Beiträge zur Banater Erinnerungskultur (25)

Mittwoch, 16. Juli 2014

Fotos: Zoltán Pázmány

“Leute, die damals noch nicht gelebt haben, werden es nicht glauben wollen, aber schon damals bewegte sich die Zeit so schnell wie ein Reitkamel; und nicht erst heute. Man wusste bloß nicht, wohin.“ Das schreibt Robert Musil (1880-1942) in einem der aufschlussreichsten literarischen Zeugnisse über die Zeit vor dem ersten Weltkrieg, genauer: über das Jahr 1913, in seinem 1930 erschienenen riesigen Romanfragment „Der Mann ohne Eigenschaften“. Aber nicht alle bedeutenden Schriftsteller, die die Zeit vor und während des ersten Weltkriegs in der Doppelmonarchie erlebten, haben sie so empfunden wie Musil. Rainer Maria Rilke (1875-1926) schrieb 1910: „...alles steht, stockt, wartet. Ja, und wie, wenn es bei diesem Stauen und Stocken stehen bliebe?“ Zeithistoriker sind der Meinung, dass so gegensätzliches Zeitempfinden bei zwei Spitzenleuten des Geistes in der Doppelmonarchie sich nicht unbedingt ausschließen. Das wusste Roberl Musil eigentlich schon 1902, als er in seinem Tagebuch notierte: „Ich kann ganz gut zwei einander völlig entgegengesetzte Dinge behaupten und in beiden Fällen Recht haben.“ Etwa wie beim Generationskollegen der beiden, Hugo von Hofmannsthal (1874-1929), der von einem Seelenzustand spricht, den er „triumphierend traurig“ nennt.

Das war auch den Sprachwissenschaftlern der Zeit bewusst. Fritz Mauthner (1849-1923) schreibt in seiner dreibändigen „Beiträge zur Kritik der Sprache“, dass ein solcher Gefühls- und Denkantagonismus bloß „ein Paradoxon“ sei, faktisch aber unmöglich ist – wofür er 700 Seiten braucht und letztendlich meint, Sprache sei zur Erkenntnis der Wirklichkeit gar nicht geeignet. Trotzdem: Sprache wird von den österreichischen Literaten des angehenden 20. Jahrhunderts als zentrales Thema entdeckt, mit der nervöse Dekadenz und Todesästhetik quasi in den Expressionismus übergeleitet werden. Dem schon zitierten Hofmannsthal zerfallen dann die Worte im Munde „wie modrige Pilze“. In solchen Überlegungen haben eine Ingeborg Bachmann (1926-1973), Thomas Bernhard (1931-1989), Peter Handke (*1942) oder der Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889-1951) ihre Wurzeln geschlagen und sind zum Teil daran verzweifelt.

Irgendwie war das Untersuchen der Sprachinhalte an den gefühlten Zerfall einer Welt gebunden, was auch beim scheinbar davon unberührten Arthur Schnitzler (1843-1932) nachvollziehbar ist, der den Kontrast zwischen der „heilen“ Welt der Endzeit der Doppelmonarchie und dem Aufwühlenden der Neuzeit thematisiert. Die Fassaden, die er gestaltet, haben keine Rechtfertigung mehr.

Die Friedensbewegung lange vorweggenommen hat Berta von Suttner (1843-1914) mit „Die Waffen nieder!“ (1889). 1905 erhielt sie den Friedens-Nobelpreis. Den Ausbruch des Weltkriegs erlebte sie nicht mehr. Ein anderer überzeugter Pazifist war Stefan Zweig (1881-1942), der allerdings – wie viele österreichische und deutsche Autoren beim Ausbruch des ersten Weltkriegs – ursprünglich ein überzeugter Kriegsbefürworter war (er gibt es in „Die Welt von gestern“ – 1942 – zu). Die große Ausnahme war da Karl Kraus (1874-1936), der in der „Fackel“ schon um die Wende zum 20. Jahrhundert vor der Weltkatastrophe zu warnen begann, die sich abzeichnete. Franz Kafka (1883-1924) war alters- und gesundheitsbedingt kein Kriegsteilnehmer, hatte sich aber so intensiv in den Kriegsalltag eingefühlt, dass die Brutalität mancher Szenen der Erzählung „In der Strafkolonie“ bei einer Lesung in München, 1916, Zuschauerinnen in Ohnmacht fallen ließ.

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