Bekleidungsgewerbe waren führend

Die Lage der Zünfte 1844 in Kronstadt

Donnerstag, 27. Dezember 2012

In den Jahren des Vormärzes war das Handwerk und die Zünfte für das Wirtschaftsleben von Kronstadt bestimmend, wie aus der Anzahl der Beschäftigten im Verhältnis zu der Gesamtbevölkerung der Stadt erfolgt. Leider habe ich keine Angaben über den Wert der hergestellten Waren gefunden, es wäre sehr interessant, die Produktivität (Wert der Produktion pro Kopf der Arbeiter) in der Zeit zu kennen.  

Von den bei der Volkszählung von 1839 ausgewiesenen 22.886 Einwohnern der Stadt Kronstadt waren 1405 zünftige Meister, 246 Witwen die den Betrieb ihrer verstorbenen Ehemänner weiterführten, 1426 Gesellen, 373 Lehrjungen und 3335 Dienstboten, dazu kommen noch etwa 1000 in nicht zünftigen Berufen Beschäftigte, im ganzen 7785 Berufstätige das  sind rund 30 Prozent der Einwohner der Stadt. In dieser Zahl sind auch die in der Hausindustrie Beschäftigten enthalten. 
 
Diese 22.885 Menschen lebten in 4900 Familien und bewohnten 3795 Häuser. Bei den nicht Berufstätigen bilden die 11.148 noch nicht 15 Jährigen die Mehrzahl neben den Hausfrauen. Sodass die eigentliche aktive Bevölkerung folgende ist: 22.886 (Gesamtbevölkerung) – 3900 (Hausfrauen, deren Zahl nicht gleich mit der Zahl der Familien anzunehmen ist, siehe oben) – 11.148 (Jugendliche unter 15 Jahren) = 7838. von diesen sind aber nur 7785 als Beschäftigte ausgewiesen. Wer waren nun aber diese 53 Personen die in keine Kategorie passen? Wahrscheinlich waren es Beamte, Geistliche und Lehrer, dazu Alte die nicht mehr arbeiten konnten und in den Familien lebten. Im Blick auf die Gesamtzahl der Einwohner ist es keine bedeutsame Zahl, denn es sind  nur rund 0,23 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Welches diese Handwerke waren, wie viele Meister, mit wie viel Gesellen und Lehrjungen gearbeitet haben, können wir aus der folgenden Zusammenstellung erkennen:
Es ist der Beachtung wert, welchen Anteil die verschiedenen zünftigen Handwerke hatten. Es mag den heutigen Leser überraschen, dass hier die Bekleidungsgewerbe: Weber, Schneider und Schuster, zu denen auch die Tschismenmacher und Lederer gehörten, sowie die Lebensmittelhersteller führend sind, während die metall- und holzverarbeitenden Gewerbe eher im Mittelfeld liegen. So sind von den 1651 Meistern 694 im Bekleidungssektor (im weiteren Sinn) und 96 Meister in dem Lebensmittelsektor beschäftigt. Zu den oben genannten Zahlen kommen noch einige Meister die keiner Zunft angehören: Zinngießer, Strumpfwirker, Rauchfangkehrer, Friseure, Gersten-, Hirse- , Stampf-, Walk-, und sonstigen Müller, Kupferhämmer, dazu die in der Hausindustrien (Kotzenmacher, Schnurklöppler, Lebkuchenbäcker, Nagelschmiede usw.) beschäftigten.  Geschätzt werden etwa 1000 nicht zünftig Beschäftigte.

Auffallend ist die geringe Zahl an Lehrjungen. Bei 1651 zünftigen Meisterbetrieben gibt es nur 373 Lehrjungen, das heißt, dass im Schnitt auf eine Werkstatt nur 0,22 Lehrjungen kamen. Dieses bedeutet, dass das Handwerk in Kronstadt auf den Zuzug von auswärtigen Gesellen angewiesen war. Nur bei ganz wenigen, aber eher unbedeutenden Berufen war die Anzahl der Lehrjungen gleich oder größer als die Anzahl der Meister (Gelbgießer, Steingutfabrikanten, Apotheker, Barbiere, Schmiede und im Handel).  

Wenn wir uns nun auch die Anzahl der Gesellen und ihre Zahl im Verhältnis zu den Meistern ansehen, fällt uns auf, dass es einige wenig verbreitete Gewerbe sind, die mehr Gesellen als Meister aufweisen; daneben aber gibt es auch eine ganze Reihe von großen Gewerben mit einer höheren  Anzahl von Gesellen. 

Zu der ersten Kategorie gehören wieder Gelbgießer, Steingutfabrikanten, Handschuhmacher, Apotheker und Barbiere. Zu der zweiten zählen Schmiede, Hutmacher, Maurer, Riemer, Wagner, Schlosser, zu denen auch die Büchsenmacher und Zeugschmiede gezählt werden, Zimmerleute, die deutschen Schneider, Schuster, Tischler und Tschismenmacher.     
Es ist erstaunlich, wie viele Witwen den Betrieb ihres verstorbenen Ehemannes weiterführen, sie stellen 14,9 Prozent aller Handwerksbetriebe. Das zeigt, dass die Lage der Frau auch im 19. Jahrhundert und im Handwerk nicht so schlecht war, wie man es allgemein annimmt. Aus  der Zusammenstellung sieht man mit Erstaunen, dass Witwen in „Männerberufen“ stark vertreten waren. Es ist ersichtlich, dass quer durch die verschiedenen Handwerke, die von den Witwen geleiteten Werkstätten zahlenmäßig bedeutend waren.

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