Berufsschulen brauchen Motivation und Impulse

Im „Electrotimiş“ haben zumindest die Lehrer die Trendwende erkannt

Samstag, 17. März 2012

Aufklärungsarbeit in der Promo-Woche Foto: Zoltán Pázmány

Ob es ein durchschlagender Erfolg wird, oder nicht, darüber werden erst die kommenden Wochen und vielleicht Monate entscheiden – Ein Versuch war es wohl trotzdem wert, die „Woche der Berufe“ an Schulen zu veranstalten, an denen ab kommendem Herbst erneut Berufsschulklassen funktionieren werden. Obwohl diese Promo-Woche bereits am vergangenen Montag beginnen sollte, tappten viele direkt Implizierte am Dienstag noch im Dunkeln. Im Verwaltungskreis Temesch/Timiş wusste zu Beginn vergangener Woche zumindest einer der Inspektoren für technologische Fachausrichtungen noch gar nichts von der Sache.

„Ich glaube, das Ministerium hat in dieser Hinsicht zu wenig für diese Veranstaltungsreihe geworben“, sagte der Schulleiter einer Bildungseinrichtung, die ab kommendem Herbst erneut Berufsschulklassen haben wird. Erst nach mehreren Telefonaten konnten die Medien mehr über diese Veranstaltungsreihe erfahren, in einem Fall erfuhr die Schulleitung aus der Redaktion der Banater Zeitung, dass es diese Werbe- und Informationswoche für Berufsschulen überhaupt gibt. Und trotzdem glauben Schulleiter, dass das Ziel generell gesehen erreicht wurde, zumal die alte Volksweisheit, „Etwas verloren Gegangenes ist schwer, neu zu aktivieren“, an Gültigkeit scheinbar nichts eingebüßt hat.  Um eine Berufsbildung nach Muster dualen Unterrichts sind derzeit Schulen, Schulamt und Unternehmen auf jeden Fall bemüht.

 

 

Berufsschulen vor Gründung: Fragen und Zurückhaltung

 

Das Electrotimiş-Lyzeum in Temeswar gehört zu den Unterrichtseinheiten, an denen sich die Schulleitung besonders dafür einsetzt, dass die Berufsschulen erneut zu Leben erweckt werden. Dafür stehen nicht nur die regen Kontakte zum deutschsprachigen Wirtschaftsclub in Temeswar, von dem eigentlich neue Impulse für die Fachausbildung gegeben wurden. Neben der Elektro-Abteilung wünschte man sich hier auch eine Mechatronik-Klasse, diese wurde jedoch nicht genehmigt, heißt es von der Schulleitung.

„Elektrotechnik bietet eine Chance, auch wenn die Wirtschaft zurückgegangen ist“, sagt der Ingenieur Mircea Tomoroga, Inhaber der Firma RET in Temeswar. Es sei ein weitverzweigter Bereich, sagt der Ingenieur.

Vor ihm sitzen zu jenem Augenblick etwa 20 Schüler, unschlüssig und gerade dabei, eingeweiht zu werden, was auf sie zukommen könnte, wenn sie den Weg der Fachausbildung an einer Berufsschule wählen. Aufklärungsarbeit ist nötig, weil viele der Schüler, sollten sie sich für die Berufsbildung entscheiden, das Profil wechseln müssten. Das feingliedrige, 15 Jahre alte Mädchen, in der vordersten Stuhlreihe scheint sich in ihrer Gruppe die größten Sorgen zu machen: „Gibt es da auch die Möglichkeit zum Aufstieg im Beruf?“ Die Sicherheit auf den Arbeitsmarkt ist die nächste Sorge der 15-Jährigen und dann hat sie auch noch ein Bild im Kopf, das ihr so gar nicht behagt: „Ich kenne Facharbeiterinnen, die kommen in Stiefeln und schmutziger Kleidung von der Arbeit, dabei sind sie doch in einem Feinmechanik-Betrieb beschäftigt“, sagt das Mädchen, das in etwa der einzige Schüler ist, der sich wahrhaftig mit dem Problem auseinandersetzt.

„Es gibt heute in Betrieben durchaus ganze Abteilungen, in denen Facharbeiter in weißen Kitteln ihren Job versehen“, Rodica Ehegartner, stellvertretende Direktorin des Elektrotimiş-Lyzeums, versucht umzustimmen, denn sie weiß, dass Elektronik in High-Tech-Betrieben durchaus Berufe in einem sauberen Umfeld sind. Der Ingenieur Tomoroga pflichtet ihr bei: „In der Elektronik und bei der Arbeit mit Komponenten dieser Art ist Sauberkeit sogar Pflicht“. Sie alle haben sich in der „Woche der Berufe“ bemüht, Klassen für zukünftige Facharbeiter wieder ins Leben zu rufen, nachdem diese vor zwei Jahren in Rumänien aufgelöst worden waren. Die Schulleiterin des Electrotimiş-Lyzeums, Adriana Anton, hat keine Zweifel: „Es gibt Zurückhaltung den Berufsschulen gegenüber“.

 

Mit Berufsschule ist Abi nicht abgehakt


Der Unternehmer Mircea Tomoroga, der auch an der TU Politehnica vorträgt, sieht zwei Gründe, warum die Berufsbildung in Rumänien auf allen Ebenen negative Bilder hat. Zum einen gibt es den Trend, dass alle einen Hochschulabschluss wollen, zum anderen kommen fehlende Aufnahmeprüfungen dieser Absicht entgegen. Das ist gerade der Punkt, von dem die deutschsprachigen Unternehmer in Temeswar ausgegangen waren, als sie die Initialzündung lieferten um, die Berufsschulen wieder zu gründen. „Wir haben heute Hochschulabsolventen und unqualifizierte Arbeiter, dazwischen gar nichts“, hatte Peter Hochmuth, Präsident des Deutschsprachigen Wirtschaftsclubs Banat, dazu gesagt. Was zunächst als Pilot-Projekt für Temeswar angesehen wurde, hat der Ex-Bildungsminister Daniel Funeriu noch vor dem Regierungswechsel in scheinbar rechte Bahnen gelenkt.

Landesweit werden Berufsschulen neu definiert. Ab der neunten Klasse können Schüler entscheiden: Direkt bis zum Abitur im Lyzeum weiter machen, die kommenden Jahre auf die Berufsschule und dann in den Job, oder auf Umwegen, nach der Berufsschule die 11. und 12. Klasse des Lyzeums absolvieren, was ebenfalls zum Abitur führt. Dass der Wirtschaftsclub von der Informationswoche über die Medien erfuhr, mag den Vorsitzenden Hochmuth nicht gerade begeistert haben. Diskret und wohl mit einer gehörigen Portion Verständnis sagte er: „Es wäre interessant gewesen, von dieser Informationswoche rechtzeitig zu erfahren, doch die Kommunikation und Zusammenarbeit mit dem Schulamt läuft immer besser“...

 

Die Begeisterung hält sich bei den Schülern in Grenzen

 

„Das Lyzeum gibt dir Zugang zur Weiterbildung, eine richtige Fachausrichtung hast du mit dem Abitur jedoch nicht“, sagt Mircea Tomoroga. Er stellt seit Jahren seinen Elektro-Betrieb zu Praktikumszwecken für die Eleven des „Electrotimiş“ zur Verfügung. Eingestellt hat er jedoch von den Absolventen des Lyzeums noch keinen, trotzdem hatten alle Vorteile von dem Praktikum: In Tomorogas Unternehmen konnten Arbeiten billig verrichtet werden, andererseits erlebten die Schüler im Betrieb Produktionsumfeld. Elektro-Komponenten in dem Maße, in dem diese im Betrieb zur Verfügung standen, hätte es in der Schulwerkstätte sicher nicht gegeben. „Die Technik hat sich entwickelt, neue Ausstattungen für die Schulwerkstätten gibt es jedoch seit Jahren nicht“, sagt Valentin Gheorghe, Ingenieur und Lehrkraft im Elektrotimiş-Lyzeum.

Die Zusammenarbeit mit dem RET-Unternehmen findet der Praktikumsanleiter und Ingenieur Dumitru Verza von großer Bedeutung: Schüler seien weitgehend vom Praktikum vor allem im Betrieb begeistert, sagt er. Trotzdem hat die Erfahrung gezeigt, dass meist Schüler aus weniger bemittelten Familien die Berufsschule besuchen werden. Ein Jahr früher abschließen und während der beiden Berufsschuljahre ein Stipendium erhalten, ist dazu Anreiz genug. Und trotzdem, bis zur Woche der Berufe, waren es nur ganze zehn Schüler, die sich entschlossen hatten, die Berufsschulklasse am „Electrotimiş“ zu besuchen. Es lässt sich darüber streiten, ob es angesichts der einen verfügbaren Klasse viel ist oder, zahlenmäßig gesehen, dann doch eher wenig.

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