Biomasse als Chance

Ressourcen für grüne Energien noch viel zu wenig beachtet

Freitag, 25. März 2016

Der Erfinder Iuliean Horneţ, hier auf der Tagung des Verbands der rumänischen Privatunternehmer zum Thema „Biomasse, Ressourcen und Reichtum Rumäniens“, kann jede Art von Biomasse-Pellets in thermische oder elektrische Energie umwandeln.
Foto: George Dumitriu

Wie lautet die Formel, die uns langfristig vor dem Fluch der fossilen Brennstoffe befreit? Einfach und kurz: Biomasse. Biomasse ist im Kommen, und dies in ganz Europa. Litauen baut mit EU-Geldern ein Kraftwerk auf Basis von Biomasse und ein zweites für die Energiegewinnung aus Müll. Damit ist der letzte Schritt erreicht, auf dem Fernwärmesektor von Gas unabhängig zu werden – 75 Prozent der Energie sollen aus Biomasse gewonnen werden, kündigt Nerijus Rasburskis von Lietuvos Energija an, der das Projekt auf der Nordic Baltic Bioenergy Conference in Vilnius (19.-22.4.2016) ausführlich vorstellen will. Längst ist Biomasse eine gangbare Alternative zur Energiegewinnung geworden – nur hierzulande leider fast ungenutzt.

Obwohl ca. 53 Prozent des jährlich auf rumänischen Müllkippen endgelagerten Abfalls biologisch abbaubar sind, obwohl Biomasse in zahlreichen Betrieben als Nebenprodukt anfällt oder auf den Feldern haufenweise verrottet und dabei Treibgase produziert – oder noch schlimmer: sie wird verbrannt. Warum findet Biomasse als Rohstoff in Rumänien so wenig Beachtung? Dies, obwohl es hierzulande beeindruckende Erfindungen gibt, bewährte technische Lösungen und auch bereits Produzenten von Biomasse. Zusammen könnten sie Betrieben oder auch ganzen Gemeinden sofortige energetische Unabhängigkeit sichern. Diese Lösungen sind der Öffentlichkeit jedoch kaum bekannt. Biomasse ist für viele noch ein Fremdwort.

Warum ausgerechnet Biomasse?

Doch was versteht man überhaupt darunter? Der Begriff „energetische Biomasse“ umfasst jede Form von biologisch abbaubarem Abfall aus Land- und Forstwirtschaft, z. B. Stroh, Maisstängel, Dreschreste, Baumrinde, Sägespäne, Unkraut, Fruchtabfälle, aber auch gezielt gepflanzte Baumkulturen, im Fachjargon Kurzumtriebsplantagen oder Energiewälder genannt. Die Nutzung von Biomasse zur Erzeugung von kalorischer und elektrischer Energie hilft nicht nur, das Abholzen von Wäldern zu verhindern, sie ist auch deutlich schadstoffärmer als fossile Brennstoffe und vor allem klimaneutral.
Auch die Effizienz kann sich durchaus sehen lassen: Eine Tonne Pellets aus Biomasse liefert als Brennstoff etwa 5,5 Megawatt (MW) Energie, eine Tonne Holz im Vergleich nur drei. Hinzu kommt, dass die Zufuhr von Pellets vollautomatisierbar ist.

Auch rumänische Landwirte entdecken Biomasse langsam als pflegeleichte, zukunftsträchtige Kulturvariante. Staatssekretärin Simona Man aus dem Landwirtschaftsministerium erklärt: 2015 gab es in Rumänien 442 Produzenten, die energetische Pflanzen kultivierten, 2014 waren es 320. Das Ministerium wolle diese Entwicklung über das Nationale Programm für ländliche Entwicklung 2014-2020 unterstützen: 3,4 Milliarden Euro stehen dort für die Finanzierung von Projekten für regenerierbare Energien zur Verfügung. Großartig? Ja, aber eher theoretisch...

Denn auf der Tagung des Verbands der rumänischen Privatunternehmer (Patronatul Serviciilor Private din România) zum Thema „Biomasse, Ressourcen und Reichtum Rumäniens“ in Bukarest am 18. Februar präsentierten Unternehmer ihre Konzepte und Produkte für den Biomasse-Energiekreislauf – vor allem aber auch ihre Probleme. Diese sind in erster Linie rechtlicher Natur. Denn das Gesetz erlaubt bisher nicht, aus Biomasse gewonnene Energie über den Eigenbedarf hinaus einzusetzen. So werden hierzulande zwar Biomasse und entsprechende Anlagen zur Energieerzeugung produziert, doch vor allem für den Export. Denn überschüssige Energie aus Biomasse an den Nachbarn zu verkaufen oder gar ins Netz einzuspeisen ist in Rumänien nicht möglich, beklagt auch der Erfinder und Unternehmer Iuliean Horneţ.

Energiewälder pflanzen statt Abholzen

Andrei Apetrei (Agros Bioprod, www.afacerea-paulownia.ro) kultiviert seit einigen Jahren Paulownia, eine schnellwachsende Baumgattung aus China, wegen ihrer üppigen Blütenpracht auch Blauglockenbaum oder Kaiser-Paulownie genannt. Neben der Verwendung des Holzes für Schiffsbau, Fabrikation von Zellulose, Papier oder Möbel eignet es sich auch zur Herstellung von Bioethanol und Brennstoffpellets. Aus 10.000 Hektar Paulownia, in seinem Fall mit energetischem Gras kombiniert, lassen sich eine Million Tonnen Biomasse erzeugen. Das entspricht 500.000 Tonnen Pellets, die drei Millionen Gigakalorien Energie liefern. Gewinn: 75 Millionen Euro. Die Kultur erfordert keine Pestizide oder chemische Düngung, trägt zur Verbesserung des Grundwassers und der Bodenqualität bei, stabilisiert das Gelände gegen Erosion, dient als Windschutz, als Schneeschild und als Habitat für Tiere.

Zwischen den Baumreihen können weitere Nutzkulturen gedeihen, etwa Raps, Mais, Weizen oder energetisches Gras. Zudem ist Paulownia eine nektarreiche Blütenpflanze, die sich zur Produktion von Honig eignet. In Qualität und Geschmack dem Akazienhonig ähnlich, soll dieser als Naturheilmittel gegen Asthma gefragt sein, verrät Apetrei. Drei Produkte in einem – und ein Umweltbonus obendrein: Denn die Plantage produziert jährlich 15 Millionen Tonnen Sauerstoff und konsumiert 54 Millionen Tonnen CO2, so der Unternehmer. Zudem liefert sie 10.000 Arbeitsplätze. Ein Problem sieht Apetrei lediglich in der Verbreitung der Art Paulownia tormentosa, die wegen der hohen Keimrate der Samen als invasiv gilt. Er selbst verwendet daher nicht-invasive Hybride.

Auch Sandor Benkö aus Miercurea Ciuc (KWG Salcie Energetică, www.kwg.ro) ist seit 16 Jahren im Bereich Biomasseproduktion tätig. Er setzt auf schnell wachsende, hochkalorische Weiden. Seit 10 Jahren betreibt er selbst Kulturen mit einer speziell für diese Zwecke gezüchteten schwedischen Art, die täglich 3 bis 3,5 Zentimeter wächst (kein Druckfehler!) und als robust gegen Klimaschwankungen und Krankheiten gilt. Zur Kultivierung eignen sich sumpfige Gelände, die anderweitig nicht nutzbar sind. Die Lebensdauer einer Kultur beträgt 25-30 Jahre, die jährliche Ausbeute beläuft sich auf 25-30 Tonnen/Hektar. Im ersten Jahr beträgt der finanzielle Aufwand 2000-2500 Euro/Hektar, in den Folgejahren ist er insignifikant, so Benkö. Der Verkaufspreis liegt bei 45-50 Euro/Tonne, also 1350-1500 Euro/Hektar/Jahr. Eine 40.000 Hektar große Kultur kostet 100 Millionen Euro, liefert 27 Millionen Tonnen Biomasse und der Verkaufsgewinn beläuft sich auf eine Milliarde Euro bei einer Energieproduktion von 417 Millionen Megajoule, rechnet er vor. In Schweden gibt es bereits ganze Kraftwerke, die Strom aus dieser Art Biomasse erzeugen. Neben Paulownia und hochkalorischen Weiden eignen sich übrigens auch Pappeln und Robinien für ener-getische Kulturen.

Technische Lösungen für energetische Unabhängigkeit

Der rumänische Erfinder Iuliean Horneţ (EcoHornet, www.ecohornet.ro) bietet hierzu technische Lösungen, die in mehrerer Hinsicht Weltrekorde brechen: Seine Anlagen erzeugen alle Energieflüsse aus Biomasse – thermische und elektrische Energie, Heißwasser, Wasserdampf, heiße Luft – mit einer Effizienz von 94 bis 97 Prozent. Weil der Verbrennungsprozess bei 1250 Grad stattfindet (bisherige Technologien liegen bei 750-850 Grad), entsteht darüber hinaus kein Dioxin, keine sonstigen krebserregenden Stoffe und kein Ruß, die CO-Emissionen liegen unter 100 Milligramm/Kubikmeter. Hinzu kommt, dass die Anlagen Pellets aus jeder Art Biomasse – sogar aus getrocknetem Klärschlamm oder herkömmlichem Müll – verbrennen können.

Aus 180 Kilogramm Pellets auf Holzbasis oder 220 Kilogramm Agro-Pellets lässt sich laut Horneţ ein Megawatt Energie gewinnen. Dies kommt zwei bis fünfmal günstiger als Methangas, vier bis elfmal günstiger als Propangas und fünf bis 15 Mal günstiger als elektrische Energie oder Diesel, so Horneţ. Für Betriebe, in denen Biomasse als Abfallprodukt anfällt, lohnt sich die Anschaffung einer eigenen Pelletpresse zur weiteren Kostenreduzierung. Energetische Unabhängigkeit ist für Horneţ keine Vision, sondern greifbare Realität.

Gheorghe Ţucu stellte Generatoren von Valeg Creative Solutions auf Basis von Holzspänen vor, perfekt für Betriebe mit Holzabfällen. Beispiele: Die Anton und Georg Hofer Holzhandlung in Bayern betreibt seit November 2009 einen HK30-Generator zur thermischen und elektrischen Energieerzeugung (80 KWth, 30KWe) mit eigenen Holzresten. Die abgelegene Pension Tierwarthof in Südtirol nutzt Holzabfälle eines nahen Sägewerks für den Betrieb ihres ebensolchen Generators. Die Stefan Wäsler GmbH in Bayern konvertiert nicht nur eigene Holzreste, sondern sammelt auch die aus dem nachbarlichen Umfeld. Mit der produzierten Energie werden die Wohnhäuser im Umkreis von zehn Kilometern beheizt.

Stolpersteine und rechtliche Probleme

In Rumänien werden derzeit nur 0,34 Prozent der elektrischen Energie aus Biomasse gewonnen, zieht Iulian Iancu, Vorsitzender der Kommission für Industrie und Dienstleistungen in der Abgeordnetenkammer, Bilanz. Die EU-Strategie für 2020 sieht jedoch vor, dass fast 50 Prozent der regenerierbaren Energien aus Biomasse stammen sollen. Derzeit wird dieser Sektor vom Staat viel zu wenig unterstützt, erklärt Iancu. Das rumänische Gesetz erlaubt zwar, dass Landwirte oder Unternehmen ihre Bio-Abfälle zur eigenen Energieversorgung heranziehen, jedoch keinen Verkauf selbstproduzierter Energie. Ein neues Biomasse-Gesetz, das die Weitergabe von Biomasse-Energie an mehrere Verbraucher – z.B. Nachbarn – erlaubt, wäre dringend nötig, fordert Iuliean Horneţ.

„Man empfiehlt zwar die Herstellung von Biomasse, aber fast niemand in Rumänien verwendet sie“, kritisiert auch der Vorsitzende des Verbands der rumänischen Privatunternehmer, Cristian Pârvan. Und warnt: Ab 2018 müssen alle Anlagen mit weniger als 77 Prozent Effizienz aus dem Verkehr gezogen werden – dies als Konsequenz der Klimadiskussionen in Paris. EU-weit wird es dann Gesetze geben, die das direkte Verbrennen von Holz verbieten. Unvorstellbar, wie man das in Rumänien durchsetzen will. „Geht dann der Dorfpolizist von Haus zu Haus und verbietet den Bauern, ihre Öfen anzufeuern?“ spottet Pârvan trocken.

Sandor Benkö bemängelt das Fehlen eines Gesetzes für energetische Kulturen und die politische Inkohärenz zum Thema Biomasse. Die zuständigen Ministerien ändern sich ständig und es gibt keine zuverlässigen Daten, wie viel Hektar Kurzumtriebsplantagen im ganzen Land existieren, keine Evidenz über die kultivierten Arten, klagt er. Auch existiert bis heute kein Gesetz zum Schutz patentierter Pflanzen – ein Grund, weshalb die Schweden anfangs zögerten, ihre Weiden für den Export nach Rumänien freizugeben. Dass man es doch getan hat, lag am damals vorhersehbaren EU-Beitritt Rumäniens für 2007, man werde die entsprechenden Gesetze dann schon schaffen, vermuteten die Schweden. Von wegen: „Hier herrscht das totale Chaos!“ kommentiert der Unternehmer. Bitter fügt er hinzu: „Nicht nur, dass Biomasse in Rumänien nicht die Beachtung findet, die ihr gebührt – beinahe verspürt man sogar eine Tendenz zu ihrer Abwertung“. Ein Land, dessen geniale Köpfe anderen Lösungen bieten (ADZ, 20.12.2015: „Ich träume von einem grünen Rumänien“), läuft so Gefahr, sich wieder einmal als Schlusslicht einzureihen.

Kommentare zu diesem Artikel

JeffVapkedia, 22.10 2017, 19:44
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Thomas, 31.03 2016, 12:36
>Warum findet Biomasse als Rohstoff in Rumänien so wenig Beachtung? Dies, obwohl es hierzulande beeindruckende Erfindungen gibt, bewährte technische Lösungen und auch bereits Produzenten (...)

Schweden importiert mittlerweile Müll für Verbrennungsanlagen/Fernwärme und Biomasse. Solange fossile Brennstoffe für den Transport abgebrannt werden, haben noch so gute Wirkungsgrade unterm Strich negative klimatische Einflüsse.

Rumänien hat ja so viel(e) (privatisierte) Flächen für Landwirtschaft, zudem viel Arbeitskraft verfügbar!? Am besten gleich alles auf Raps und Holzpellets umstellen und Supermärkte wie gehabt aus Österreich beliefern, ist ja trotz der Tonnen Sprit günstiger! Wer hätte aber gedacht, dass für solche Rechnungen nicht nur die ausländischen (s. brain drain) Biochemiker nötig sind, sondern auch autochthone Experten für soziale Umstellungen und Binnenwirtschaft. Sinnige wirt- und wissenschaftliche Expertisen werden im Inland aber wie gefördert?

Ist es möglich, den Artikel noch mit dem zitierten 'Gesetz' in folge des Pariser Klimagipfels zu versehen? Vorerst entstanden daraus ja nur Empfehlungen und nichts Legislatives (auf EU oder nat. Ebene).

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