Buchtipp der Woche

„Solaris“ von Stanislaw Lem

Mittwoch, 04. Juli 2012

Drei Männer, Lichtjahre von der Erde entfernt, in Anwesenheit einer vielleicht göttlichen Entität, ziehen doch eher menschliche Schlüsse darüber, was uns Menschen ausmacht. Und nicht den Planeten Solaris, für den sie die weite Forschungsreise unternommen haben. Denn die Solaris bleibt unentschlüsselt. Die einzigen Halbwahrheiten, mit denen die Wissenschaftler geradewegs umgehen können, beziehen sich auf die Menschheit selbst. Schließlich schlussfolgert der Forscher Snaut: „Menschen suchen wir, niemanden sonst. Wir brauchen keine anderen Welten. Wir brauchen Spiegel. Mit anderen Welten wissen wir nichts anzufangen. Es genügt unsere eine, und schon ersticken wir an ihr.“

Stanislaw Lem wirft in seinem Science-Fiction-Roman „Solaris“ schnell philosophische Fragen auf und lässt das Wissenschaftliche beiseite. Denn diese verhält sich nicht anders als krude Religion. Hundert Jahre Solaristik haben nur Tausende von Seiten zusammengeschart, die auf Fragen mit Fragen antworten. Der Ozeanplanet bleibt ein stummes Geheimnis und eine Herausforderung für jeden wissbegierigen Menschen, der doch nur seine eigene existenzielle Neugier stillen möchte. Vielleicht ist der geleeartige Ozean unter einer roten und blauen Sonne eine außerirdische Lebensform, die den Menschen zwar wahrgenommen hat, ihm aber kein Interesse schenkt. Erst als der Ozean bestrahlt wird, reagiert er auf die menschlichen Fremdkörper, indem er Simulacra schafft.

Der Psychologe Kris Kelvin stößt als Letzter zum Forschungsteam auf den Planeten. Sein langjähriger Freund Gibarian ist bei seiner Ankunft bereits tot. Die anderen Snaut und Sartorius haben sich voneinander isoliert. Denn als Vorlage für die vom Ozean produzierten Simulacra dienten schlechte Gedanken, Lebenserlebnisse und Vorstellungen der Forscher. Auch Kris Kelvin erhält nach der ersten Nacht auf der Forschungsstation Besuch von seiner verstorbenen Frau Harey. Sie hatte sich vor Jahren das Leben genommen, weil Kelvin es nicht aufgehalten hatte. Töten oder verletzen kann man die sogenannten „Gäste“ nicht. Obwohl es Kris anfangs versucht. Schnell gibt sich der Psychologe der lebensechten Kopie hin und weigert sich sogar, sie wieder gehen zu lassen.

Denn letztendlich ist Lems Roman auch eine rührende Liebesgeschichte. Es ist eines der Gründe, weshalb „Solaris“ zeitlos ist. Lem diskutiert über den unersättlichen Forschungsdrang von Menschen, erzählt die Geschichte von Kelvins und Hareys komplizierter Beziehung, dem allzu menschlichen Drang Fehler wiedergutzumachen und dem zu allen Zeiten herrschenden Verlangen nach Spiritualität. Denn darum hat es drei Forscher auf die Solaris getrieben, Lichtjahre von der Erde entfernt. Nicht um neue Welten zu erschließen oder neue Wesen kennenzulernen, sondern um sich selbst zu finden und auf die allzu menschliche Frage nach der Seele eine Antwort zu finden, die den wissenschaftlichen Dogmen trotzt. 

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