Bildungssprache Deutsch in Rumänien

Gespräch mit Adriana Hermann, Grundschulreferentin des Zentrums für Lehrerfortbildung in deutscher Sprache

Mittwoch, 13. Juni 2018

Adriana Hermann setzt sich an wichtiger Stelle und mit Optimismus für die Qualitätsentwicklung im deutschsprachigen Schulwesen in Rumänien ein.
Foto: privat

Adriana Hermann stammt aus dem Banat und ist ausgebildete Grundschullehrerin für den Unterricht in deutscher Sprache. Seit dem Jahr 1996 lebt sie in Hermannstadt/Sibiu, einem der Brennpunkte deutschsprachigen Schulwesens in Rumänien. Adriana Hermann ist Grundschulreferentin des 1998 gegründeten Zentrums für Lehrerfortbildung in deutscher Sprache (ZfL) mit Sitz in Mediasch. Sie gestaltet die Zeitschrift „Zett“, die zweimal jährlich vom ZfL herausgegeben wird. In der „Zett“-Nummer 35/2018, März 2018, knöpfen Adriana Hermann und Kolleginnen und Kollegen sich das Schwerpunktthema „Unsere Schüler – ihre Eltern“ vor. Dass die „Zett“ für Lehrer, Schüler und Alumni deutschsprachiger Bildungseinrichtungen Rumäniens lesenswert ist, liegt sicher mit daran, dass in nicht wenigen Artikeln der Zeitschrift im konstruktiven Sinne auch Dampf abgelassen wird.

Auf der Suche nach Erfolgserlebnissen hält Adriana Hermann im Alltag nach ungenützten Türen Ausschau. Gerne gibt sie zu, den ein oder anderen eigenwilligen Weg zu wählen, doch ist die Leitlinie des ZfL ihr wichtigster Orientierungspunkt. Das ZfL bemüht sich permanent um Vermittlung zugunsten des erzieherischen Fachpersonals und der Lehrkräfte in einer heiklen Quadratbeziehung, die von dem Bildungsministerium, dem deutschsprachigen Schulwesen sowie Schülern und deren Eltern gemeinsam bestritten werden muss. In nachstehendem Interview beantwortet Adriana Hermann Fragen zu Wirklichkeit und Wunschdenken im deutschsprachigen Schulunterricht Rumäniens und darüber hinaus. Das Gespräch führte Klaus Philippi.

Welche Veränderungen der Anforderungen und Ziele hat das Zentrum für Lehrerfortbildung in deutscher Sprache (ZfL) von seiner Gründung vor 20 Jahren an bis heute erlebt?

An den Aufgaben des ZfL hat sich in all den Jahren so gut wie gar nichts geändert. Nach wie vor ist die landesweite Lehrerfortbildung in deutscher Sprache die allererste Aufgabe, die uns seit bereits 20 Jahren beschäftigt. Einiges konnte verbessert werden, der Arbeitsaufwand wird nicht geringer, aber unsere Ziele sind auch heute noch genau dieselben wie damals. Die Ziele des ZfL haben wir 2008 in einem Leitbild zusammengefasst, dem ein Projekt im Bereich Qualitätsentwicklung vorangegangen war.

Und doch haben die gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen zwei Jahrzehnte auch im Schulwesen deutliche Spuren hinterlassen, da die Kinder und Jugendlichen von heute nicht mehr dem Schülerpublikum entsprechen, das man etwa um das Jahr 2000 vor sich sitzen hatte. Welchen Schwierigkeiten begegnen deutschsprachige Grundschullehrerinnen und -lehrer in der aktuellen Situation?

Ich denke, dass sich in den Bereichen Grundschule und Kindergarten vergleichsweise am wenigsten geändert hat. In dieser Altersstufe sind Kinder noch sehr unerfahren und auch nicht wählerisch, und machen einfach gerne das mit, was geboten wird. Eine bessere Ausgangslage als diejenige im Grundschulbereich könnte sich das deutschsprachige Schulwesen gar nicht wünschen. Natürlich ist der Ansturm der Eltern und Schüler groß. Ich selbst kenne so gut wie alle Lehrerinnen und Lehrer im Land, die in der Grundschule auf Deutsch unterrichten. Diese Zahl steht bei etwa 400. Sie gehen mit viel Begeisterung an ihre Aufgabe heran, sprechen gut Deutsch und wollen sich weiterbilden. Sie tun eine hervorragende Arbeit.

Natürlich gibt es auch Probleme. Hier möchte ich von Anfang an klarstellen, dass wir landesweit nach wie vor großen Unterschieden begegnen, die nicht von allen Lehrern wahrgenommen werden. Nicht wenige Kollegen betrachten deutschsprachigen Schulunterricht als Einheitsmodell und meinen, dass u. a. die Anzahl der Schüler pro Klasse überall die gleiche ist, und dass dieses Angebot nur an großen Schulen, auf dem Dorf und in kleineren Städten jedoch gar nicht mehr existiert. Es gibt aber auch in dem einen oder anderen Dorf noch vereinzelte deutschsprachige Klassengänge, und groß ist nicht gleich groß, wie man z. B. an Klausenburg/Cluj-Napoca unschwer erkennen kann. Der Kreis Klausenburg steht etwas isoliert in der Landschaft, da es in der Stadt und im ganzen Kreis überhaupt nur eine einzige Schule gibt, die deutschsprachigen Unterricht anbietet, nämlich das George-Co{buc-Gymnasium. Diese Situation mit derjenigen aus Kreisen wie Kronstadt, Temeswar oder Hermannstadt gleichzusetzen, entspricht nicht der Realität. Ein weiteres Beispiel wäre das der Schulen in Kleinstädten.

Es gibt Lehrer, die einen enormen Arbeits- und Werbeaufwand betreiben, um Eltern davon zu überzeugen, dass es sinnvoll ist, die Kinder in den deutschsprachigen Kindergarten und Schulunterricht zu schicken. Sie tun diese Arbeit ohne Entgelt, obwohl es gar nicht zu ihren Aufgaben gehört. Und auf der anderen Seite können sich einige Lehrer teilweise gar nicht wehren, da sie zwar ab Herbst 25 Plätze in der Vorbereitungsklasse zu vergeben haben, ihnen aber 70 verschiedene Einschreibegesuche auf den Tisch gelegt werden.

Und welches sind weitere Unterschiede im deutschsprachigen Grundschulunterricht?

Viele Lehrer wundern sich überhaupt nicht darüber, dass neu eingeschriebene Schüler in der Regel kein einziges Wort Deutsch verstehen oder sprechen. Für sie besteht ihre Aufgabe einfach darin, die Schüler während der Vorbereitungsklasse und der vier Grundschuljahre so weit zu bringen, dass die weitere Verständigung und Kommunikation auf Deutsch im Großen und Ganzen funktioniert und den Schülern ermöglicht, den Unterricht von der 5. Klasse an einigermaßen selbstständig mitzumachen.

Andere gehen davon aus, dass die Kinder bereits ein wenig Deutsch können. Einige Schulen führen einen Sprachtest durch, um zu verhindern, bis zu 40 Schüler in eine Klasse aufnehmen zu müssen.

Wie reagieren diejenigen Lehrer, die keine Deutschkenntnisse voraussetzen, auf die Tatsache, dass ein paar wenige Kinder unerwartete Sprachfähigkeiten in die Grundschule mitbringen?


Natürlich freuen sich diese Lehrerinnen und Lehrer darüber ! (lacht). Die Anzahl dieser Schüler bleibt jedoch gering. Oft staunt man nicht schlecht darüber, dass es überall noch Kinder gibt, die auch daheim die deutsche Sprache verwenden. Ich sage aber entschieden, dass genau letzteres unsere tatsächliche Aufgabe ist, das Deutsche als Schulsprache zu erhalten. Dass das Publikum nahezu nur aus rumänischen Muttersprachlern besteht, ist für uns kein Nachteil. Schließlich brauchen wir doch all die rumänischen Schüler, um „unsere“ Sprache auch durch längere Zeitlücken zu bringen. Wenn beispielsweise zwei Jahre lang kein Kind zur Schule kommt, das Deutsch spricht, kann das nicht zur Folge haben, die Schule zu schließen und erst wieder zu öffnen, wenn die Deutsch sprechenden Kinder vorhanden sind. Der Sinn dieser Schulen besteht nämlich darin, den Erhalt der deutschen Sprache für Kinder dieser Minderheit nicht zuletzt auch durch die rumänischen Schüler zu sichern.

Alle wollen ein und dasselbe Ziel erreichen. Bestimmt haben nicht alle Schüler die angeborene Fähigkeit, eine neue Sprache innerhalb kürzester Zeit zu erlernen. Aber irgendwann, wenn auch nicht gleich zu Anfang, möchten alle sich möglichst mühelos auf Deutsch verständigen können und sich dadurch bessere Zukunftsperspektiven sichern. Für die Lehrerinnen stellt sich die schwere Frage nach den Unterrichtsmaterialien und der Methodik, um ihrer Aufgabe auch tatsächlich gerecht zu werden.

Inwieweit ist für Schüler deutschsprachiger Schulen der Schritt von der 4. Klasse in die 5. Klasse schwierig, wenn man bedenkt, dass diese Schüler mit der Anforderung zurechtkommen müssen, eigentlich zwei verschiedene Sprachen auf einwandfreiem Niveau zu beherrschen?

Ich erinnere mich an eine Austauschlehrerin aus Deutschland, die vor mehreren Jahren als Fachberaterin in Rumänien tätig war. Sie hatte demzufolge die Übersicht über verschiedene Regionen des Landes und sprach auf einer Veranstaltung aus, dass Europäer zuallererst einmal ihre Muttersprache, dann eine internationale Sprache, und dazu die Sprache eines Nachbarlandes beherrschen sollten. Mich hat das damals sehr fasziniert. Ich komme aus dem Banat und sollte eigentlich entweder Serbisch oder Ungarisch verstehen und sprechen können, muss aber zugeben, dass ich weder die eine noch die andere Sprache beherrsche. Dafür kann ich Deutsch, was zwar nicht die Sprache eines Nachbarlandes, aber immerhin die der deutschen Minderheit im Banat ist. Hieraus hat sich für mich alles Weitere meiner beruflichen Laufbahn ergeben.

Für mich ist der mehrsprachige Unterricht kein Thema. Wenn man es geschickt anpackt, kann man sich problemlos in zwei oder drei Sprachen bilden und darin sehr weit kommen. Jede Person kann das. Es ist nur eine Frage der Einstellung.

Wie wird mit dem Unterschied zwischen Umgangssprache und Bildungssprache umgegangen, und das in zwei Sprachen gleichzeitig?

Bei Schuleintritt ergeben sich Schwierigkeiten, die von vorn-herein zu verhindern wären, wenn Eltern die Erziehung ihrer Kinder entsprechend gestalten würden. Einige Kinder haben mit Problemen zu kämpfen, wenn ihnen von zuhause aus die Erfahrung im punktuellen Umgang mit Zeichen, Buchstaben und Wörtern fehlt. Selbstverständlich ist es Aufgabe des Schulunterrichts, den Schülern beim Aufholen der Differenz zwischen Umgangssprache und Bildungssprache zu helfen.

Was ich schlecht finde, sind beliebte Klischees und die Angewohnheit, Kinder vorzuprägen und ihnen zu sagen, dass Englisch einfach zu lernen, Rumänisch oder Deutsch hingegen einer der anspruchsvollsten Gegenstände auf dem Stundenplan ist. Dadurch hilft man ihnen nicht, die Hürden erfolgreich zu überwinden.

Was ist deiner Meinung nach die Bedeutung des deutschsprachigen Schulwesens in Rumänien, das sich nicht nur um die Sprache, sondern auch um die kulturelle Vermittlung bemüht?

Auch hier behaupte ich gerne, dass die Eltern merken und auch schätzen, dass es in dem deutschsprachigen Unterricht mehr zu holen gibt als nur die Sprache. Aber das Klischee wiederum, dass deutsche Schulen zwingend besser sind, da in Sachen Disziplin und Zusatzangebote beispielsweise andere Standards gelten als an rumänischen Schulen, dieses Klischee trifft meiner Meinung nach längst nicht mehr zu. Doch habe ich als Lehrerin kaum eine rumänische Schule von innen heraus kennengelernt. Deswegen erlaube ich mir auch nicht, darüber zu urteilen.

Was wünscht man sich als Mitglied des ZfL-Vereins für Rumänien, und was wünscht man sich von Rumänien, das aktuell seinen 100. Geburtstag feiert?

Für Rumänien wünsche ich mir, dass es aufwärts geht. Es gibt viele gute Sachen in Rumänien: Wenn wir durch unser Land reisen, finden wir mittlerweile gute Hauptstraßen und noch bessere Unterkünfte vor. Verpflegung ist überhaupt kein Thema mehr, da man überall gut essen kann, ganz gleich ob teuer oder günstig. Auch landschaftlich ist Rumänien sehr interessant, da in die Natur noch nicht soviel eingegriffen wurde, obwohl das vielleicht nur eine Frage der Zeit ist. Der Tourismus boomt.

Was ich mir von Rumänien wünsche, ist mehr Stabilität (aber nicht von der aktuellen Regierung). Ich hätte mir gewünscht, dass die Regierung, die vor den Parlamentswahlen 2016 im Amt war, weiterarbeiten kann, um die Kommunikation von unten nach oben in Gang zu bringen, und dass persönliche Eitelkeiten auf hoher Führungsebene die Gesetzgebung im Bildungsbereich nicht beeinträchtigt hätten. Leider haben sich die Wähler für eine Änderung entschieden.

Wenn man die öffentlichen Bereiche Bildung und Gesundheit genauer betrachtet, weiß man gar nicht, wo man anfangen möchte. Dienste, die in den Händen des Staates und der Beamten liegen, sind korrupt und wir werden gezwungen, sehenden Auges mitzumachen.

Und wer sich weigert mitzumachen, bleibt außen vor....

Nein. Wer sich weigert mitzumachen, steigt leider meist aus. Die Privatwirtschaft und das Ausland bieten vielfältige Möglichkeiten. Wenn die Lehrbücher fehlen, wenn man mit dem vorgegebenen Lehrplan nichts anfangen kann, wenn der Umgang mit-einander nicht stimmt, dann bleibt oftmals nur noch der Schritt hinaus als Option übrig, dann wird eben umgesattelt. Nur diejenigen Personen bleiben übrig, deren Kraft und Ausdauer ausreichen, um mit wenig Mitteln Großes zu bewirken – oder denen es möglich ist, beide Augen zuzudrücken und weiterzumachen.


Ich denke nicht darüber nach umzusatteln. Obwohl man mit zunehmendem Alter kritischer urteilt und an Flexibilität verliert.

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