Bizarre Felsen und Teufelshand

Ein Tagesausflug im Ciucaş-Gebirge - weniger bekannt, doch nicht minder schön

Samstag, 09. Januar 2016

Die Teufelshand ist beim Aufstieg rechts vom Wanderweg gut zu erkennen.

„Vârful Ciucaş“ heißt die neue Hütte, die sich somit auch namentlich von der ehemaligen „Ciucaş“-Hütte abgrenzt.

Offroad geht‘s auf der Valea Berii hinauf zur Hütte.
Foto: Ralf Sudrigian

Autofahrer kennen die Standardempfehlung der Verkehrspolizei an schönen Wochenenden, vor allem im Winter: „Bitte wählen Sie aus Kronstadt/Braşov die DN 1 A über Săcele – Cheia – Vălenii de Munte – Ploieşti, um bei der Rückfahrt nach Bukarest dem Stau im Prahova-Tal (Predeal – Sinaia – Ploieşti) zu entgehen!“ Wir kommen mit einem ähnlichen Vorschlag für Wanderer: Versuchen Sie mal zur Abwechslung von Bucegi oder Königstein einen Ausflug am Krähenstein/Ciucaş!


Die Teufelshand weist zum Himmel

Unser Ausflug beginnt in der Gemeinde Vama Buzăului. Sie liegt rund 50 Kilometer von Kronstadt entfernt und ist der nördliche Ausgangspunkt für Ausflüge ins Ciucaş-Gebirge. In den letzten Jahren ist dort vom touristischen Standpunkt mehr los, seitdem ein großes Gehege für Wisente eingerichtet wurde. Wir steigen bei der Endstation des Busses aus, der uns aus Kronstadt auf der DN 10 (Kronstadt – Buzău) hergebracht hat und gehen in Fahrtrichtung auf der Asphaltstraße weiter. Nach der Brücke über den Dălghiu-Bach geht es rechts auf der noch asphaltierten Straße weiter, bis wir die Gemeinde verlassen. Am Rande der nun in einen staubigen Gemeindeweg übergehenden Straße tauchten gelegentlich als Wegmarkierung ein blaues und ein rotes Kreuz auf. Dieser Weg führt noch knapp acht Kilometer bis zu Poiana Dălghiu. Er ist auch die Verbindung zur Gemeinde Zizin, bis wohin noch weitere 13 Kilometer zurückzulegen wären. Wir folgen jedoch der Abzweigung nach links, vorbei an einer Schafherde und an mehreren neuen Pensionen oder Wochenendhäusern. Vor gut eineinhalb Jahrzehnten gab es hier noch verlassene Häuser, aus deren Zimmerfenster Pferde neugierig herausguckten, wenn sich ein Wanderer zeigte.

Der eigentliche Wanderweg (rotes Kreuz) beginnt gegenüber einem Neubau auf einem Hang, der in den Wald führt. Die Abzweigung des mit blauem Kreuz gekennzeichneten Weges zur Poiana Tesla hatten wir schon vor einem Kilometer hinter uns gelassen. Hier beginnt der Aufstieg, der uns in rund vier Stunden zum Ciucaş-Gipfel (1954 Meter) bringen wird. Zunächst geht es durch den Wald, dann wendet der Weg plötzlich und man hat den Eindruck, nun geht es wieder zurück, aber viel steiler und in scharfen Serpentinen. Immerhin sind fast 1000 Höhenmeter zu überwinden, bis wir uns auf dem Ciucaş-Sattel (1525 Meter) befinden. Nun geht es steil rechts weiter, bis wir aus dem Wald kommen und sich vor uns die Sicht auf den Bergkamm und den Gipfel, aber auch auf die Täler und Senken in der Ferne öffnet. Rechts ragt ein Felsengebilde mit fünf zum Teil ineinander übergehenden Konglomerattürmen hervor: „Teufelshand“ (Mâna Dracului) heißt diese Formation, die nach oben weist. Oder vielleicht am Himmel kratzen will?

Schafe und Felsen
Der Weg führt nun durchs Hochgebirge mit Latschen, die nur dort am Ciucaş anzutreffen sind. Am gegenüberliegenden Hang weidet eine Schafherde. Hirten und Hunde liegen in der Sonne unweit des Wanderweges. Klar, dass wir uns bald gegenseitig stören werden. An einem anderen Hang sammelt eine Gruppe fleißig Heidelbeeren, von denen es im Sommer jede Menge gibt. An den Behältern, die sie bei sich haben, und den Werkzeugen - einer kleinen Schaufel, die vorne mit einer Art Kamm versehen ist, um möglichst viele Beeren zu erhaschen und sie gleichzeitig von den Blätterchen zu trennen - erkennen wir später, dass es „Profis“ sind, die sich damit zu dieser Jahreszeit wohl einen guten Teil ihres Lebensunterhaltes verdienen.

Die Hunde kläffen uns nun in allen Bellvariationen an, umkreisen uns mehrmals, beruhigen sich aber, nachdem ihre Herren aufstehen, ihnen zureden und sich mit uns unterhalten. Außer der „Teufelshand“ sind nah und fern mehrere Felsgruppen zu sehen, deren Entstehen, so wie im Ceahlău, auf die Verwitterung des Konglomerats zurückzuführen ist. Manche von ihnen haben bizarre Formen und Namen, andere erscheinen wie verstreute Ruinen einer von überirdischen Mächten zerstörten Festung. Auch dieses nicht alltägliche Landschaftsbild macht den Reiz dieses kleinen, 200 Quadratkilometer umfassenden, gut abgegrenzten Massivs aus. Hinzu kommt, wie man es vom Gipfel besonders gut erkennen kann, ein sehr schöner Fernblick auf die Gebirgswelt in gleich mehrere Himmelsrichtungen: im Westen Königstein, Bucegi, Schuler und Hohenstein, im Osten der Zăganu-Kalksteinkamm (Teil des Ciucaş), die Siriu-Berge und gleich mehrere kleinere Bergreihen.

Den Kurort Cheia sieht man auch sehr gut im Süden; auf der anderen Seite, klein und ziemlich verstreut, Vama Buzăului, von wo wir aufgestiegen sind. In weniger als der am Wegweiser angegebenen Stunde gelangen wir nun, leicht den mit rotem Band markierten Weg absteigend, zur neue Schutzhütte „Vârful Ciucaş“.

Im Biertal wird Quellwasser abgefüllt

Die Hütte ist eigentlich ein Hotel und könnte sogar zu einem Tourismus-Komplex wachsen. Denn in der Nähe gibt es einen Skihang und es sieht so aus, als ob auch an einen Skilift gedacht wird. Um das umzäunte Gelände werden wahrscheinlich Nebenbauten errichtet, vielleicht auch Campinghäuschen. Der provisorische Baustellencharakter an der Rückfront der Unterkunft ist leider nicht zu übersehen. Die alte Hütte ist nur in der Erinnerung jener geblieben, die sie noch im vorigen Jahrhundert erleben konnten. Nun ist am Ciucaş auch an dieser Stelle - und nicht nur bei der bekannten Schutzhütte „Muntele Roşu“ - die Kombination Bergtourismus und Autoraststätte präsent. Es ist nun mal so – für manche (zu viele) Touristen hört die Bergwelt dort auf, wo sie ihren Pkw nolens-volens abstellen müssen.

Zum „Vârful Ciucaş“ kann man auch mit einem Geländewagen anreisen, auf dem neuen Forstweg, der von der DN 1 A nach den Serpentinen beim Bratocea-Pass (von Kronstadt aus) abzweigt. Auf dem letzten Teil ist der Weg richtig steil – deshalb ist er nur für Geländewagen zugelassen. Teilweise wurden hier quer zur Fahrtrichtung Betontraversen als Wegfundament gelegt und später überdeckt, wahrscheinlich um Erdrutschen vorzubeugen. Ein großer Aufwand für einen Forstweg, der ursprünglich nur für Traktoren gedacht war und der beim Hüttenneubau erweitert und konsolidiert wurde. Der Hüttenbesitzer nutzt das aus und bietet einen Extraservice an: Wer es zu Fuß hinauf oder hinab nicht schafft, der wird für 15 Lei pro Person mit dem Geländewagen der Hütte abgeholt oder hinuntergebracht.

Zu Fuß braucht man auf dem mit blauem Kreuz markierten Weg (er folgt fast überall der Forststraße) beim Aufstieg drei Stunden, beim Abstieg rund eine Stunde weniger. Es gibt dabei auch eine Abzweigung (gelbes Band), die die Verbindung zur Hütte „Muntele Roşu“ herstellt. Sie beginnt in der Nähe der Quelle „Ioan Nicolae“. Oberhalb dieser Quelle führt das Bachbett kein Wasser. Es heißt „Valea Berii“ und ist eigentlich der Oberlauf des unter dem Namen „Teleajen“ bekannten Baches. Am unteren Talende wurde eine moderne Abfüllstelle für Quellwasser eingerichtet. Weil „Cheia“ wohl zu banal klang, hat man sich für die coolere Markenbezeichnung „Keia“ entschlossen.

Unser Ausflug endet bei der Ausfahrt zur DN 1 A. Da muss man, wenn einen keine Freunde oder Verwandten abholen, auf eine Mitfahrgelegenheit warten und hoffen. Bis Kronstadt sind es immerhin 50 Kilometer und Busverbindungen gibt es, ab Săcele/ Siebendörfer, so gut wie keine. Ciucaş-Wanderer sind schließlich eine Minderheit im Vergleich zu jenen, die die bekannteren Berge um Kronstadt besuchen, sodass sie für den Busverkehr keine Zielgruppe sind.

Kommentare zu diesem Artikel

Rolf Joachim, 11.01 2016, 18:54
Danke für diesen schönen Bericht !

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