Bereichernde ethnische Vielfalt oder gefährliche Parallelgesellschaft?

Das Donauschwäbische Zentralmuseum in Ulm erteilt Lektionen aus deutscher Migrationsgeschichte, aktueller denn je

Sonntag, 29. März 2015

Ulmer Schachtel im Licht des Vollmonds vor der Oberen Bastion der Bundesfestung

In den weitläufigen Räumen der Bastion optimal in Szene gesetzt

Ausführliche Texte begleiten jedes Stück, so dass man sich das Museum auch ohne Führung erschließen kann.

Museums-Mitbegründer und Banater Schwabe Joseph Ed. Krämer präsentiert eine „Sodawasserfabrik“.

Bunt bemaltes Spinnrad
Fotos: George Dumitriu

Beeindruckend thront die Festung im Vollmond über der plätschernden Donau. Der noch junge Fluss, nur unweit in Donaueschingen geboren, blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Museen säumen seinen Lauf - wie auch dieses hinter den trutzigen Mauern, die einst aus Angst vor den Feldzügen Napoleons erbaut, doch niemals angegriffen wurden: das Donauschwäbische Zentralmuseum in Ulm. Wer sind eigentlich die Donauschwaben? Der schlichte hölzerne Kahn vor dem Eingang - eine sogenannte Zille, abschätzig auch Ulmer Schachtel genannt - liefert einen ersten Hinweis. Mit einem solchen Gefährt brachen auch die Vorfahren der Banater Schwaben in Rumänien auf der Suche nach einer neuen Heimat in Richtung Pannonische Tiefebene auf. Viele von ihnen sind längst wieder zurückgekehrt. So schließt sich der Kreis ihrer Geschichte, die dieses Museum vermittelt. Und dabei überraschend aktuelle Lekionen zum Thema Migration und Toleranz erteilt...

Im 18. und 19. Jahrhundert ergossen sich deutsche Migrantenströme in die Region des südlichen Ostmitteleuropa: Man nennt sie zusammenfassend Donauschwaben, obwohl nur etwa sechs Prozent tatsächlich Schwaben waren. Die Sathmarer Schwaben, 1712-1815 vom Grafen Alexander Karolyi und dessen Nachfahren gezielt angeworben, stammten größtenteils aus dem Königreich Württemberg in Oberschwaben. Doch die im Habsburgerreich in Südosteuropa angesiedelten Auswanderer kamen vorwiegend aus Lothringen, der Pfalz, dem Elsass, Rhein- und Mainfranken. Es gab aber auch Emigranten aus Franken, Bayern, Hessen, Böhmen, Österreich, dem heutigen Belgien und Luxemburg, zu diesen gesellte sich eine geringe Anzahl Franzosen, Spanier und Italiener.

Sehnsucht nach eigenem Boden

Motivation für die Migration der Deutschen war vor allem das Erbrecht, erklärt Führerin Leni Perencevic. Praktiziert wurden zwei Formen: Entweder ging der gesamte Besitz auf den ältesten Sohn über, oder das Land wurde unter den Nachkommen gleich aufgeteilt. Ersteres führte dazu, dass nicht erbberechtigte Söhne Handwerke erlernten oder sich als Knechte verdingten und bald ein Überangebot entstand, letzteres zu einer Teilung des Grundbesitzes, bis dieser zur Versorgung einer Familie nicht mehr ausreichte. Und wer keinen Grundbesitz hatte, wanderte nur allzu gerne aus. 

Die Habsburger wiederum hatten Interesse, die von Türkenkriegen entleerten oder dünn besiedelten Gebiete im Osten mit Wehrbauern zur Landesverteidigung aufzufüllen. Aber auch wirtschaftliche Aspekte spielten eine Rolle. Dem österreichischen Kaiserreich ging es anfangs auch darum, das von den Muslimen zurückgewonnene Land katholisch zu besiedeln, erst mit dem Toleranzedikt von Kaiser Joseph II. wurden auch evangelische Auswanderer akzeptiert. 

Von den Habsburgern zur Ansiedlung zugelassen waren nur Bauern, die ein gewisses Vermögen vorweisen konnten und verheiratet waren, denn nur einer Ehegemeinschaft traute man zu, eine Bauernwirtschaft zu führen. So wimmelte es im Ulmer Hafen von Vermittlern, die noch kurz vor der Abreise hektisch Heiratswillige zusammenführten. In den flachbodigen Zillen, denn durch die seichte Donau bei Ulm kann man durchwaten, bepackt mit Hab und Gut, Möbeln und Vieh, ging es dann auf eine abenteuerliche Fahrt. Wegen ihrer einfachen Kastenform nannte man die Zillen auch spöttisch Ulmer Schachteln. Als Einwegboote gedacht, wurden sie am Zielort zerlegt, das Holz verkauft und man ging zu Fuß weiter, oder es diente dem Bau einer ersten Unterkunft.
Gemischte Dorfgemeinschaft

Frauen waren nicht nur im Hof, sondern vor allem beim Aufbau der neuen Dorfgemeinschaft wichtig. Häufig landeten Neuankömmlinge in gemischten Siedlungen, mit deutschen Auswanderern aus anderen Gebieten oder mit einheimischen Serben, Kroaten, Ungarn, Rumänen. Es waren dann die Frauen, die die Bräuche der Heimat weiterpflegten und wussten, welche Speisenfolge bei Festen angebracht war, welche Lieder man auf Beerdigungen sang, wie man sich zu welcher Gelegenheit kleidete oder - schmunzelnd verweist die Führerin auf den unbeholfen bekritzelten Zettel einer Heilkundigen, der vergrößert an der Wand hängt - wie man ein verrenktes Bein bespricht... In den Siedlungen mit deutschen Auswanderern verschiedener Herkunft setzten sich meist die Gepflogenheiten der größeren Gruppe durch. Vor den anderen Ethnien hielt man stolz an den eigenen Bräuchen fest. Trotzdem kam es im Laufe der Zeit zu Anpassungen: Die Schwaben lernten von den Ungarn, mit Paprika zu kochen und führten diese Speisen später bei ihrer Rückkehr nach Deutschland ein.

Besonderen Stellenwert hatte die Pflege der eigenen Sprache. Dennoch kam es zur Infiltration fremder Wörter - sowohl vom Deutschen und seinen Dialekten ins Ungarische, Serbische, Kroatische und Rumänische, wie auch umgekehrt. Eine Wand mit dem Titel „Wortwechsel“ verfolgt diese gegenseitigen Einflüsse anhand von Beispielen.
Wie selbstverständlich lernten vor allem Bewohner gemischter Dörfer  auch die Sprachen der anderen. Zwischen Schwaben und Ungarn war es Brauch, ihre Kinder zu diesem Zwecke für einige Monate auszutauschen, wobei man sich verpflichtete, für das Gastkind wie für das eigene zu sorgen. Austäusche fanden in der Regel mit befreudneten Familien statt und betrafen meist Jungen. Aber auch Mädchen wurden ausgetauscht, vor allem, wenn sie später bei städtischen Herrschaften in den Dienst gehen sollten. Ein Lederstiefelpaar im „Wortwechsel-Saal“ zeugt von einem Kinderaustausch im Rahmen des österreichisch-ungarischen Militärs: Der deutsche Knabe, in der Familie eines ungarischen Schusters gelandet, hatte sie Jahre später von seinem Tauschvater als Hochzeitsgeschenk erhalten. Bei den Schwaben war es Brauch, dass der Junge, wenn er zum Mann wurde, Lederstiefel bekam.

Friedliche Parallelgesellschaften

Die Donauschwaben, alle durch und durch Bauern, kamen meist schnell zu Wohlstand. Sie übten sich in natürlicher Geburtenkontrolle und trachteten danach, ihren Landbesitz durch geschickte Heiratspolitik oder Zukäufe zu vergrößern. Sie galten als sparsam und fleissig, ihr Leitmotiv findet sich noch heute in dem Spruch „schaffe, schaffe, Häusle baue“ wieder. Nicht immer gefiel dies den anderen.  In der Regel lebten die verschiedenen Ethnien jedoch friedlich in einem Dorf, wünschten aber eine gewisse Separierung. „Es war eine typische Parallelgesellschaft“, sagt der Banater Schwabe und Museumsmitbegründer Joseph Ed. Krämer, der längst  in Deutschland lebt. „Wir hatten unsere Schulen, Ehen, Kirchen - aber zu Trachtenparaden ging man immer gerne auch zu den anderen!“

Heute ist das Thema Parallelgesellschaften in Deutschland wieder hochaktuell, vor allem in der Diskussion zur Integration der Einwanderer. Das Entstehen von anderskulturellen Parallelgesellschaften wird als Gefahr empfunden. Doch die Geschichte der Donauschwaben lehrt, dass dies nur eine Sichtweise ist. Für Schulklassen, die das Donauschwäbische Zentralmuseum häufig besuchen, ergibt sich so ein Anknüpfungspunkt für eine Lektion in Sachen Toleranz und ethnische Vielfalt. Ulm ist schließlich auch  Schmelztiegel vieler Völker: Türken, deutsche Juden aus Russland, zurückgekehrte  Schwaben... „In jeder Schulklasse hat mindestens die Hälfte irgendeinen Migrationshintergrund“, schätzt Leni Perencevic. Der historische Vergleich zeigt auch, wie sich die Dinge ändern können: Einst von Auswanderungswellen in Strömen verlassen, ist Deutschland heute vor allem ein Einwanderungsland. Was man den Kindern im Museum anschaulich vermitteln kann, istVielfalt als interessant und bereichernd zu betrachten.

Durch die Vergangenheit schnuppern

Wir streifen durch weitläufige Säle. Hier prachtvolle, schwere Trachten mit eng geschnürter Taille und sieben weit abstehenden Unterröcken, filigran gehäkelte Babykleidung, buntbemalte Kinderwiegen... Dort Exponate aus dem bäuerlichen Alltag, Kurioses und Bekanntes, je nachdem, wie vertraut man mit traditionellem Landleben ist. Deutsche bestaunen stets den getrockneten Flaschenkürbis zum Weinschöpfen, der bei uns vielerorts noch gebräuchlich ist. Dann Säle für Handwerk und frühe Industrie: ein Werbeplakat für gedrechselte Verandasäulen, ein feuerroter, eiserner Bonbonautomat, der auf rumänisch Auswahl zwischen Stollwerck und „pesmeţi“ bietet. Nanu - Paniermehl? Krämer lacht: „So hießen damals auch Kekse.“

1500 Quadratmeter Geschichte. Stunden könnte man hier verbringen mit Lesen, Schauen oder den Dialektproben aus verschiedenen Regionen lauschen. Trotzdem leidet das im Jahr 2000 eröffnete Museum in der Oberen Donaubastion ein wenig unter der Tatsache, dass es nicht im touristischen Altstadtkern liegt. Eher zufällig entdeckt man es beim abendlichen Vollmondspaziergang am romantischen Donauufer.  Doch Psst! Lockt da nicht  ein leises Flüstern hinter dicken Mauern aus der Tiefe der Vergangenheit?

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*