Beliebter Treffpunkt für Buchfreunde und Autoren

ADZ-Gespräch mit Astrid Hermel, Inhaberin des Kronstädter aldus Verlags

Mittwoch, 06. Dezember 2017

Astrid Hermel in ihrem Antiquariat
Foto: Dieter Drotleff

Es gibt kaum ein Unternehmen, das gleich nach der Wende von 1990 seine Tätigkeit aufgenommen hat und heute noch besteht. Und doch gibt es auch das, wenn dessen Initiator und Inhaber durch seine Ausbildung und Erfahrung, vor allem aber durch die Liebe für seinen Beruf dafür lebt. Im Vorjahr feierte der Kronstädter aldus Verlag mit Antiquariat, Druckerei und Buchhandlung sein 25-jähriges Bestehen. Seit der festlichen Eröffnung des Antiquariats am 10. Juli 1991 in der Apollonia-Hirscher-Gasse steht diesem Astrid Hermel vor. Nachdem sie schon 1968 den Entschluss gefasst hatte, Antiquarin zu werden, und in der Kronstädter Buchvertriebszentrale angestellt wurde, ist ihr 1985 die Leitung des damals staatlichen Antiquariats anvertraut worden. Gleich nach der Wende stellte sie den Privatisierungsantrag und gründete das Unternehmen, in dem dann ihre ganze Familie mitwirken sollte. „Ihr Ziel war und ist es, dem deutschen wie dem multikulturellen Gepräge der Stadt und der Region Genüge zu leisten und sich dafür einzusetzen, dass deren kulturelle und literarische Identität in ihrer Vielfalt weitergegeben wird“, betonte Doz. Dr. Carmen Elisabeth Puchianu in der Laudatio anlässlich der Verleihung des Apollonia-Hirscher-Preises für das Jahr 2006 an Astrid Hermel für ihre besonderen Verdienste im Kulturbereich, an der Gemeinschaft. In einem offenen Gespräch mit dem Journalisten Dieter Drotleff spricht sie Aspekte ihrer Tätigkeit, der Zusammenarbeit mit Autoren und Buchfreunden an.

Zu Ihren Kunden können Sie inzwischen zahlreiche Buchfreunde und Autoren aus dem In- und Ausland zählen. Viele dieser gehören nun auch zu dem Freundeskreis des Antiquariats. Stimmt das?

Das erwies sich auch anlässlich des kürzlich stattgefundenen Kirchentages der Evangelischen Kirche A.B., der im Umfeld der Schwarzen Kirche stattfand, wo auch wir nun schon seit einigen Jahren unseren Sitz haben. Zwar ist die Anschrift nicht Honterus-Hof, sondern Marktplatz/Piața Sfatului Nr. 18, weil die Fassade sich gegen diesen befindet. Es gab zahlreiche Teilnehmer an den Festlichkeiten, die auch bei uns eintraten, die nur gelegentlich aus Deutschland oder aus Hermannstadt bei uns vorbeischauen. Durch unser Entgegenkommen und unsere Angebote, wobei sie auch so manche Raritäten erwerben konnten, sind auch freundschaftliche Beziehungen sowie eine Zusammenarbeit entstanden, die wir pflegen. Und immer wieder suchen uns diese auf, obwohl das nun schon der vierte Standort von aldus in Kronstadt ist. Sie hatten kaum alle Platz in unseren Räumlichkeiten, als sie zu einem Kaffee kamen.

Wie schätzen Sie nun, nach 26 Jahren, die Tätigkeit ihres Verlagshauses ein?

Ich bin zufrieden! Es ist nicht wie bei den großen Verlagen landesweit, die Hunderte Titel veröffentlichen. Aber alle Bücher, die wir drucken und herausbringen, sind Bücher, die auch ein langes Leben haben, also Geschichte, Monografien. Und was wichtig ist, wir fördern Kronstädter, und nicht nur, junge und ältere Autoren.

Welches ist der Stellenwert von aldus im Kontext der anderen Verlage, die deutschsprachige Bücher im Land veröffentlichen?

Da wäre vor allem der Schiller-Verlag zu erwähnen, dessen Bücher auch im Angebot unserer Buchhandlung stehen. Ebenso aus Hermannstadt die Bücher des hora Verlags und die im Monumenta-Verlag erscheinenden Veröffentlichungen von Hermann Fabini. Es sind sehr gute Verlage und es freut mich, dass es doch noch mehrere Verlage im Land gibt, die deutsche Bücher herausbringen. Auch haben wir im Angebot Bücher von anderen in- und ausländischen Verlagen. Einige Titel, die gegenwärtig angeboten werden – abgesehen von dem Verlag, in dem diese erschienen sind – möchte ich nennen: einzelne Exemplare aus der Serie „Urkunden und Chroniken“ von Gernot Nussbächer oder dessen „Beiträge zur Honterusforschung“, dann „Kronstadt in Siebenbürgen“ und „Kleine Geschichte Siebenbürgens“ von Dr. Harald Roth, den „Atlas der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen und Dorfkirchen“ von Arch. Hermann Fabini, die Monografie „Honigberg“ von Michael Konnerth, „Margarete Depner – eine Bildhauerin in Siebenbürgen“ von Joachim und Rohtraut Wittstock, „Haussprüche aus Siebenbürgen“ von Friedrich und Ilse Philippi, die Festschrift für Carmen E. Puchianu „Schreiben zwischen den Kulturen“, von Neagu Djuvara die „Kurze Geschichte der Rumänen“ , oder von Paula Schneider , die kürzlich für einige Monate in Kronstadt als Stadtschreiberin da weilte, „Bleib bei mir, denn es wird Abend werden. Die Geschichte einer langen Liebe“.

Jedes Frühjahr findet die Leipziger Buchmesse statt. Vor Jahren waren Sie auch mit einem Stand dabei. Man vermisst den aldus Verlag aber in den letzten Jahren sowohl bei den in- als auch den ausländischen Buchmessen. Welches ist der Grund?

Bis zum Jahr 2002 habe ich nie bei einer Buchmesse gefehlt. Bis dahin gingen Verlag, Druckerei, Buchhandlung, Antiquariat, die das Bücherhaus aldus ausmachen, sehr gut. Durch die wiederholten Wechsel unseres Standortes wurden die Einnahmen geringer, die Stände an den Buchmessen wurden immer teurer. Hinzu kam als ernster Konkurrent das Internet, es wurde immer weniger gelesen, sodass wir nicht mehr die finanzielle Möglichkeit hatten, uns an Buchmessen zu beteiligen. Für uns war die Beteiligung an der Leipziger Buchmesse im März 1998 ein großer Erfolg, wo wir sowohl als Verlag als auch als Antiquariat dabei waren. Damals stand Rumänien im Mittelpunkt, es war Gastland. Das wird auch 2018 wieder der Fall sein, wenn ich wie mein Sohn Edmond sehr gerne wieder dabei sein will. Überhaupt wollen wir die Beteiligung an Buchmessen wieder aufnehmen, im Kulturleben wieder stärker präsent sein. Damals war ich als Frau die einzige Antiquarin von den Vertretern der 79 Teilnehmerländer, die bei der Buchmesse in Leipzig anwesend waren.

Sie sprechen hoffnungsvoll. Bedeutet das, dass Verlag und Antiquariat nun wirtschaftlich besser gehen?

Seit etwa zwei Jahren geht es wieder aufwärts. Es waren viele Tiefen und Höhen. Man merkt, dass besonders die Jugend wieder mehr Interesse am Buch zeigt, mehr liest. Vermutlich ist anderseits deren Interesse an den Computerspielen und an dem Internetangebot etwas gesunken. Zudem verlangen Schulen und Lehrkräfte Materialien aus älteren Schulbüchern, sodass Schüler immer öfter nach solchen Angeboten fragen. Außerdem sind viele Senioren, die immer noch gerne lesen, unsere Kunden. Und das Angebot unseres Antiquariats ist sehr billig.

Ihre Firma umfasst unter der Bezeichnung aldus nach dem venezianischen Humanisten und Sprachgelehrten Aldus Manutius (1449 – 1515) mehrere Tätigkeitsbereiche. Welches sind diese?

Ich kann diese nicht trennen, da ich sie von Anfang an zusammen hatte: Antiquariat, Buchhandlung, Druckerei und Verlag. Anfangs war es das staatliche Antiquariat, das privatisiert worden war. Aber auch dieses ist falsch gesagt, da ich von null angefangen habe. Zwar erhielt ich die Räume vom ehemaligen Buchhandlungszentrum, doch wurden diese ganz geleert, einschließlich Regale und Tische. Ich musste den Raum renovieren lassen, die Einrichtung beschaffen. Von Anfang an wollte ich auch Verlag und Druckerei gründen. Es gab Marktlücken. Es wurden viele Bücher gesucht, es gab keine Neuauflagen. Vermittels auch der Saxonia-Stiftung konnte ich meine Projekte entwickeln, da ich nicht viel Geld für Investitionen hatte, und konnte so Druckgeräte anschaffen. Mit den Investitionen haben wir 1992 begonnen. Es waren gute Zeiten. Die Nachfrage nach Büchern war noch sehr groß. Auch das Angebot an alten Büchern war im Steigen. Ein Jahr darauf haben wir das erste große Kopiergerät gekauft. Die Nachfrage für Xerox-Abzüge war sehr groß, und wir waren die einzigen im Umfeld, die das anbieten konnten. Mein Sohn Arthur ist gleich nach Abschluss des Lyzeums in diese Tätigkeit eingestiegen, hat sich den Computerspielen gewidmet, ein weiterer großer damaliger Anziehungspunkt unserer Firma. Sohn Edmond, der in Deutschland studierte, hat uns 12 Geräte gebracht. Das war eine Premiere in der Stadt.

Bekanntlich ist aldus ein Familienbetrieb. Wie sind die Tätigkeitsbereiche eingeteilt?

Der jüngere Sohn Arthur hat sich weiter dem Druckbereich gewidmet, sich in diesem ausgebildet, selber gelernt. Auch seine Frau hat im Geschäft mitgeholfen. Nun wird auch Sohn Edmond in der Buchhandlung und dem Antiquariat einsteigen und mir helfen.

Auf was ist die Druckerei gegenwärtig orientiert?

Außer dass das Copycenter sehr gut geht, da wir unmittelbar neben der Honterus-Schule liegen und die Schüler viele Kopien aus Lehrbüchern benötigen, haben wir auch viele Aufträge von Unternehmen für Broschüren, Werbematerialien, Visitenkarten, also kleinere Bestellungen. Und dann die Buchproduktion. Diesbezüglich haben wir ständig Aufträge. Seit vielen Jahren arbeiten wir mit dem Historiker Gernot Nussbächer zusammen und drucken die Folgen der Serie „Aus Urkunden und Chroniken“, wir haben Aufträge seitens des Siebenbürgen-Forums, dann weitere Buchbestellungen von Monografien und Broschüren, Fachbücher von Hochschullehrern, beispielsweise die am Forstinstitut unterrichten, vom Lehrstuhl für Germanistik, vom Pfarramt der Gemeindebrief „Lebensräume in der Honterusgemeinde“, sehr viele Notenmaterialien, die Steffen Schlandt und Ingeborg Acker benötigen.

In letzter Zeit haben Sie auch Buchvorstellungen vorgenommen, die sich im literarischen Leben der Stadt großer Anerkennung erfreuen. Welches war der Anlass dafür?

Eine Zusammenarbeit entstand mit dem Klausenburger Verlag „Ecou Transilvan“, nachdem wir mit der Autorin und Literaturkritikerin Nadia Fărcaș bei der Buchvorstellung von Hans Bergel in der Kronart-Galerie Bekanntschaft geschlossen hatten. Im Juni kam es somit zu einer Buchvorstellung der Klausenburger Autorin Rodica Scutaru Milaș, wobei wir zwei Lyrikbände – rumänisch, deutsch – bei schönstem Sommerwetter im Hof unseres Verlags vorstellen konnten. Desgleichen haben wir vorher ein Lesertreffen bei der Vorstellung des Lyrikbandes des Kronstädter Autors Dan Despan, der auch die Illustrationen gezeichnet hat, organisiert. Dabei konnten wir immer mehrere Autoren begrüßen, die zu unseren Freunden zählen. Mircea Brenciu hat anlässlich unseres 25. Jubiläums einen Band veröffentlicht, der unserem Verlag gewidmet ist.

Zeigen die Kronstädter deutschsprachigen Leser Interesse am Antiquariat und dem Verlag? Und sind Sie optimistisch, was die Zukunft betrifft?

Immer wieder, besonders wenn es darum geht, jemandem ein Geschenk zu machen, eine Freude zu bereiten, kommen die Kronstädter in die Buchhandlung. Außerdem stehen immer wieder Besuche von Mitgliedern unserer Gemeinschaft ins Haus. Was die Zukunft unseres Hauses betrifft, bin ich optimistisch, da wir unsere Buchproduktion erweitern wollen, darunter mit Kinderbüchern, die sehr gefragt sind. Und vor allem sollen diese in größeren Auflagen erscheinen.

Was das Antiquariat betrifft: Welches sind die besonderen Angebote?

Seitdem wir die Bücher gleich bezahlen, haben wir ein sehr reiches Angebot. Diesen Sommer konnten wir Tausende Bücher absetzen. Die Bewertung mache ich wie früher, vielleicht einige Prozent geringer. Was liegen bleibt, spenden wir nach einem Jahr unentgeltlich an Schulen, Heime. Auch bieten wir viele Arten von Antiquitäten an, besonders Zinnobjekte.

Nächstes Jahr erfüllen sich 50 Jahre, seit Sie im Antiquariatswesen tätig sind. Was sollte man in einem solchen Beruf besonders berücksichtigen?

Erstens die Liebe zum Buch, das Entgegenkommen dem Leser gegenüber, die Sprachvielfalt. Ich bin dreisprachig, deutsch, ungarisch, rumänisch, aufgewachsen. Hinzugelernt habe ich Englisch, ein wenig Französisch, Lateinisch, Griechisch, damit ich weiß, was ich ankaufe und anbiete. Beim Buchhandelszentrum habe ich auch die dreijährige Ausbildung zum Antiquar besucht, die es heute nicht mehr gibt. Ich habe in den 90er Jahren viele Antiquariate besucht, um weitere Erfahrung zu sammeln. Und was mir ein alter Antiquar in Deutschland ans Herz gelegt hat, das war der Satz: In einem Antiquariat muss man stolpern. Man muss dem Besucher etwas vorlegen können, damit er nicht mit leeren Händen weggeht.

Vielen Dank für Ihre Ausführungen und dass Ihr Optimismus ansteckend wirkt!

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