Bertolt Brechts „Geschichten vom Herrn Keuner“ auf der Bühne

Die Kronstädter Schülertheatergruppe PUN©HT in Bukarest

Freitag, 08. März 2019

Am letzten Mittwoch des Monats Februar fand im Bukarester Zentrum für erzieherisches Theater „Replika“, das die Einmischung von Kunst in die Gesellschaft unterstützt und dabei auch unabhängigen Performern und Theaterensembles seine Bühne gewährt, eine Aufführung der besonderen Art statt. Die Ende 2017 in Kronstadt/Brașov gegründete Theatergruppe PUN©HT, die sich hauptsächlich aus Schülerinnen und Schülern der Klassen 10 bis 12 des Kronstädter Johannes-Honterus-Lyzeums zusammensetzt, gab ein Gastspiel in deutscher Sprache mit Texten aus Bertolt Brechts „Geschichten vom Herrn Keuner“. Es war der Abschluss einer Rumänien-Tournee, welche die Kronstädter Truppe in der letzten Februarwoche nach Klausenburg/Cluj, Temeswar/Timișoara, Hermannstadt/Sibiu und schließlich nach Bukarest führte. Unterstützt wurde die Gastspielreise durch das Deutsche Jugendforum Kronstadt, durch die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Bukarest und durch das Zentrum für erzieherisches Theater „Replika“ Bukarest.

Eröffnet wurde der Bukarester Theaterabend durch eine kurze Ansprache von Petra Antonia Binder, Gründungsmutter von PUN©HT und zugleich Regisseurin der von ihr selbst geschaffenen Bühnenadaption des Brechtschen Prosawerkes, die ganz am Anfang nicht nur das Publikum begrüßte, sondern auch auf die Ziele des Theaterprojekts hinwies, zu denen nicht zuletzt die Förderung der deutschen Sprache im Rahmen der Jugendarbeit in Rumänien gehört. Und in der Tat war die sprachliche Darbietung während der gesamten fünfundvierzig Minuten dauernden Abendvorstellung von hervorragender Qualität: deutliche und nuancierte Aussprache, perfekte Verständlichkeit, gekonnte Beherrschung unterschiedlicher Sprachregister und gelungenes Sprechen in Gruppen nach der Art der Sprechstücke von Peter Handke oder Elfriede Jelinek, wobei mitunter auch heftig gebrüllt oder ein beeindruckendes Crescendo im Chor erzeugt wurde. Die geballte sprachliche Kraft von PUN©HT evozierte dabei auch eine spezielle Dimension des Ensemblenamens, der aus dem Boxsport herrührt: die enorme stimmliche Wucht des Gruppenauftritts konnte man bisweilen körperlich durchaus als Punch empfinden.

Doch nicht nur durch Sprache, sondern auch durch Tanz, Bewegung, Pantomime und Choreografie beeindruckte der Bukarester Auftritt der Kronstädter Schülertheatergruppe unter der Leitung von Petra Antonia Binder. Ein sicheres Gefühl für szenische Konzentration manifestierte sich in diesem rasanten und mitreißenden Bühnenstück, dem es gelang, momentan bestehende Szenenarrangements blitzschnell aufzulösen und ebenso rasch wieder in völlig neue Schauplätze zu verwandeln. Die Sparsamkeit der Requisiten, u. a. Stühle, Bälle und Luftballons, förderte dabei die Fokussierung auf die einzelnen Bühnenbilder. In einer Szene hatte übrigens auch die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“ (ADZ) einen großen Auftritt: Einer der Bühnenakteure las in einem Exemplar der AZD, bevor er dem „hilflosen Knaben“ seinen Luftballon wegnahm. Auch die einheitlichen Kostüme (schwarze T-Shirts und Leggings mit darüber gezogenen bunten Kniestrümpfen) unterstützten die Konzentration auf das Bühnengeschehen. Erst am Ende der Aufführung, zur Musik von „Pasărea Colibri“ und deren Song „Vinovații fără vină“ (Die schuldlos Schuldigen), kamen die unter den schwarzen getragenen bunten T-Shirts der Akteure zum Vorschein. Überhaupt trugen Musik und Beleuchtung in ebensolcher Weise zur Einheit des Bühnenerlebnisses an diesem Theaterabend bei.

Für das Motto, unter dem der Theaterabend der Kronstädter Gruppe PUN©HT stand, hatte Petra Antonia Binder folgende Formulierung gewählt: „Keuner wie Keiner“. Damit wird der Name der Brechtschen Erzählgestalt einerseits als Ausnahmeerscheinung gedeutet: Keuner ist wie kein anderer, wie keiner sonst! Andererseits könnte Keuner in dieser Wendung auch jemand sein, der wie niemand ist, wie einer, den es gar nicht oder vielleicht auch noch nicht gibt. Der Name „Keuner“ selbst wird, wenn man ihn nicht sprachgeschichtlich vom althochdeutschen „kuoni“ (kühn, tapfer) ableiten will, von der Literaturwissenschaft gemeinhin als hochdeutsche lautliche Schreibweise des im schwäbischen Augsburg, wo Brecht seine Kindheit und Jugend verlebte, dialektal so ausgesprochenen Pronomens „keiner“ gedeutet. Walter Benjamin hat im Namen „Keuner“ auch das griechische Wort ęďéíüň (alle Menschen angehend, gemeinsam, allgemein) wahrgenommen, und genau diese Dimension des Namens tritt in Petra Antonia Binders Inszenierung besonders deutlich hervor, etwa in der kongenialen theatralischen Umsetzung der kürzesten „Keuner“-Geschichte Brechts überhaupt, welche den Titel „Organisation“ trägt und folgendermaßen lautet: „Herr K. sagte einmal: ‚Der Denkende benützt kein Licht zuviel, kein Stück Brot zuviel, keinen Gedanken zuviel.’“

Brechts „Geschichten vom Herrn Keuner“, von denen es nach aktueller wissenschaftlicher Zählung über 120 gibt, entstanden verteilt über einen Zeitraum von über 30 Jahren bis zu Brechts Tod im Jahr 1956. Es handelt sich dabei um kurze oder kürzere Lehrstücke und Parabeln, die zum Denken, Mitdenken und Nachdenken anregen sollen, darunter auch die beiden Kürzestgeschichten „Mühsal der Besten“ und „Das Wiedersehen“, die beide beim Bukarester Theaterabend der Gruppe PUN©HT auf die Bühne kamen: „‚Woran arbeiten Sie’, wurde Herr K. gefragt. Herr K. antwortete: ‚Ich habe viel Mühe, ich bereite meinen nächsten Irrtum vor.’“ – „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ‚Sie haben sich gar nicht verändert.’ ‚Oh’, sagte Herr K. und erbleichte.“

Rund ein Dutzend von Brechts „Keuner“-Geschichten hat Petra Antonia Binder für dieses gelungene Theaterprojekt der Kronstädter Schülertheatergruppe adaptiert. In ihnen kommt die Verantwortung gegenüber der Natur zum Ausdruck, ebenso die kantische Aufforderung, selbst zu denken und sich seinem eigenen Gewissen gegenüber verpflichtet zu fühlen, ferner die Fragen nach Weisheit und nach Gott, nach Materie und Geist, schließlich der Wunsch nach Menschenliebe und der Wille zur Veränderung. Sehr beeindruckend war auch, welche Begeisterung alle Schauspieler ausstrahlten und wie die gesamte Truppe durchweg als Einheit auftrat und dabei den Theaterabend, bei aller Individualität der einzelnen Akteure, als echte Gruppenleistung gestaltete. Aus diesem Grunde seien sämtliche Namen der vierzehn PUN©HT-Mitglieder abschließend einzeln genannt: Miruna Maria Ghiță, Maria Claudia Negrea, Brianna Antohe, Lorena Elena Druia, Alexandra Vulcan, Flavia Oltean, Antonia Tontsch, Remus George Ducaru, Alexandru Adam, Tudor Ionescu, Alexandru Oancea, Teodora Călin, Iustina Ghigheci und Diana Tătulea.

 

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*