Berge, Tabak und Moscheen

Zu Besuch bei den Türken in Nordgriechenland

Sonntag, 24. August 2014

Keramik-Dekoration in der Moschee in Xanti

Das Tabakfeld in der Nähe des Basars im Bergdorf Echinos

Einblick ins Innere der Moschee in Xanti

Das Antiquitätengeschäft in Komotini wird gerne von ausländischen Touristen besucht, die Interesse an der türkischen Kultur haben.

Im Obergeschoss des islamischen Gotteshauses beten nur die Frauen.
Fotos: die Verfasserin

In der Ferne beschreibt ein dünner Rauchfaden langsam kleine Kurven. Die Sommersonne wird sich bald hinter den Bergen verstecken. Flink bewegt sich die Schar verschleierter Frauen. Die fünf Damen im dunkelfarbigen Hidschad gehen durch die schmalen Straßen des Bergdorfes, mal aufwärts, mal abwärts. Auf dem Weg begrüßt Reyhan Bekis stolz ihren Mann, der gerade in einem kleinen Laden arbeitet. Ihr senfgelbes Kopftuch schwebt an einer Gruppe älterer Leute vorüber, die auf Stühlen am Rande sitzen. „Friede sei mit euch“, grüßen die Männer, vertieft in ein Fußballspiel am gegenüberliegenden Fernseher. In ein paar Minuten sind wir am Dorfrand. Vor uns ein breites Feld mit grünen Pflanzen. Ob wir wissen, was das ist?

Wir schweigen betreten. Als wir uns dem Zielort nähern, schmunzelt ein Westthrakien-Türke über seinen kleinen Triumph: Die ausländischen Journalisten wussten nicht, dass das Tabak ist! Mit Tabakanbau beschäftigen sich viele der Bewohner hier, in Echinos, der kleinen türkischen Ortschaft in den Bergen Nordgriechenlands. Die anderen arbeiten in Ländern wie Deutschland oder Dänemark, denn 90 Prozent der Projekte im Bausektor – die ehemalige Hauptaktivität hier – wurden wegen der Krise unterbrochen.

Bazar im Bergdorf Echinos

Unter einem Dach zwischen den Hügeln herrscht großes Gedränge: Ein Basar wird zum ersten Mal im isolierten Dorf Echinos organisiert. Die Initiative hat die 27-jährige Koranlehrerin Hamidye Behir ergriffen, da sie vor dem Ramadan arme Familien finanziell unterstützen wollte. Die Frau  hat in Istanbul studiert und wohnt in Xanti, einer Stadt mehr als 20 Kilometer entfernt. Sie pendelt täglich, um Koranunterricht in Echinos zu halten. Bei der Organisierung der zweitägigen Veranstaltung wurde ihr von anderen Frauen im muslimischen Dorf geholfen. Als Behir mit Unterstützung der Männer Fragen zu beantworten versucht, beginnt ein heftiger Sommerregen. Alle Anwesenden drängen sich unter dem jetzt zu klein gewordenen Dach des Basars. Organisatoren und Gäste betrachten den Regen, als ob das Schweigen ihren Respekt davor zeigen solle. Ein paar Minuten danach atmen die Wälder erleichtert auf und lassen Dampf ab. Wolken schweben über den umliegenden Bergen. Der Himmel wird hell. Das ist die Krönung für unseren kurzen Besuch in Westthrakien – ein Tisch mit leckeren türkischen Spezialitäten, Kopftücher als Geschenke für die weiblichen Gäste und ein Gruppenfoto, auf dem alle lächeln. Auf dem Weg zurück befahren wir eine kurvenreiche Straße über  steinige Hügel, die einzige Verbindung des Dorfes zur Außenwelt, und denken über die Schönheit der Menschen nach, denen man hier ab und zu begegnet.

Komotini: Moscheen und schlafende Bäume

Unser Besuch hat vor mehr als 24 Stunden in der 80 Kilometer entfernten Stadt Komotini begonnen, die Hauptstadt der griechischen Region Ostmakedonien und Thrakiens. Fünf Jahrhunderte war diese unter türkischer Besatzung, erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie Griechenland überlassen. Deshalb ist hier die türkische Minderheit noch stark vertreten – etwa die Hälfte der Bewohner sind Türken, die andere Hälfte Griechen. In Komotini trennen uns 100 Kilometer von der türkischen und 20 Kilometer von der bulgarischen Grenze; das Thrakische Meer ist weniger als 20 Kilometer entfernt.
In Komotini besuchen wir zuerst eine der ältesten Moscheen. Dabei liefert der Vize-Mufti von Komotini Informationen über die Geschichte der religiösen Institution, die Anfang des 17. Jahrhunderts errichtet wurde. Der Aufbau einer Moschee ist immer derselbe: Vor dem Gebäude gibt es einen Brunnen, wo die rituelle Waschung vor dem Gebet durchgeführt wird. Die Moschee muss immer rein sein, deshalb zieht man die Schuhe am Eingang aus. In den vorigen Jahrhunderten wurde das islamische Gotteshaus während der bulgarischen Besetzung in eine Kirche verwandelt und der Springbrunnen abgerissen. In derselben Periode wurde auch das Grab des osmanischen Sultans niedergerissen, das sich einst im Hof der Moschee befand. Der Brunnen wurde neu aufgebaut, er ähnelt dem Original.

Einem nicht-moslemischen Besucher fallen in der Moschee die kunstvollen Keramik-Elemente auf, die aus der Türkei gebracht wurden. Die Arabesken sind schön. Hier ist blau die Farbe, die vorherrscht. Der Raum ist voll mit dekorativen Kalligrafien – Koranverse, die an die Allgegenwärtigkeit Gottes erinnern. Zentral positioniert ist die Gebetsnische (Mihrab): Von hier aus leitet der Imam, der Vorbeter, das Gebet in Richtung Mekka. Die Gemeinde sitzt hinter ihm. In der Kanzel (Minber) hält der Imam die Freitags- und Feiertagspredigten (Hutba). Die Regel ist, dass Frauen im Obergeschoss und Männer im Untergeschoss beten. Beim Erkunden der Moschee bemerkt man im Gebetsraum auf dem Teppich die sogenannten Tasbih, Ketten aus kleinen, verschiedenfarbigen Perlen, die beim Beten benutzt werden. Die Moschee ist mehr als eine religiöse Institution, sie fungiert ebenfalls als sozialer Treffpunkt und Ort für Unterricht oder für Feiern bei gesellschaftlichen Anlässen. In Komotini gibt es insgesamt 20 Moscheen verschiedener Größen. Jeden Tag beten die islamischen Gläubigen fünf Mal.

Aktiv sind die Türken Westthrakiens auch in anderen Bereichen – als Produzenten und Händler auf dem lokalen Markt. Da werden allerlei frische Produkte verkauft: Verkäufer fordern Passanten in verschiedenen Sprachen auf, ihre Waren zu probieren. Ein paar Schritte weiter wird Kleidung etwas aggressiver verkauft – „Dio evro“(zwei Euro) für jedes Kleidungsstück ist natürlich ein Schnäppchen, das Schreien kann aber nicht nur die Konkurrenz, sondern auch die Kundschaft vertreiben. Komotini ist ansonsten eine ruhige Stadt, man schlendert gerne durch die Straßen. Das Zusammenleben zwischen Mehrheit und Minderheit scheint einträchtig zu sein. Spektakulär wirken die Gummibäume, deren Blüten groß sind und an weiße Wasserlilien erinnern. Ein Augenschmaus sind die rosa Seidenbäume, auch Schlafbäume genannt, da sie die Blätter nachts zusammenklappen. Feigenbäume, Orangenbäume und Olivenbäume tauchen in dieser Region oft auf. Kleine, schüchterne Palmen gibt es nur hier und da. Eine wunderbare Alternative zum Besuch des Marktes bietet ein Antiquitätengeschäft in der Nähe mit verschiedenen traditionellen Objekten, die zum Alltag der Türken gehörten, zusammen mit den Süßigkeitenläden mit typisch türkischen Produkten.
Viele Türken aus Westthrakien verdienen ihren Lebensunterhalt durch Landwirtschaft. Im benachbarten Dorf Bulat wird die Kirschen-Erntezeit von der ganzen türkischen Gemeinde gefeiert: Das Kirschenfestival wird jetzt zum 14. Mal ausgetragen, dafür haben sich Türken aus der ganzen Umgebung versammelt. Das kulinarische Angebot ist reich und das Leben pulsiert  bis spät in die Nacht.

Stippvisite in Xanti

Die nächste Ortschaft am darauffolgenden Tag ist Xanti, eine Ortschaft, die zum ersten Mal im 9. Jahrhundert erwähnt wurde. Wir besuchen die älteste Moschee in Xanti, die kleiner als die in Komotini ist. Früher gab es eine noch ältere Moschee, sie wurde in den 80er Jahren abgerissen. Hier befand sich auch eine Schule. Offiziellen Informationen zufolge wurde die Moschee im Jahre 1775 gegründet, aber der Imam glaubt, dass sie bereits im 16. Jahrhundert errichtet wurde. Die Architektur des Springbrunnens zeigt, dass er viel älter ist. In Xanti gibt es neun Moscheen, manche davon wurden saniert. In der Nähe der Moschee sieht man den türkischen Uhrenturm, ein bedeutungsvolles Monument für die lokale Gemeinschaft. Viel Zeit zum Betrachten ist nicht geblieben: Das Auto eilt über die Hamidiye-Brücke, eine alte türkische Brücke, von der nur noch zwei der ursprünglich drei Bögen erhalten sind.

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