Beiträge zur Banater Erinnerungskultur (26-27)

Mittwoch, 30. Juli 2014

Fotos: Zoltán Pázmány

Karl Kraus (1874-1936), der nicht immer so erfrischend eindeutig und in jederzeit zitierbaren Sentenzen urteilte, wie man es von ihm eigentlich erwartet, meinte zur Psychoanalyse von Siegmund Freud (1856-1939): „Ihm gehört das Verdienst, in die Anarchie des Traums eine Verfassung eingeführt zu haben. Aber es geht darin zu wie in Österreich.“

Von Psychoanalyse und irgendwelchem Sondieren des Unterbewussten (= der Mensch als Triebwesen, das weitgehend vom Unbewussten beeinflusst agiert) blieb der ländliche Raum des Banats noch gute 60 bis 70 Jahre gefeit und erst der Fall der Mauer durch die Miniaturisierung und das finanzielle Zugänglichwerden des („Koffer“-)Radios zu Beginn der 1960er Jahre ermöglichte bei den Jugendlichen mit Bildungszugang und –neigung eine in ihrer Tragweite von niemand vorausgesehene Öffnung, die mit der Popkultur und der (sehr späten) sexuellen Revolution im rumäniendeutschen Raum begann.

Mit der zum sozialen Phänomen gewordenen Psychoanalyse im städtischen Raum Kakaniens hatten also die Banater Bauernsöhne, Bauern und Handwerker nichts am Hut, die in den ersten Weltkrieg ziehen und oft ihr Leben lassen mussten, auch wenn die „Traumdeutung“ (erschienen 1899) laut Freud „in der Luft lag“ und Banater Ärzte sicher davon nicht unbeeinflusst blieben – sofern sie Ansätze zu beruflichen Ambitionen pflegten.

Dass der Konflikt zwischen Innenwelt und sozialer Norm, dessen Auswirkungen im Grunde der weltweit beachtete und nachgeahmte Forschungsgegenstand Freuds waren, sich im Banater ländlichen Raum anders manifestierten (einige Zeugnisse der bildenden Kunst deuten dies ziemlich unmissverständlich an, einschließlich die Zuwendung zum Sozialen, wie sie etwa in der Architektur in Temeswar, Arad und Lugosch identifizierbar ist), war schon durch die einfache soziale Struktur dieses Raums und den relativen Wohlstand, in dem man hier lebte, bedingt. Aber das könnte Gegenstand einer künftigen Forschungsarbeit sein.

Letztendlich passte die von Alfred Adler (1870-1937) entwickelte Individualpsychologie (= der Mensch ist ein freies Wesen, dass die sozial-kulturellen Aufgaben lösen muss, die ihm das Leben stellt) wohl besser in den ans Handfest-Konkrete gewöhnten Banater ländlichen Raum, auch wenn hier von allen Völkerschaften geistige Leiden bis zum heutigen Tag eher als Schuld (= oft mit religiösem Lösungsschlüssel, mit dem – dazu ganz und gar unvorbereiteten – Pfarrer/Popen als besten Seelendoktor), denn als Krankheit (= auf medizinischem Weg heil- oder behandelbar) angesehen werden.

Adler brach 1911 seine Beziehungen zu seinem geistigen Mentor ab, Freud verfiel wenig später, mit Ausbruch des ersten Weltkriegs, in die allgemeine Kriegseuphorie und erklärte, seine „ganze Libido“ gehöre Österreich-Ungarn. Die (indirekten) Kriegserfahrungen Freuds führten ihn zu einer Vervollständigung seiner psychanalytischen Theorien um den „Todestrieb“ und die Lehre vom „Unbehagen in der Kultur“.

Die Gründerzeit hatte im wilhelminischen Deutschland und in der Doppelmonarchie unterschiedliche Ausprägungen. Auf geistigem Gebiet war vor allem die Zeit zwischen 1900-1914 mit dem Zentrum Wien eine Periode, wo nicht nur Freud an Karl Kraus appelierte, „zusammenzuhalten“, weil sie, die Intellektuellen, die „Wenigen“ sind, die ein schöpferisches Potenzial entwickeln, das heute „Wiener Moderne“ heißt. Es war die Zeit, als alle Vor- und Nachteile des alten und des neuen Europas gegeneinander abgewogen und aufmerksam getestet wurden – und dies in allen Bereichen der Wissenschaft und der Kunst – wo zunehmend soziale Grenzen überprüft wurden, wo neue moralische und theoretische Grundlagen theoretisiert und gelebt wurden, wo neue Möglichkeiten, von der Urbanistik und der Architektur bis zur Medizin, Literatur und Philosophie ausgereizt wurden. Und für alldas war Wien ein Zentrum (wo man „an einem Tag hundert Jahre zurücklegen“ konnte, wie es Robert Musil rückblickend sagte).

Der erste Weltkrieg zwang viele der geistigen Spitzenexponenten der Zeit zum radikalen Umdenken. Neue Geistesströmungen entstanden, die – nicht in allen Fällen zu dessen Vorteil – das 20. Jahrhundert prägten. Dem Krieg zwischen „Stilkünstlern“ und „Naturalisten“ setzte der Weltkrieg ein ziemlich brüskes Ende, Expressionismus (bei den österreichischen Vertretern vorrangig Ausdruck subjetiver Gefühle, bei den deutschen radikale Aufdeckung sozialer Um- und Mißstände) und Abstraktionismus setzten sich durch, nicht bevor sie durch die Radikalität und Brutalität der Kriegserlebnisse im Bewusstsein vieler Künstler „geläutert“ wurden. Extremes Körperempfinden, Verzerrungen des Schmerzes bis zum Grotesken, extreme Kontraste gehörten zu diesem Läuterungsprozess, den die Künstler durchmachten, indem sie eigenes Erleben oder das ihrer „Kameraden“ buchstäblich haut-nah empfanden. Oskar Kokoschka, der als „junger Wilder“ bei der Ausstellung der 130 („Stil-“)Künstler zum 60. Regierungsjubiläum des Kaisers Franz Joseph 1908 auf der Kunstschau debütierte, meldete sich nach einer stürmischen Liebesbeziehung mit Alma Mahler freiwillig zum Frontdienst und wurde so schwer verletzt, dass bereits ein Nachruf auf ihn veröffentlicht wurde (er starb 1980 in der Schweiz...). Die Erfahrung des schwerverwundeten Individuums prägte ihn lebenslang.

Und die konnten die Künstler und Kriegsberichterstatter sowohl an eigenem Leib und Seele verspüren, als auch bei ihren „Kriegskameraden“ beobachten. Auf alle Fälle weckte der erste Weltkrieg in der bildenden Kunst eindeutigere Reaktionen als in der Literatur.

In Wojteg/Voiteg/Voiteni steht mitten auf dem Friedhof und in unmittelbarer Nähe der Friedhofskapelle eines der Erste-Weltkrieg-Denkmäler, das etwas aus dem Rahmen fällt. Erstens ist es nicht in Temeswar sondern in Tschakowa/Ciacova angefertigt worden. Zweitens ist hier sehr geschickt ein Symbol des ersten Weltkriegs in Szene gesetzt: eine Weltkugel (auf der das christlichen Kreuz ruht), auf einem Band umwunden von den Jahreszahlen „1914-1918“. Und drittens wird das Ensemble schlicht ans gewöhnliche Grabkreuz Banater Friedhöfe angelehnt, auf denen die rund 40 Namen der römisch-katholischen Gefallenen aus Wojteg vermerkt sind (die Ortschaft ist zweisprachig, deutsch-rumänisch gewesen hatte um die Wende zum 20. Jahrhundert mehr als die Hälfte, rund 1100, deutsche Einwohner).

 

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