Buchtipp der Woche

„Medea. Stimmen“ von Christa Wolf

Dienstag, 17. Januar 2012

Ob Krimis, Liebes- und Bildungsromane oder Biographien - die Banater Zeitung wird Ihnen wöchentlich Buchtipps und Rezensionen anbieten. Es geht um aktuelle und weniger aktuelle Bücher und Romane, die lesenswert sind und nicht in Vergessenheit geraten dürfen.

 

Sie galt als eine der wichtigsten deutschen Autorinnen der Nachkriegszeit: Die DDR-Autorin Christa Wolf ist im Dezember 2011 gestorben. Sie hinterließ ein bedeutendes Werk für die deutsche Literatur und bleibt weiterhin für viele Leser in Ost und West eine moralische Instanz. Eines ihrer bekanntesten Werke ist „Medea. Stimmen“, wo Wolf einen Stoff ausgearbeitet hat, die beim ersten Blick völlig trocken zu sein scheint. Doch es stellt sich bald heraus, dass Wolf eine komplett andere Medea entwirft als die, die der Leser aus der griechischen Tragödie kennt.

Die Barbarin, Giftmischerin, die rachsüchtige „Kindsmörderin“, wie Euripides sie dargestellt hat, – diese Frauenfigur löst die deutsche Autorin in ihrem 1996 erschienen Roman aus. Wolfs Medea ist viel mehr eine eigenwillige ungewöhnliche Frau, „zwischen den Zeiten“. Sie ist, wie in allen Überlieferungen, die Tochter des Königs von Kolchis am Schwarzen Meer. Medea findet die Verhältnisse in ihrer Heimat unerträglich und flieht mit dem Argonauten Jason in das reiche Korinth.


Die Geschichte wird aus der Sicht sechs verschiedener Personen erzählt: Neben Jason und Medea kommt Glauke zu Wort, die epileptische Tochter Kreons. Sie ist hin- und hergerissen zwischen der Zuneigung zu Medea, die mit ihren Heilkünsten versucht, Glauke ihre Ängste zu nehmen, und ihrer Ablehnung gegen sie, die ihr durch den Einfluss des Hofes eingeredet wird. Eine weitere Gestalt ist Agameda: Eine ehemalige Schülerin von Medea, die keine Intrige scheut, um Medea zu zerstören. Akamas, der erste Astronom Kreons und versteckter Machtinhaber Korinths, und Leukon, zweiter Astronom Kreons und enger Freund Medeas, ergänzen auch die Geschichte. Trotz des antiken Stoffes und der ernsten Thematik und Sprache lässt sich der Roman wie ein spannender Politthriller lesen.


Christa Wolf wurde am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe, im heutigen Polen, als Tochter eines Landsmanns geboren. 1949, im Jahr ihres Abiturs, wurde Wolf Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Gleichzeitig unterstützte sie Bürgerrechtler, protestierte gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann, trat aber erst 1989 aus der SED aus. Denn trotz einiger Auseinandersetzungen mit der SED-Obrigkeit und ihrer ambivalenten Haltung der DDR gegenüber, hielt die Autorin dem Staat die Treue. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen für ihr literarisches Werk. Ihr bekanntester Roman ist „Kassandra“. Zuletzt bekam sie 2010 den Uwe-Johnson-Preis für ihr Buch „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“. 

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