Ausgang genommen“, so der neue Oberbürgermeister von Ulm, Gunter Czisch, beim Empfang im Rathaus der Stadt. Aus dieser, heute zur Patenstadt der Banater-Schwaben gewordenen Ortschaft, haben sich die ersten Siedler aufgemacht „angetrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben für sich und ihre Kinder“. Czisch zeigt sich als ein lockerer Gastgeber („Trinken Sie nicht so viel, denn Sie müssen noch an die Donau“), aber auch ein Versteher des bewegten Schicksals der Banater-Schwaben. Das unwirtliche Land, das die damaligen Kolonisten vorfanden, aber auch die Erfahrung von Deportation, Vertreibung, Aussiedlung und Neuanfang sind Erklärungen für Czisch, dass bis heute „der Zusammenhalt innerhalb der Landsmannschaft der Banater Schwaben auch aus dieser, im kollektiven Gedächtnis verankerten Erfahrung, hervorgeht.“

 

Pfingstfest mit Heimatklängen

Alle zwei Jahre treffen sich die Banater-Schwaben zu Pfingsten zu Austausch und Erinnerung. Diese Erinnerungen sind keine, die allein mit Kindheit, Schule oder Freundschaft in Banater Hecke und Heide zusammenhängen. Zur tiefen Erinnerung gehen sie gedanklich 300 Jahre zurück und physisch ans Auswandererdenkmal, das symbolisch für den Ort steht, an dem „deutsche aus allen Regionen einen Weg aus der Leibeigenschaft und in eine hoffnungsvolle Zukunft suchten“ (Herbert Hellstern, Ministerialdirigent im Innenministerium von Baden-Würtemberg). Die Freiheit stellt Hellstern ins Zentrum seiner Rede. Man stehe am Denkmal, wo Geschichte in Stein gemeißelt und in Bronze gegossen, fortgeschrieben wird, betont Hellstern und verbindet den geschichtsträchtigen Ort mit dem Motto der diesjährigen Heimattage: „300 Jahre Banater Schwaben – wir schreiben Geschichte fort“.

Von den alten Stadtmauern betrachten die Beiwohnenden andächtig das Geschehen am Denkmal. Der Kranz ist im Gedenken an die Opfer, die die 300 Jahre seit dem Einzug der österreichischen Truppen in Temeswar und bis heute gefordert haben, niedergelegt. Hellstern geht alle Stationen durch, von der immer währenden „Sehnsucht nach Freiheit“ der Auswanderer vor zweieinhalb Jahrhunderten, bis hin zu den Rücksiedlern, die dem Kommunismus den Rücken kehrten. „300 Jahre Heimat haben in den Herzen der Banater Schwaben überdauert“, erinnert jedoch Hellstern und verweist auf die im Banat verbliebenen Landsleute, die er „Gralsritter von Tradition, Sitten  und Bräuche der Vorfahren“ nennt. Diese pflegen im Banat die deutsche Sprache und den Glauben der Vorfahren und sorgen auch dafür, „dass über den Gräbern der Vorfahren nicht im wahrsten Sinne des Wortes Gras wächst“.

 

Premierminister trifft Banater Schwaben

Viele der mehr als vier Tausend Teilnehmer am Heimattag zu Pfingsten geben am späten Sonntag Nachmittag ihre Gesprächsrunde bei Bier, Würstchen und Musik auf und nehmen den Anlass wahr, im Kongressraum der Ulmer Donauhalle, Rumäniens Premierminister, Dacian Cioloş, zuzuhören. Er nimmt Stellung zu ganz konkreten Fragen – vom ranghöchsten rumänischen Politiker, der in der 66 Jahre alten Geschichte der Landsmannschaft der Banater-Schwaben je die Heimattage besuchte, erwarten viele gar nichts anderes. „Er brachte nicht das Überschwengliche, das wir nach der Wende oft gehört haben“, beurteilt Peter Dietmar Leber, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Banater-Schwaben, den sachlichen Auftritt des Premierministers. Welche konkreten Maßnahmen der Premier vorhabe, um den Lehrermangel speziell an deutschen Schulen zu beheben, kann er auf BZ-Nachfrage zumindest momentan nicht antworten: „Im Herbst wird ein Maßnahmenpaket verabschiedet“. Der DFDR-Abgeordnete Ovidiu Ganţ – der die Heimattage eine „gelungene Veranstaltung“ nennt – findet, dass es besonders wichtig war, dass der Premierminister zum Treffen der Banater Schwaben reiste und hofft, dass dessen Aussagen auch „positive Folgen für unsere Gemeinschaft haben“.

 

Weltweit Geschichte schreiben

„Wären Sie nicht besser ebenfalls ausgewandert?“ Der Mann im schwäbischen Trachtenanzug stellt die Frage eher rhetorisch: „Heute ist da unten (Anm.d.Red: in Rumänien) kaum noch etwas so, wie wir es aus unseren Schwabendörfern kennen - gefegte Straßen, getünchte Bäume, der sonntägliche Kirchengang. (...) Und wirtschaftlich ginge es Ihnen ebenfalls besser“. Grundsätzlich sind das die Bestätigungen für ihn, dass sein Weg in die neue Heimat der richtige war.

Wehmut ist auch bei Johann Fernbach, Vorsitzender des DFDB, zu erkennen. Dieses Gefühl hat er nach Deutschland zu den Heimattagen mitgenommen. Im Ulmer Rathaus sagt er vor vollem Haus, dass „heute viele der Glocken unserer Kirchen nicht mehr so wie früher läuten, als wir im Sonntagskleid zur Kirche gingen, um Messe und Predigt mitzuverfolgen. (...) Auf den Straßen ist ein ´Grüß Gott´ und ´Gun Tach´, kein alltäglicher Gruß mehr und die Kinderstimmen werden ebenfalls immer seltener.“ Viele seien in der Hoffnung auf ein besseres Leben ausgewandert. An andere Stelle erwähnt Fernbach die Banater Persönlichkeiten, die sich in den letzten Jahren Namen in Wissenschaft, Kunst und Kultur geschaffen haben. Die Zukunft der Banater Schwaben liege auf jeden Fall in der Hand der heutigen Jugend: „Wenn wir ihnen beibringen, nach ihren Wurzeln zu suchen und unsere Werte zu finden, aber auch unseren Geist der Freundschaft, Ehrlichkeit und Toleranz weiterzuführen, dann stehen sie für ein gutes Beispiel eines Europäers, der aus unserem gemeinsamen Banat stammt.“

Trotz Neubeginn „in verschiedenen Staaten, von unterschiedlichen Menschen und in verschiedener Form“, werde die Geschichte der Banater Schwaben – Motto gemäß – fortgeschrieben, sagt der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft, Peter Dietmar Leber. Und weiter in seiner Aussage: „Und wir schreiben noch immer daran. (...) Der Stoff ist da, um sie fortzuschreiben, Autoren sind wir alle“.  

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*