Bildrausch – Unser Filmtipp der Woche

The Ice Storm/ Der Eissturm

Freitag, 23. Dezember 2011

Der moralische Anker ist in „The Ice Storm“ gerissen. Bei den Vorstadtfamilien Hood und Carver braut sich ein Sturm zusammen. Eltern und Kinder driften auseinander. Familienvater Ben Hood gespielt von Kevin Kline hat eine Affäre mit seiner Nachbarin Janey (Sigourney Weaver). Janeys Mann Jim ist geschäftlich ständig vereist. Bens Gattin Elena (Joan Allen) fühlt sich in die brave Hausfrauenrolle gedrängt und sucht die Flucht. Während die

Eltern versuchen, ihre Lebenskrisen zu überwinden, machen es die Kinder ihnen nach. Die 14-jährige Wendy Hood (Christina Ricci) verführt den gleichaltrigen Nachbarsjungen Mikey Carver (Elijah Wood) zu Sexspielchen. Ihr Vater überrascht sie im Haus der Carvers, nachdem er selbst mit Mikeys Mutter fremdgeht. Die Frage, wieso es bei Wendy falsch war und bei ihm nicht, stellt sich der Vater dann nicht. Kein Wunder also, dass Wendy weitermacht und es dann auch bei Mikeys jüngerem Bruder Sandy versucht, der den Tag damit verbringt, seine Spielzeuge in die Luft zu sprengen.

Und auch der älteste Sohn der Hoods Paul (Tobey Maguire), der in der Großstadt zur Schule geht, wirft schon mal zu Schlafpillen in Getränke, um Mädchen gefügig zu machen.

Regisseur Ang Lee drückt den brodelnden Sturm mit einer falschen, idyllischen Stille nieder. Geschrien wird nicht. Dafür sind die Charaktere einer Lethargie verfallen, woraus sie sich schwer rauswinden können. Stattdessen geht es in einem komatösen Zustand weiter. Man steht scheinbar still und man möchte sich am liebsten vom Alltagstrott losreißen. Die Hippie-Revolution der 1960er Jahre ist erst jetzt bis ins Vorstadtmilieu gedrungen und wirbelt das Traditionelle durcheinander. Man weiß nicht, wer man ist oder was man sein muss. Ihr verantwortungsloses Handeln fordert schließlich seine Konsequenzen. Der Ausgang ist tragisch. Der Zuschauer würde ruhig sagen können: Ich habe es doch gleich gesagt.


Doch stattdessen sitzt man wie gebannt davor und fühlt mit den tragischen Figuren mit. Ang Lee schafft einen magischen Moment. Wechselt zwischen Großaufnahmen einer vereisten Waldlandschaft und den Figuren, die für ihre Fehler einen teuren Preis zahlen mussten. Lee fängt diesen tragischen Moment scheinbar ein und verewigt ihn. Die Stille herrscht.

Statt kritisch zeigt sich der Film mitfühlend. Mit den letzten 15 Minuten macht Ang Lee aus „The Ice Storm“ ein Meisterwerk. Gerade wegen dieser Viertelstunde empfiehlt sich der Film als zeitlosen Klassiker. Denn der Filmtitel täuscht. Am Ende ging es nie um den Sturm, sondern um die tragische Stille danach. 

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*