Barocke Architektur und klassische Musik in Verbindung mit der Kraft und Grazie edler Pferde

Lipizzaner-Gala in der schönsten Reithalle der Welt

Freitag, 05. Dezember 2014

Zum Schwierigsten an Konzentration und Ausdauer gehört die Schulquadrille
Foto: René van Bakel

Wie die Aufführungen der Staatsoper, des Burgtheaters und der Sängerknaben, so gehören auch die der Spanischen Hofreitschule zu dem Teil der österreichischen Kulturereignisse, die in Wien angesiedelt sind.
Lipizzaner – das ist ein klingender Name für die älteste Kulturpferderasse Europas.

Edle Vorfahren

Ihrem Herkommen nach sind die Lipizzaner Spanier, die im Gefolge von Ferdinand I. 1521 nach Wien kamen. Sie wurden sofort zu Lieblingen des Kaiserhauses, und Ferdinand I. ließ im ältesten Trakt der Hofburg 1558 die Stallburg ausbauen. Im Erdgeschoss bekamen die Leibpferde des Kaiserhauses Quartier, und die Lipizzaner sind bis heute darin untergebracht. Aus ihren Boxen können sie den eleganten gesellschaftlichen Veranstaltungen im Innenhof zuschauen. Kaiser Karl VI. ließ eigens für die Lipizzaner von Joseph Emanuel Fischer von Erlach 1729 bis 1735 die Winterreitschule erbauen, ein Meisterwerk der spätbarocken Baukunst im Herzen der Hofburg. Die Winterreitschule gilt als die schönste Reithalle der Welt.

Der Habsburger Erzherzog Karl II. richtete 1580 in der Nähe des Dorfes Lipica (Slowenien) – das damals zu Österreich gehörte – ein Gestüt ein, in dem die Pferde nach dem Ideal der barocken Hofhaltung gezüchtet wurden. Von daher bekamen sie den Namen „Lipizzaner“. Lipica war das Privatgestüt der Habsburger und blieb es bis 1915. Fünf Jahre später kam ein Teil der wertvollen Originalherde nach Piber in der Nähe von Graz, und dort werden auch heute noch die Nachkommen der kaiserlichen Herde weiter gezüchtet. So bleibt das wertvolle Kulturerbe der Spanischen Hofreitschule erhalten und genießt mit seiner lebendigen Tradition Weltruf.
Die Ausbildung der edlen Pferde lässt sich noch viel weiter zurückverfolgen: bis auf die Lehren des griechischen Feldherrn Xenophon um 400 vor Chr. Auch heute noch geben erfahrene Oberbereiter ihr Wissen und ihre Erfahrung mündlich an die nachkommende Generation der Bereiter und Oberbereiter weiter. Jedes hoch entwickelte Lebewesen nimmt seine Geschichte immer mit. Nur frontal Angelerntes wäre zu wenig: Ein edler Lipizzaner ist das Produkt seiner familiären Herkunft und einer sorgfältigen individuellen Schulung, die sich über viele Jahre erstreckt – es ist eine Partnerschaft, die bis ans Lebensende des Pferdes und seines Bereiters andauert.

Ausbildung zum „Solotänzer“

Die besten Hengste in Piber werden zur Ausbildung in der Spanischen Hofreitschule ausgewählt. In Wien werden derzeit 72 Schulhengste gehalten, die jährlich siebzig klassische Vorführungen der Hohen Schule der Reitkunst präsentieren. Jährlich kommen 300.000 Besucher aus aller Welt; manche besonderen Termine sind schon ein Jahr vorher ausgebucht. Der schönste Reitsaal der Welt ist vor Beginn einer Gala in mystisches Licht getaucht, das sich langsam zu strahlender Helligkeit erleuchtet und von klassischer Musik begleitet wird – vierzehn Mal im Jahr sogar in Verbindung mit einer Darbietung der Wiener Sängerknaben. Erwartungsvolle Stille tritt ein, wenn als Erstes die jungen Hengste, die sich im ersten und zweiten Ausbildungsjahr befinden, die Arena betreten. Sie werden bis zu ihrem sechsten Lebensjahr in Schritt, Trab und Galopp auf einfachen Hufschlag trainiert, das heißt, die Hinterbeine treten in die Hufspuren der Vorderbeine. Bei dieser ersten Begegnung mit dem Publikum kann der eine oder andere Debütant in jugendlichem Ungestüm schon gelegentlich einen falschen Schritt setzen.

Im Kontrast dazu zeigen anschließend die einzelnen Bereiter die Lektionen der Hohen Schule, die höchste Kultivierung der natürlichen Gangarten und Bewegungen eines Pferdes. Fliegender Galoppwechsel von Sprung zu Sprung, Pirouette – sechs bis acht Sprünge auf den Hinterbeinen in möglichst kleinem Kreis, Piaffe – ein diagonaler Wechsel von einem Beinpaar auf das andere, Passage – eine Art veredelter Trab, auch „spanischer Tritt“ genannt, sind Teil der „Schule auf der Erde“. Für die „Schule über der Erde“ – Levade, Courbette und Kapriole, wo die Gänge und Touren am langen Zügel oder unter dem Reiter ausgeführt werden – eignen sich nur die besonders begabten Hengste, gleichsam die Genies unter der Elite. Dabei wird auch dem Reiter ein perfektes Gleichgewicht abverlangt, da diese Figuren ohne Steigbügel geritten werden. Mit angehaltenem Atem verfolgen die Pferdeliebhaber diese Kunststücke von Mensch und Tier: die Levade – dabei erhebt sich das Pferd auf die Hinterbeine in einem flachen Winkel von etwa 35 Grad und verharrt in dieser Stellung; die Courbette – das Pferd erhebt sich in steilem Winkel auf die Hinterhand und vollführt mehrere Sprünge vorwärts; und vielleicht das Spannendste, die Kapriole – der Sprung in die Luft mit allen vier Beinen zugleich und mit angezogenen Vorderbeinen, wobei das Pferd gleichzeitig nach hinten ausschlägt – ein Bild, als ob Pegasus ansetzte, durch die Luft zu fliegen. Mit diesen wahrhaft spektakulären Sprüngen, die nur von den begabtesten Tieren zu erlernen sind, wird ein Lipizzaner-Solotänzer zum „Primoballerino“.

Das „Ballett der Weißen Hengste“

Was die Winterreitschule von der Reithalle zum Ballsaal macht, ist schließlich das Ballett der Weißen Hengste. Dabei kommt auch die Traversale zum Einsatz: Sie wird auf zwei Hufschlägen vorwärts geritten und das Pferd dabei diagonal um den inneren Schenkel gelenkt. Beim Pas de deux stehen zwei Pferde mit ihren Reitern spiegelbildlich einander gegenüber. Tempo und Bewegungen dieses Programmpunktes der Hohen Schule werden völlig synchron ausgeführt. Zum Schwierigsten an Konzentration und Ausdauer gehört die Schulquadrille. Dabei zeigen mindestens acht Pferde die Figuren der klassischen Dressur auf kurzen Linien in einer einzigartigen Choreografie. Den begeisterten Applaus nehmen die Hengste sichtlich stolz und freundlich nickend entgegen. Zum festlichen Eindruck tragen auch noch Zaumzeug und Schabracken bei, die entweder dunkelgrün oder rot, mit goldenen Tressen besetzt und mit dem goldenen Doppeladler des Hauses Habsburg geschmückt sind. Der festliche Rahmen der barocken Architektur in Verbindung mit klassischer Musik, die Kraft und Grazie der edlen Pferde und die perfekte Übereinstimmung von Mensch und Tier machen den Mythos der Hofreitschule aus – ein unvergessliches Erlebnis für jeden Menschen mit Freude an Natur und Ästhetik.

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