Biometrie

Freitag, 04. Januar 2013

Biometrie ist die Kunst, einen normalen Menschen in ein zombiehaft vor sich hinstierendes Monsterwesen zu verwandeln. Die Individuen in biometrischen Pässen sehen jedenfalls alle aus wie Verbrecher, Terroristen oder Leichen – was wahrscheinlich beabsichtigt ist, um die strengen Kontrollen an Flughäfen trotz eines grenzenlosen Europas zu rechtfertigen. Dafür sorgen schon die Vorschriften: Der Blick muss starr nach vorne gerichtet sein, die Lippen zum Strich verkniffen, das aufkeimende Lachen krampfhaft verbissen und die tränenden Augen weit aufgerissen, damit man nicht ausgerechnet beim Klick blinzelt, der einen nach zwei bis fünf Sekunden aus der simulierten Totenstarre erlöst. Dann kommt eine Schablone auf das Bild – und im Computer werden sich schmeichelhaft um die Schultern schmiegende Löckchen mit dem Hals zusammen eiskalt abgeschnitten! Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass ein Kopf ohne Hals wenig vertrauenerweckend wirkt? Da hilft es auch nicht, dass der Mann die Blitzreflexion auf der fettglänzenden Stirn mit Photoshop gnädig wegretuschiert. Bei den Tränensäcken tut er das leider nicht.

Mit einem solch schmeichelhaften Foto ausgestattet, tappte ich also zum Konsulat der Botschaft, unterwegs immer wieder einen Blick in den Umschlag werfend, sozusagen um mich an mich zu gewöhnen. Wahrscheinlich träumt man sich ein Leben lang schön, bis man es glaubt, so wie die militanten Positivdenker, die sich schon beim Aufwachen vorsagen: „Mir geht es in jeder Hinsicht von Tag zu Tag besser!“. Ein biometrisches Foto hingegen vermittelt knallharte Realität – das, was von der Welt übrig bleibt, auch wenn man nicht daran glaubt.

Als der Konsularbeamte mein Foto entgegennahm, es gegen eine Schablone hielt und in den Computer scannte, runzelte er auf einmal die Stirn. „Es tut mir leid, aber das Foto ist nicht biometrisch“. Ich, erleichtert: „Puuuh!“ Er: „So kann ich Ihnen aber keinen Pass ausstellen.“ „Im Laden war’s aber noch biometrisch – zumindest, nachdem man mir den Hals abgeschnitten hatte“. Hälse sind offenbar kein identitätsbildendes Merkmal, obwohl es lange, dünne, dicke, faltige, doppelte und kropfige, gewaschene und dreckige Hälse gibt. Ohne einen solchen sieht selbst ein mäßig attraktives Gesicht aus wie ein Teigklumpen. „Sehen Sie selbst“ – er dreht mir den Bildschirm hin – „hier müsste statt des roten Rahmens ein grüner aufleuchten.“

Es ist doch nicht zu fassen! Dieses digitale Ampelprogramm will mir offenbar den Weg in eine amtliche Identität verwehren. Behauptet einfach, mich kann es so nicht geben. Was nun? Behutsam löst der Beamte das Foto ab und hält es erneut gegen die Schablone. „Schauen Sie mal, hier, die Augen sind viel zu weit unten.“ „So ist eben mein Gesicht!“ „Aber es ist nicht biometrisch. Der Computer muss es freigeben.“ Wird er mir jetzt gleich die Visitenkarte eines befreundeten Schönheitschirurgen zuschieben? Oder will er bloß Bakschisch? Während ich fieberhaft überlege, vielleicht doch lieber die rumänische Staatsbürgerschaft anzunehmen, sehe ich ihn plötzlich mit der Schere. Er pflückt das Foto von der Schablone – schnipp-schnapp – klebt es wieder auf den Antrag, und ab in den Scanner. „Aah – jetzt ist es biometrisch, jetzt müsste es gehen.“ Er grinst. „Sie haben mir soeben den Kopf abgeschnitten!“ protestiere ich empört. Der Computer zeigt den gewünschten grünen Rahmen.

Dann kommen die Fingerabdrücke dran. „Legen Sie bitte beide Zeigefinger auf das leuchtende Feld des Geräts“. Längeres Schweigen. Mir schwant Böses: „Sind die Finger auch zu lang?“ Er grinst. „Kommen Sie jetzt bloß nicht auf dumme Gedanken!“ Gott sei Dank darf ich meine Fingerkuppen dann doch behalten. Als ich die Unterlagen zurückbekomme, schenke ich ihm den abgeschnittenen Teil meines Kopfes als Andenken. Er grinst, vermutlich vor Freude. Sie sei ihm gegönnt, denn ohne seinen kreativen Einfall wär ich ganz schön aufgeschmissen gewesen. Wenn also mein Pass wieder mal abläuft, werd ich mir die Schädeldecke am Besten gleich vorsorglich im Fotoladen wegretuschieren lassen.

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