Bio-Gemüse per Mausklick

Eine junge Mutter macht Karriere mit ihrer Leidenschaft für gesunde Ernährung

Sonntag, 08. November 2015

Valentina mit ihrer Familie auf einer Bio-Messe

Mehr über gesunde Ernährung auf www.legumedetara.ro und facebook.com/legumedetara

Man kennt es nur zu gut: Im Supermarkt gibt es manchmal Kirschen in der Größe von Nektarinen und Pfirsiche in der Größe von Melonen. Farbenfroh und wie Gummibälle aufgeblasen stehen sie in den Regalen und locken Kunden an. Lustvoll will man hineinbeißen - und es schmeckt wie Pappe. Das passiert nicht nur, wenn man Erdbeeren im Winter kauft. Sogar in der Saison hat man Probleme, gutes Obst zu finden. Immer mehr Leute erinnern sich an ihre Kindheit, als Tomaten und Gurken noch richtig Geschmack hatten. Aber nicht eimal auf dem Markt findet man mehr solches Gemüse. Sogar die Bauern haben angefangen, es mit Chemikalien zu düngen und zu spritzen.

An die Zeiten, als sie bei ihren Großeltern auf dem Land lernte, Gemüse anzubauen und an den Geschmack der Tomaten von damals hat auch Valentina Ioniţă gedacht, als sie zusammen mit ihrer Familie das Geschäft „Legume de ţară“ (auf deutsch: Gemüse vom Land) gründete. In einem Garten bauen sie Bio-Gemüse an, dass sie anschließend im Internet verkaufen und den Kunden direkt vor die Haustür liefern. Bei Bestellungen von mehr als 50 Lei muss man keine Transportkosten zahlen.

Ein Stück Land und viele Ideen

Nach einem Studium der Soziologie in Kronstadt und einem Marketing-Masterstudium in Bukarest hat Valentina mehrere Jahre im Marketingbereich gearbeitet. Die Idee für ein Geschäft mit Öko-Obst kam, nachdem sie eine Familie gegründet hatte.

„Die Geschichte von ‚Legume de ţară‘ hat vor 3 Jahren angefangen. Es war im Dezember 2012, als wir ein Stück Land in der Nähe meines Elternhauses aus der Ortschaft Albota im Kreis Argeş gekauft haben. Wir wollten schon immer ein Geschäft gründen. Bei einer Familiensitzung haben wir beschlossen, dass die Branche, in der wir arbeiten werden, die Landwirtschaft ist. Wir wollten reines, chemikalienfreies  Gemüse produzieren. Zur Zeit gab es in Rumänien noch drei Gemüseproduzenten, die online verkauften. Also war genug Platz für uns. Wir haben unser erstes Solarium gebaut und haben die ersten Keimlinge gesetzt“, erinnert sich Valentina. Paralell dazu haben sie die Facebook-Seite „Legume de ţară“ eröffnet, die heute schon über 11.000 Fans zählt.

Im Juli 2013 war es soweit. „Wir haben etwa zehn Kilo Gurken geerntet. Die habe ich nach Bukarest ins Büro mitgebracht. Damals habe ich zum ersten Mal etwas verkauft. In der nächsten Woche habe ich Körbe mit Gurken, Paprika, Tomaten und Kartoffeln in die Arbeit mitgebracht“, erzählt Valentina. Nach kurzer Zeit folgte die erste Bestellung per Internet.  „Es war eine ehemalige Kollegin, die heute Stammkunde ist. Sie hat immer gesagt, dass es wie Weihnachten ist, wenn sie unsere Pakete erhält“.

Raupeninvasion im ersten Sommer

Nach drei Jahren im Geschäft ist „Legume de ţară“ den typisch rumänischen Produkten treu geblieben. Im Garten in Albota wachsen Tomaten, Paprika, Auberginen, Zuckerrüben,, Kohlrüben, Gurken, Kartoffeln, grüne Zwiebeln, Radieschen, Salat oder Petersilie. Trotzdem hat Valentinas Familie angefangen, auch in der rumänischen Küche weniger verwendete Produkte wie Mangold, Ruccola ode Fenchel anzubauen. Es war nicht immer leicht. „Im ersten Jahr hatten wir eine Raupen-Invasion. Sie haben alles aufgefressen, was ihnen in den Weg kam: Bohnen, Paprika, Tomaten. Jetzt versuchen wir, die Schädlinge mit Hilfe von Brennesseljauche fern zu halten. Manchmal gelingt es uns, manchmal nicht. Wichtig ist, dass wir am Ende des Jahres Gewinn machen“. Außerdem muss man sich als Landwirt mit häufigen Änderungen in der rumänischen Gesetzgebung herumschlagen.

In Rumänien sind Fastfood und schlechte Ernährungsgewohnheiten verbreitet. Trotzdem haben einige Menschen begonnen, die Wichtigkeit eines gesunden Lebensstils zu erkennen. „Wir haben meiner Meinung nach drei Sorten von Kunden“, erklärt Valentina. „Diejenigen, die viel Wert auf eine gesunde Ernährung legen, diejenigen, die Kinder haben und diesen gesunde Produkte anbieten wollen und leider gibt es auch eine dritte Kategorie, das sind die Kunden mit Gesundheitsproblemen“.

Ohne Pestizide und künstlichen Dünger

Gemüse ist besonders reich an wertvollen Inhaltsstoffen, darunter lebensnotwendige Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. In letzter Zeit haben verschiedene Studien bewiesen, dass Ökoprodukte mehr Mineralstoffe und Vitamine enthalten als konventionell angebautes Obst und Gemüse. Letzteres wird heutzutage mit einer Vielzahl an Chemikalien behandelt. So sind Giftrückstände leider unvermeidbar. Oft haben Früchte und Gemüse, die aus dem Import kommen, keinen Geschmack und sehen wie aufgeblasen aus. Es sind hochgezüchtete Produkte, die in der Regel mehr Wasser, aber weniger Nähr- und Geschmacksstoffe enthalten. Bio-Gemüse wird dagegen ohne Pestizide und ohne künstlichen Dünger angebaut. Es wird mit speziellen Präparaten wie Brennesseljauche oder mithilfe von Marienkäfern gegen Schädlinge geschützt. Aufgrund der hohen Umweltverschmutzung ist allerdings auch Bio-Gemüse nicht vollkommen schadstoffrei. Trotzdem ist es wesentlich geringer belastet als konventionell angebautes Gemüse.

Wer sich seiner gesunden Ernährung sicher sein will, sollte im Supermarkt nach Obst mit Bio-Etikett Ausschau halten. Oder von Händlern kaufen, denen man vertraut. „Das Vertrauen unserer Kunden ist wie ein Motor, der unser Geschäft antreibt“, meint Valentina. Ihrer Meinung nach ist die Aussage, dass Bio-Produkte Luxus sind, völlig falsch. „Wenn man das Obst in der richtigen Saison kauft, ist es kein Luxus. Und außerhalb der Saison hat es ohnehin keinen besonders guten Geschmack. Zum Beispiel ist eine Bio-Tomate, die im Januar gekauft wird, erstens teurer. Und zweitens kann es sein, dass man von ihrem Geschmack enttäuscht ist. Das passiert, weil die Tomate nicht durch Sonnenwärme gereift ist“.

Die meisten Kunden in der Hauptstadt

Alles kann per Internet bestellt werden: ob Kleider, Schuhe, Schmuck, Elektrogeräte oder Pizza. Natürlich auch Gemüse. Täglich fährt Valentinas Bruder mit dem Auto nach Bukarest, um den Kunden ihre Ware zu liefern. „ Unsere Kunden erhalten die Produkte direkt vom Produzenten. Mein Bruder liefert die Gemüsekörbe von Tür zu Tür. So können sich die Leute mit ihm unterhalten. Er erzäht ihnen, welche Neuigkeiten es gibt und welches Gemüse wir in der nächsten Woche verkaufen werden“.

Über „Legume de  ţară“ haben die meisten Kunden über Facebook erfahren. Oder als Empfehlung von Freunden. Ebenfalls nehmen Valentina und ihre Familie oft an Events teil, wo man traditionelle Produkte verkauft.
Die Kunden stammen zu 90% aus der Hauptstadt. Valentinas Bruder liefert das Gemüse nur nach Bukarest und  Pite{ti, ansonsten wird es per Schnellkurier gesendet. „Es ist wahr, dass dieser Trend mit der gesunden Ernährung in Bukarest viel ausgeprägter ist. Das ist eben in Großstädten so“.

Inzwischen wird bei „Legume de ţară“ nicht nur frisches Obst verkauft, sondern auch eingelegte Gurken, hausgemachtes Brot, Marmelade, Käse oder Kuchen. „Es gibt eine große Nachfrage, dadurch gelingt es uns, die Transportkosten zu decken.“

Gesunde Ernährung von klein auf

Außer dem Verkauf von frischem Gemüse und traditionellen Produkten hat Valentina einige Workshops für Kinder organisiert. Die Kleinen können dort lernen, wie man Gemüse zubereitet, wie es wächst und wie man sich gesund ernährt. „Wenn wir genügend Obst und Gemüse essen, wenn wir regelmäßig Sport treiben, dann kann ein bisschen Süßes eigenlich nichts Schlechtes tun. Und Kinder mögen Süßigkeiten“, meint sie. Nach der Geburt ihres Sohnes Mihnea, der heute zwei Jahre alt ist, hat Valentina versucht, in den Büroalltag zurückzufinden, war aber nach kurzer Zeit unzufrieden. „Ich habe gemerkt, dass ich von nun an flexible Arbeitszeiten brauche. Momentan passt ein normales Arbeitsprogramm nicht zu mir. Also widme ich meine Zeit dem Familiengeschäft und meinem Sohn. Wenn ich viel zu tun habe, geht der Kleine in den Kindergarten. Aber es sind viele Tage, an denen wir beide zu Hause bleiben. Er spielt, ich beantworte die Mails von den Kunden oder bereite die Auslieferung der Ware vor. Manchmal kann ich den ganzen Tag nichts machen und warte, dass der Abend kommt, damit ich meine Arbeit tun kann. Kein Tag gleicht dem anderen.“ Wichig ist Valetina, dass sie sowohl an ihren Projekten arbeitet alsauch so viel Zeit wie möglich mit ihrem Kind verbringen kann.

Ihre Leidenschaft für den Gemüseanbau rührt aus der Kindheit, als sie ihre Sommerferien noch bei den Großeltern verbrachte. „Damals waren die Sommertage unglaublich lang. Wir hatten Zeit für alles: den Garten gießen, Märchen lesen, mit der Kuh auf die Weide gehen, mit den anderen Kindern auf der Dorfstraße spielen. Alles war so natürlich“, erinnert sich Valentina. Und fügt hinzu: „Ich wünsche mir, dass auch mein Kind sich solcher Sommerferien erfreuen kann. Es wird aber immer schwieriger, besonders wegen der Technologie, die uns umringt. Wir brauchen sie, doch es gibt Momente, in denen wir auch ohne sie leben können. Das müssen wir unseren Kindern beibringen.“

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