Bauernhäuser bewahren

Architekt Jan Hülsemann veröffentlichte Restaurierungsleitfaden „Das sächsische Bauernhaus in Siebenbürgen“

Mittwoch, 03. Oktober 2012

Hermannstadt - Thermopanfenster, Kunststofffarben und Gasbetonsteine sind die derzeit größten Feinde der siebenbürgisch-sächsischen Dörfer. Die billig verfügbaren Baumaterialien werden von den Bauherren dankbar angenommen, versprechen sie doch Komfort und lange Haltbarkeit. Und so werden vielerorts Häuser aufgestockt, Dächer neu gedeckt und Höfe betoniert – ohne Rücksicht auf überlieferte Bautraditionen.

Ein entschiedener Verfechter traditionellen Bauens und behutsamen Sanierens ist der Architekt Jan Hülsemann, der sich seit einem Jahrzehnt intensiv mit der bäuerlichen Architektur in Siebenbürgen – hauptsächlich mit der sächsischen – beschäftigt. In zahlreichen Restaurierungsprojekten, viele davon für den Mihai-Eminescu-Trust, hat er eine Vielzahl von Bauformen und Bauschäden dokumentiert, die er jetzt in seinem jüngst erschienenen Buch „Das sächsische Bauernhaus in Siebenbürgen. Was wie machen an alten Häusern“ veröffentlichte. Dieses richtet sich laut dem Autor an alle, die sich mit dem Bauen im Bestand im ländlichen Siebenbürgen beschäftigen, also in erster Linie für Architekten, Planer, Bauleiter und Handwerker, aber auch Bauherren, Selbstbauer und Laien.

Hülsemann legt mit dem Buch einen umfassenden Reparatur- und Restaurierungsführer für siebenbürgisch-sächsische Bauernhäuser vor. Einen Überblick über ihre Entwicklung im Laufe der Jahrhunderte gibt der Autor zu Beginn, wobei er auf Untersuchungen und Darstellungen von Victor Roth, Hermann Phleps oder Paul Niedermaier zurückgreift. Er habe sich bei den hauskundlichen Darstellungen bewusst auf die deutschen Siedlungen in Südsiebenbürgen konzentriert, schreibt Hülsemann im Vorwort. Jedes Bauernhaus weise trotz der ausgesprochenen Typisierung so individuelle Merkmale auf, dass man keine zwei gleichen Häuser in ganz Siebenbürgen findet. Interessant seien zudem die Scheunenkonstruktionen, die in Westeuropa seit dem Mittelalter „ausgestorben“ sind, in Siebenbürgen aber bis in das 20. Jahrhundert praktiziert wurden.

Den umfangreichsten Teil des 218 Seiten umfassenden Buches machen die praktischen Kapitel aus. Systematisch geht Hülsemann auf die verschiedenen Bauteile eines Hauses ein: vom Mauerwerk und Putz, über Dächer, Decken, Fußböden hin zu Fenstern, Türen und Treppen. Ein eigener Abschnitt ist den Scheunen gewidmet sowie der Reparatur von Holzkonstruktionen und der Gestaltung von Außenanlagen. Hülsemann zeigt daneben Möglichkeiten für Kompromisse zwischen Alt und Neu, beispielsweise, wenn es um den Einbau von modernen Küchen, Bädern, Zentralheizungen oder Wärmedämmung geht.

Auch wenn der Autor teilweise sehr tief in die Baumaterie eindringt, bleibt das Buch für den Baulaien verständlich. Hülsemann macht sich die Mühe und erklärt jedes erwähnte Bauteil und Bautechniken, gibt aber auch grundlegende Informationen zu Bodenbeschaffenheit, der Wirkung von Wasser und Salzen im Mauerwerk oder der Wirkung von Belastungen in Holzverbindungen. Dazu findet der Leser auf jeder Seite des Buches Fotografien und schematische Skizzen, die das Geschriebene anschaulich illustrieren.

„Als ich vor fast 15 Jahren das erste Mal die sächsischen Dörfer in Siebenbürgen besuchte, war ich tief beeindruckt, wie diese mittelalterlichen Siedlungen und die sie umgebende wilde Landschaft so viele hundert Jahre so gut erhalten geblieben ist. Die Herausforderung ist, wie man Schutz durch einen Rahmen sensibler Entwicklung sichert, welcher das Beste des Historischen mit dem Besten der Moderne kombiniert.“ Diese Sätze stammen aus dem Vorwort von Prinz Charles, den Hülsemann durch die Arbeit für den MET kennengelernt hat. Das Buch sei der definitive Führer zum Bau und Erhalt siebenbürgischer Dorfhäuser, er liefere alle praktischen Lösungen zur Pflege, Erhalt und geeigneten Anpassung der Architektur dieses einzigartigen europäischen Schatzes, so der britische Thronfolger.

Dem bleibt nicht viel hinzufügen. Es ist ein Fachbuch, das sich in großer Tiefe und Sachkenntnis dem Sanieren sächsischer Bauernhäuser widmet. Es ersetzt nicht den Rat eines Architekten oder Handwerkers, aber trägt viel zum Verständnis für Schadensbefunde, Reparaturmaßnahmen und Pflege der historischen Bauwerke bei. Noch in diesem Jahr soll das bislang nur auf deutsch erschienene Buch auch in einer rumänischen Ausgabe erscheinen. Kritikpunkt ist der hohe Preis: Das als Softcover erschienen Buch ist für 156 Lei in den deutschsprachigen Buchhandlungen erhältlich.

Herausgegeben wurde „Das sächsische Bauernhaus in Siebenbürgen. Was wie machen an alten Häusern“ (ISBN: 978-3981061895) von der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V.

Kommentare zu diesem Artikel

Fred, 20.07 2016, 10:44
Das kann ich nur bestätigen. Ich habe selten zuvor so geballtes Wissen so gut aufbereitet gelesen.
Aus meiner Sicht ist das Geld gut angelegt.

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