Buchtipp der Woche

„Abbitte“ von Ian McEwan

Freitag, 27. Juli 2012

Sieht sie nicht gut oder steigt ihre ältere Schwester Cecilia nur im Unterrock vor Robbie in den Brunnen? Die zwölfjährige Briony blickt aus dem Fenster und deutet die Szene falsch. Leider wird dieses kindische Missverständnis das Leben der Protagonisten jahrelang in tragischer Weise prägen. Mit diesem unerwarteten Twist gelingt es Ian McEwan in seinem Roman „Abbitte“ seine Leser schon von Anfang an zu überraschen und somit auch an die Lektüre zu fesseln. Denn, wer hätte gedacht, dass das Böse ausgerechnet von einem zwölfjährigen Mädchen kommen wird? Die rege Fantasie der kleinen Briony, die den Augenblick zwischen Cecilia und Robbie am Brunnen beobachtet, ist der Ausgangspunkt des Romans und der darauffolgenden Verwicklungen.

Es scheint, als wolle McEwan in „Abbitte“ vor allem das Überschaubare unterstreichen: Man soll die Kraft der kleinen, schnell vorübergehenden Momenten niemals unterschätzen. Sie können jemanden ein Leben lang prägen. Mit falschen Anklagen gelingt es Briony, ein Theaterstück zu inszenieren, das in Sekundenschnelle Menschenleben zerstört. Das Mädchen deutet die Szene zwischen den Beiden völlig falsch und zerstört dabei die Nähe, die zwischen Cecilia und Robbie aufgebaut wurde. Sie hält Robbie für einen Besessenen, vor dem sie ihre Schwester schützen will. Nichts kann ihre Meinung über ihn ändern. Ihre Hartnäckigkeit versucht McEwan zwischen den Zeilen zu erläutern: Das Mädchen will als einzige Autorität vor den Erwachsenen bestehen. Daher lässt sie keine Toleranz durchdringen, in ihren Aussagen sollen keine Zweifel aufkommen. Zudem ist das Mädchen so sehr von Literatur geprägt, dass sie wahre Geschehnisse von erdachten nicht klar unterscheiden kann und es eigentlich auch nicht will.  

Erst viele Jahre später, als Briony eine bekannte Schriftstellerin geworden ist, begreift sie, wie falsch ihre Anschuldigungen und Vermutungen gewesen waren. Zu diesem Zeitpunkt ist es aber bereits zu spät.

Es spricht für Ian McEwans Roman, dass man vom Verlauf der Handlung aufs Neue überrascht wird. Der schottische Schriftsteller hat in seinen Werken immer wieder versucht, gewöhnliche Menschen in ungewöhnliche Situationen zu versetzen. Da fängt er an zu bauen und seine Gestalten mit Genauigkeit zu konturieren. Es gibt ein ungewöhnliches Gleichgewicht zwischen melancholischer Sprache und vergifteten Zeilen, das für McEwan spezifisch ist.

Eben diese Balance könnte man als typisch McEwan nennen, denn er meistert sie jedes Mal erfolgreich. In „Abbitte“ widmet er sich den großen Themen – Liebe und Treue, Selbsterkenntnis und Zeit – und tut es diesmal fesselnder denn je.

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