Beiträge zur Banater Erinnerungskultur (29)

Mittwoch, 27. August 2014

Fotos: Zoltán Pázmány

Die „gute alte Zeit“ war bis in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Einheitlichkeit und feste Werte geprägt, zu denen nicht zuletzt Achtung vor der Staatsmacht und „den Anderen“, eine gewisse Leichtigkeit, ja Oberflächlichkeit des Lebens, Kaffeehauskultur, Walzertakte und Operetten, aber auch die Düsterkeit und der Sozialfundamentalismus der (gewerkschaftlichen und parteilichen) Organisierungsformen des aufkommenden Proletariats gehört haben (später sprach man ja vom „roten Wien“...) und der Aufbau von Formen staatlicher und privater Sozialunterstützung.

Die „-ismen“ der Kunst sind im sozial-politischen Leben viel stärker ausgeprägt, während die Weltanschauungen immer exklusivistischer und untereinander intoleranter werden, mit dem Anspruch, Alleinbesitzer der ultima Ratio, „der Weisheit letzter Schluss“ zu sein: Marxismus, Deutschnationalismus, christlicher Sozialismus, Zionismus und Antisemitismus feilen an ihren Grundlagen und definieren sich im Kontrast zu den anderen. Georg Ritter von Schönerer (1842-1924) perfektionierte die antisemitische Rhetorik zur Politikreife, so dass 1888 die Deutschnationalen und die Christlich Sozialen sich zu einer Wahlgemeinschaft für die Wiener Gemeinderatswahlen zusammenschlossen. Ihr Führer, Karl Lueger (1844-1910) brachte es mit seiner (glänzenden) Rhetorik in der Judenhetze zum Bürgermeister von Wien (von ihm soll der Spruch stammen: „Wer ein Jude ist, bestimme ich!“).

Theodor Herzl (1860-1904), ein assimilierter Jude, ein Schriftsteller und Journalist, suchte im verschlimmerten Assimilations- und Integrationsklima für die Juden einen Ausweg. Für Herzl war die Lösung der „Judenfrage“ ein souveräner jüdischer Staat mit regionaler politischer Machtausstrahlung. 1896 erschien sein „Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“, ein Buch, das stark polarisierte. Die Frage, die er sich infolge zahlreicher Gespräche mit den Politikern der Zeit stellte, lautete: „Bin ich meiner Zeit voraus? Sind die Leiden der Juden noch nicht groß genug?“ Seine Antwort: „Wir werden sehen...“

Aber auch die anderen Völker der Donaumonarchie suchten, jede für sich oder gemeinsam Lösungen, entweder in eigenen Staaten, oder in einer anderen Form der Integration, wie etwa der aus Lugosch stammende Aurel C. Popovici, der mit seiner Föderationsidee einiges von der EU vorwegnahm  („Die Vereinigten Staaten von Großösterreich“, 1906, ein Buch und ein Autor, von dem der in Sarajevo ermordete Thronfolger Franz Ferdinand große Stücke hielt), oder Strossmayer in Kroatien und Baratzki in Tschechien. Andrerseits wurden die deutschnationalen Ideen, die sich an diesen zentrifugalen oder zentripetalen staatspolitischen Denkrichtungen rieben, radikaler – und führten letztendlich bis zum Holocaust. Bekannt ist etwa, dass die „Ostara-Hefte“ des Jörg Lanz von Liebenfels (1874-1954) vom jungen Hitler (1889-1945) 1907-1911, als in Wien lebte, gern gelesen wurden, dass sie seine antisemitische Gesinnung bestätigt und gestärkt haben. In den Notizen des in Wien wohnenden Arthur Schnitzler (1862-1934) findet sich die lapidare Notiz: „Antisemitismus. Auswanderung, sofort.“

Sparsam an Worten, großzügig im Konzept – so präsentiert sich heute das gut gepflegte Denkmal, das Marienfeld/Teremia Mare den Opfern des ersten Weltkriegs gewidmet hat. Die neoklassizistische Form des Denkmals liegt in einer gewissen Tendenz der Ordnungs-Suche und Ordnungsfindung nach dem ersten Weltkrieg, vielleicht auch eines Anflugs von Nostalgie nach der „guten alten Zeit“ (=Zeit der Ordnung, Ordentlichkeit, des vorausschaubar Geregelten), die mit dem Kriegsende und den Pariser Vorortverträgen sowie die durch diese festgeschriebene provisorische Welt-Neuordnung nach 1918-1923 unwiderbringlich verloren war.

Akzentfrei rumänisch sprechende Marienfelder Deutsche hat es wohl bis zu deren finaler Auswanderung zu Beginn der 1990er Jahre nicht gegeben. Wohl aber immer eine ungewöhnlich hohe Toleranzquote gegenüber „anderen“, was aus den Marienfeldern im Banat immer einen besonders sympathischen Menschenschlag gemacht hat. 

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