„Bei uns ist die Situation etwas nuancierter“

Interview mit Lucian Vărşăndan, Intendant des deutschen Staatstheaters Temeswar

Mittwoch, 26. September 2012

„Dieses Theater muss sich ein vielfältiges Programm leisten“ – Intendant Lucian Vărşăndan. Foto: Zoltán Pázmány

Das Deutsche Staatstheater Temeswar hat mit der Produktion „Shaking Shakespeare“ die 60. Spielzeit begonnen. Am Wochenende findet auch die erste Premiere der neuen Saison statt. In der Regie von Niky Wolcz wird die Produktion „Niederungen“, eine Adaption nach Erzählungen von Herta Müller, uraufgeführt. In den letzten Tagen wurde auch bekannt gegeben, dass das DSTT mit drei seiner Produktionen aus der letzten Spielzeit in das Program des Nationalen Theaterfestivals aufgenommen wurde. BZ-Redakteur Robert Tari sprach mit dem Intendanten Lucian Vărşăndan über die letzte Spielzeit und die zukünftigen Pläne des Theaters. 

Das Deutsche Staatstheater blickt auf eine erfolgreiche Spielzeit 2011/2012 zurück. Das Beweist die Teilnahme des DSTT mit gleich drei Produktionen am Nationalen Theaterfestival Ende Oktober. Was bedeutet diese Teilnahme für das Theater?

Der Rumänische Theaterverband hat die Endauswahl vor wenigen Tagen bekannt gegeben. Wir haben die absolut erfreuliche Nachricht erfahren, dass wir mit drei Produktionen eingeladen wurden. In unseren Augen bestätigt das auch den Aufwärtstrend dieses Hauses sowie auch die Wahrnehmung unserer Arbeit durch die gesamtrumänische Öffentlichkeit. Es ist auch eine Bestätigung der Bemühungen aller meiner Kollegen um äußerste Qualität der Theaterarbeit. Diese Art von Anerkennung ist sehr motivierend und ist zugleich ein großer Ansporn.

Im Hinblick auf den bisherigen Erfolg, welche Strategie möchte das Theater in Zukunft verfolgen?

Wir wollen den beschrittenen Weg weitergehen. Wir wollen sowohl unserem Publikum als auch unseren Schauspielern ganz interessante Begegnungen ermöglichen. Begegnungen mit Kulturschaffenden, die sie kennen oder die sie noch nicht kennen, die stets auf der Suche nach dem wahren Theatererlebnis sind. Wir arbeiten ganz gerne mit neugierigen Menschen zusammen. Mit Menschen, die sich künstlerisch immer wieder neu erfinden und profilieren wollen. Zugleich aber auch mit Menschen, die im Laufe ihrer bisherigen Tätigkeit ihr Können und ihre Begabung unter Beweis gestellt haben. Deswegen verfolgen wir vier Richtungen, die Teil meiner Intendanzstrategie sind. Zum einen haben wir es mit großen Themen der Weltdramatik zu tun, die auf der Bühne bedient gehören, zum anderen wollen wir Kinder- und Jugendtheater machen. Ein Schwerpunkt ist auch die Förderung der deutschsprachigen Dramatik und es ist auch unser Anliegen, das wir immer wieder Genres wie Komödie oder Musicals im Repertoire vertreten haben. Das wollen wir auch weiterhin so verfolgen. Ich denke nach wie vor, dass sich dieses Theater ein vielfältiges Programm leisten muss, weil wir das einzige deutschsprachige Berufstheater in der Region sind. Wir haben auch jene Genres zu bedienen, die an einem Haus, das in der Sprache der Mehrheitsbevölkerung spielt, nicht unbedingt bedient gehören. Denn es gibt ja in der Mehrheitssprache Häuser oder Sektionen, die auf Sondergenres spezialisiert sind, wie zum Beispiel Musical oder Kindertheater oder musikalische Vorstellungen. Bei uns ist die Situation etwas nuancierter gerade im Hinblick auf das Kinder- und Jugendtheater, weil wir als deutschsprachiges Haus unser Nachwuchspublikum selber an dieses Theater heranführen müssen. Wir spielen hauptsächlich vor Menschen, die zwar des Deutschen mächtig sind, aber die hauptsächlich nicht mehr aus deutschsprachigen Familien kommen. Daher sind wir als Theater bemüht, diese Leute ans Haus zu holen, sie zu treuen Zuschauern dieses Hauses werden zu lassen. All das verlangt auch von unserem Programm gewisse Bedingungen, die wir erfüllen wollen.

Worauf können sich Zuschauer in der neuen Spielzeit 2012/2013 freuen?

Wir haben ihm Hinblick auf experimentelles Theater ein Projekt, zu dem die Proben bereits begonnen haben. Es ist eine Tanz-Theaterimprovisation unter der Leitung des Choreografen Florin Fieroiu aus Bukarest. Das ist eine ganz besondere Art der Theatererfahrung und auch der Theaterarbeit unter dem vorläufigen Arbeitstitel „Artificial Life“. Daran beteiligt ist ferner für die Ausstattung dieser Inszenierung die junge aber nicht minder erfolgreiche Kostüm- und Bühnenbildnerin Cristina Milea, die wir zum ersten Mal an unser Haus holen. Sie hat mit namhaften Regisseuren dieses Landes zusammengearbeitet. Ich nenne allein Radu Afrim. Sie hat am Theater in Sfântu Gheorghe oder jetzt in Großwardein gearbeitet sowie am renommierten Odeon-Theater in Bukarest. Anschließend wird eine neue Shakespeare-Produktion erarbeitet. Ich nenne hier ein Werk, das eine besondere Stellung im Rahmen von Shakespeares Schaffen einnimmt: Titus Andronicus. Es ist ein sehr ehrgeiziges Unterfangen unter der Spielleitung von Brian Michaels aus der Bundesrepublik Deutschland, mit dem Bühnen- und Kostümbild unserer Hausausstatterin Ioana Popescu. Die zweite Hälfte der Spielzeit bringt zwei Regisseure ans deutsche Staatstheater, deren Wirken in den letzten Jahren mindestens, aber auch darüber hinaus in Rumänien sowie international für große Aufmerksamkeit gesorgt hat. Sie werden sich Themen der Weltdramatik widmen. Es handelt sich um Regisseur Yuri Kordonski. Er stammt aus Sankt Petersburg, lebt in den USA und unterrichtet dort seit Jahren an namhaften Theaterschulen. Dem rumänischen Publikum ist er hauptsächlich infolge seiner Inszenierungen am Bukarester Stadttheater Bulandra bekannt. Er hat aber auch am Nationaltheater Bukarest und Hermannstadt als Gastregisseur gewirkt. Seine jüngste Inszenierung an der rumänischen Abteilung des Hermannstädter Theaters hat dieses Jahr den Preis des Rumänischen Theaterverbandes für die beste Produktion des vergangenen Jahres erhalten. Yuri Kordonski und ich führen Gespräche schon seit über vier Jahren und ich freue mich, dass wir Anfang des kommenden Jahres diese Zusammenarbeit machen. Der zweite Regisseur, den ich nennen möchte, der ans DSTT für eine neue Zusammenarbeit zurückkehrt, ist Alexandru Dabija. Dabija hat rumänische Theatergeschichte geschrieben. Er ist nach wie vor sehr präsent, an sehr vielen Theatern und zusammen mit Alexandru Dabija wollen wir eine besondere Vorstellung anhand von Texten von Bertolt Brecht machen. Darüber hinaus soll gegen Ende der Spielzeit wieder auch das Kindertheater bedient werden. Sowohl Kordonski, als auch Dabija werden mit dem Bühnen- und Kostümbildner Dragoş Buhagiar zusammenarbeiten.

Das Deutsche Staatstheater hat die 60. Spielzeit gestartet. Hat man anlässlich dieser runden Zahl etwas Besonderes vor?

Ja, das DSTT wird im nächsten Jahr 60. Das werden wir dann auch gebührend feiern. Nicht nur durch unsere Produktionen, aber auch durch eine Festwoche. Diese wird entweder gegen Ende der Saison 2012/2013 oder gleich zu Beginn der Saison 2013/2014 stattfinden. Eine Festwoche mit Gästen aus dem In- und Ausland. Mit einer auch zeitgemäßen Präsentation des heutigen Ensembles des deutschen Staatstheaters Temeswar, aber nicht zuletzt mit einer wohlverdienten Verneigung vor den Leistungen jener, die im Laufe der vergangenen 60 Jahre dieses Theater gegründet und dann auch maßgeblich geprägt haben. 

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