„Blick hinter die Kulissen...“ mit Helge von Bömches

Sängererinnerungen aus erster Hand

Sonntag, 12. August 2012

Helge von Bömches: „Blick hinter die Kulissen oder Aus dem Tagebuch (m)eines Sängerlebens“, Hora Verlag, Hermannstadt/Sibiu, 2011, 222 Seiten, ISBN 978-973-8226-96-8, 16,00 Euro.

Helge von Bömches als Mephisto - eins der zahlreichen Bilder aus dem Band „Blick hinter die Kulissen...“

Der Sänger und seine Familie heute – von rechts: Marina und Helge von Bömches, Tochter Scarlett und Sohn Dag.
Fotos: privat

Jeder überzeugte Opernfreund wird sich mindestens einmal gefragt haben, wie das Leben eines Sängers außerhalb des Bühnen-Glitzers aussieht? Wie eine Opernkarriere aufgebaut und vor allem erhalten wird? Inwiefern die vielen Opernklischees zutreffend sind? Mit geradezu überraschender Direktheit, schlicht und simpel, erzählt der Opern-, Oratorien- und Liedsänger Helge von Bömches seine Erfahrungen aus 45 Jahren Karriere im Scheinwerferlicht.

„Blick hinter die Kulissen oder Aus dem Tagebuch (m)eines Sängerlebens“ heißt das Buch, das in Hermannstadt/Sibiu beim Hora Verlag erschienen ist. Wer sich davon erhofft, das geheime Rezept einer bemerkenswerten Laufbahn zu erfahren, wird nicht enttäuscht sein. Bei Helge von Bömches heißt das Geheimnis: hohe Ansprüche an sich selbst, keine Kompromisse, nie aufgeben, Kopf hoch, weiter geht’s!

Der Bass, der später in Salzburg, Wien, Hamburg, Dublin, München oder Mailand auftreten sollte, ist 1933 in Kronstadt/Braşov geboren und hat seine musikalische Ausbildung bei Victor Bickerich, dem Kantor der Schwarzen Kirche, und bei dessen Ehegattin, der Sängerin Medi Fabritius begonnen.

Er erinnert sich, Professor Bickerich um Rat für den Sängerberuf gebeten zu haben. Die Antwort war: „Raten rate ich Ihnen, einen richtigen Beruf zu lernen. Sie ahnen ja nicht, wovon Ihr Leben als Sänger abhängt.“ Tatsächlich ahnte er es damals noch nicht, er entdeckte es aber nach und nach, und ließ sich von keinem Hindernis einschüchtern.

Nach seinem Debüt in der Schwarzen Kirche als Pilatus in der Matthäuspassion von Heinrich Schütz – Professor Bickerich hatte ihn dann doch dazu ermutigt – erhielt Helge von Bömches auch den Zuspruch seines Vaters, dem Traumberuf nachzugehen. „Was das in einer bürgerlich-sächsischen Familie in Siebenbürgen damals in den vierziger Jahren zu bedeuten hatte, versteht man heute wahrscheinlich nicht mehr“, schreibt er in den Erinnerungen.

Bald sollte sich herausstellen, dass Musik nicht nur Spaß macht, sondern in dunklen Zeiten Hoffnung bringen kann. Die Familie wurde mit der Einstufung „unliebsame Elemente“ zwangsversetzt, der angehende Sänger musste zunächst auf einer Baustelle arbeiten, sein Vater starb unter ungeklärten Umständen am Donau-Schwarzmeer Kanal.

Trotz allem setzte sich Helge Bömches (in dieser Zeitspanne ohne „von“ zwischen Vor- und Nachname) bei einem Vorsingen für den Chor des Musiktheaters Kronstadt unter 45 Konkurrenten durch – „Ich hatte damals einfach keine Ahnung, aber dadurch auch keine Zweifel und Bedenken.“ Die Chance eines Studiums wurde ihm wegen seiner „ungesunden sozialen Herkunft“ verweigert, er lernte aber unmittelbar auf der Bühne. Diese souveräne, proaktive Einstellung gegenüber jedweder Schwierigkeit sollte ihn auch später begleiten.

„Ich muss singen!“

Was folgte, war ein Aufstieg, der weder auf ‘hochplatzierte Beziehungen’, noch auf gut bezahlte Gesangstunden bei renommierten Lehrern basierte, sondern auf sehr viel Selbststudium und auf den simplen Rat des Sängerarztes „nicht zu hoch, zu laut und zu viel“ zu singen. Auch seine Frau, die Sängerin Marina, geb. Panek, war für Helge von Bömches in all den Jahren eine „Beraterin und Lehrerin in Sachen Stimmführung“. So gelang ihm Anfang der 1970er Jahre der Durchbruch an der Wiener Staatsoper und der Beginn der internationalen Karriere im Westen, wo er schließlich eine neue Heimat fand. Wie die internationale Karriere allerdings „hinter den Kulissen“ aussah, erfährt der Leser „ohne Verzierungen und Ornamente“.

Rein beruflich war es ein Dauerlauf, oft ein Nervenkrieg, mit unzähligen Vorsingen, die wunderbar liefen und selten ein Engagement brachten. „Ich könnte fast ein Buch allein über die Vorsingen schreiben“, so der Autor. „Es war unwahrscheinlich, was ich da alles erleben durfte, und ich war manchmal nahe daran, alles aufzugeben und an eine andere Verdienstmöglichkeit zu denken.“

Es gab sogar eine Zeitspanne ohne Engagement, wo er als Aushilfe beim Restaurieren von Wohnungen arbeitete, nach dem festen Plan: zuerst Stimmübungen, dann Tapeten entfernen. Was letztendlich zählte, waren die Stimmübungen, denn Helge von Bömches sollte mit den besten Musikern seiner Generation zusammenarbeiten – mit den Dirigenten Herbert von Karajan, Igor Markewitsch, Karl Böhm, James Levine und den Sängern Ion Piso, Nicolae Herlea, Viorica Cortez, Emilia Petrescu, Valentin Teodorian, Martha Kessler, Mirella Freni, Christa Ludwig, Ludovic Spiess, Ileana Cotrubaş, Peter Schreier, Katia Ricciarelli.

Die Musik sei „eine eifersüchtige Herrin“ und fordere „ungeteilte Aufmerksamkeit,“ schreibt Helge von Bömches. Der Preis, der dem Publikum meist unbekannt bleibt, lautet „Erkältungskrankheiten, Stimmbandprobleme, Sich-schwach-Fühlen, Kopfweh“, der Sänger ist auf lange Abschnitte seiner Karriere „Dauerpatient beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt“. Je mehr Auftritte anstehen, desto mehr Konzentrationsvermögen und Ruhe ist gefragt und desto weniger Zeit bleibt für die Familie. Den Urlaub kann man von vorn herein vergessen – wenn die Saison gerade zu Ende ist, beginnt die Festspielzeit.

Die zahlreichen gesungenen Partien sind als Anhang zum Band zu lesen  – in einer Tabelle in chronologischer Reihenfolge der Debüts. Helge von Bömches erzählt lebhaft, aus der Praxis heraus, mit viel Sinn für saftige Momente und lustige Anekdoten. Er öffnet sein Tagebuch für den Leser, sogar wenn es um Politisierung und Kommerzialisierung der Kunst geht. Er schreibt: „Kunst entsteht eher trotz Propaganda, trotz Aktionären.“ Sein Lerneifer, gepaart mit Humor und Neugier helfen ihm durch alle Mut-, Geduld- und Ausdauerproben. Das Fazit? „Ich habe es nicht bereut, dem weisen Rat meines geliebten und sehr verehrten Lehrers, Professor Victor Bickerich, nicht gefolgt zu sein und keinen ‘richtigen’ Beruf gelernt zu haben.“
Fragen und Antworten

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Ein Kurzinterview mit Helge von Boemches

Sie haben die „schönsten Opernjahre, die Zeit von den 50er bis zu den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts“ miterlebt, wie Sie in Ihrem Buch festhalten. Was hat sich seither im Operngesang, in der Regie, in der Auffassung über die Kunst, an den Anforderungen gegenüber den Solisten verändert?

Durch die technische Entwicklung, die Tatsache, dass vor dem eigentlichen Bühnendebüt immer öfter ein „Album“ aufgenommen wird und die Bühnenpraxis fehlt, wird auf der Bühne dann oft „Pianissimo impossibile“ gesungen. Was sonst das Mikrofon auffängt, geht auf der Bühne und mit Live-Orchester unter. In der Regie werden häufig eigene Ideen transportiert und nicht das Libretto mit Zeitangabe berücksichtigt.

In einer „Don Giovanni“-Inszenierung in Alltagskleidern kommt Donna Elvira die Straße entlang, in der Hand ein großes Küchenmesser und singt ihre Rachearie, während derer sie sich dann mitten in der Straße aufs Pflaster setzt. Leporello kommt hinzu, singt seine Registerarie, setzt sich neben sie, greift unter ihren Rock und so weiter. In einer „Aida“ ist der König in eine stalinistische Generalsuniform gekleidet und die Sklaven werden am Boden kriechend und nackt beim Triumphmarsch über die Bühne getrieben.

In „Nabucco“ gebiert eine Frau unter lautem Wehgeschrei ein Kind, das ihr Zaccaria, seine Arie singend, aus dem Leib zieht. Gekleidet sind sie als Ami-Soldaten und fuchteln mit Maschinengewehren herum.

Es wird von den Sängern körperlich sehr viel verlangt, oft unnötig, nur als Show-Effekt. Diese Entwicklung kann nicht richtig sein, so kann Geschichte nicht bewusst gemacht werden. Unlängst habe ich im Fernsehen einen „Don Giovanni“ aus Stuttgart gesehen: in moderner Alltagskleidung und schlecht musiziert, aber eben „modern“! Ebenso hörte ich die Kritik über den „Fliegenden Holländer“ aus Bayreuth – schlimm. Der Bariton, der kritisiert wurde, steht noch am Anfang seiner Entfaltung. Er wird sich auch stimmlich in ein paar Jahren entwickeln. Eben Bayreuth!

Schätzen Sie Sänger oder Sängerinnen der jüngeren Generation?

Unter den heutigen Sängern schätze ich besonders Angela Gheorghiu, Anna Netrebko, Elina Garanca, Ildebrando d‘Arcangelo, Rolando Villazon, Jonas Kaufmann und noch einige andere.

Welche Eigenschaft betrachten Sie als die wichtigste in Ihrem Beruf? Was würden Sie einem jungen Sänger raten?

Ständig an seinen stimmlichen Möglichkeiten zu arbeiten, sich weiter zu entwickeln, nie nachzulassen. Viel Disziplin und zugleich viel Flexibilität.

In einer Opernhaus-Hierarchie „hinter den Kulissen“, wie sieht  ihr persönliches „Top drei“ aus?

Intendant, Dirigent und Regisseur, die wirklich der Kunst und nicht nur ihrem persönlichen Image dienen.

Gibt es etwas, was Sie in Ihrem Sängerleben anders getan hätten? Hatten Sie jemals Zweifel an Ihrem Traumberuf?

Ich habe mir die Frage oft selber gestellt und wüsste nicht, was ich anders gemacht hätte. Nein, Zweifel am Traumberuf hatte ich nie, deswegen habe ich immer gekämpft.

Ihr Buch fängt mit zwei Bildern aus Kronstadt an, gegen Ende Ihrer Laufbahn geben Sie voller Freude einen Liederabend in Katzendorf. Inwiefern sind Sie Siebenbürgen verbunden geblieben?

Ich bin nun mal als Siebenbürger Sachse geboren und Siebenbürgen wird immer meine Heimat bleiben, auch wenn ich mich noch so gut in der „Fremde“ fühle. Ich war schon immer so und bin oft auf Unverständnis gestoßen. Ich fühle mich überall gut und habe viele Bekannte und Freunde in zahlreichen Ländern.

Hätten Sie die Möglichkeit, für einen Tag eine Opernfigur zu sein, wer wären Sie denn gerne?

Ich habe mir die Frage nie gestellt und könnte mir auch nicht vorstellen, eine Opernfigur mal zu „sein“. Es gibt noch einige Traumpartien, die ich leider nie gesungen habe. So z. B. der Boris (von Mussorgskij) oder Mefistofele (von Boito). Die zu gestalten könnte ich mir vorstellen, aber für einen Tag so jemand zu sein – nein.

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