Bürgermeister Robus Kampf gegen das undankbare Volk

In den sozialen Medien geht auch der letzte Hauch von Anstand unter

Sonntag, 27. August 2017

Bürgermeister Robus Dialog mit den Bürgern bedarf keines zusätzlichen Kommentars – das Bildschirmfoto stammt vom 22. August 2017 und zeigt die Kommentare der Bürger und die Antwort des Bürgermeisters.

Haben Sie ein Facebook-Konto? Sie haben eins, geben Sie es nur zu. Jeder hat einen Account bei Facebook, ob jung oder alt. Für den einen bloß ein Zeitvertreib, für den anderen eine Informationsquelle, eine Chat-Möglichkeit, aber auch ein PR- und Marketinginstrument, mitunter ein gefährliches. Oder ein Instrument zur steten Verdummung der Massen, ein Medium, wo der Dorftrottel zum Universalgelehrten mutiert und der stille, unbeachtete Hinterbänkler wild herumtoben kann. Dass das so ist, das hat uns der 2016 verstorbene Umberto Eco gelehrt. Jedenfalls ist Facebook ein Merkmal der flüssigen Gesellschaft, die der polnisch-britische Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman bereits Anfang der 2000er Jahre definiert hat und der man heute kaum noch entkommen kann. Oder entkommen will.

Man nehme das Beispiel des Temeswarer Bürgermeisters Nicolae Robu, zweifelsohne ein großer Fan der modernen Kommunikation. Mittendrin in Baumans flüssiger Gesellschaft, tummelt sich Robu auf Facebook wie ein Fisch im Wasser. Als ehemaliger Rektor der Technischen Universität, als ausgebildeter Ingenieur, ist er natürlich von Computern, dem Internet und den sozialen Medien hoch begeistert. Das wissen die Bürger der Stadt, die Robu seit fünf Jahren regiert, in- und auswendig, hat der Stadtvater doch längst auf die traditionelle Pressekonferenz verzichtet und diese, zugegeben, verstaubte Institution mit seinem Facebook-Konto ersetzt. 30.117 Bürger (besser gesagt: User, das sind Benutzer auf Deutsch) hatten sein Konto am 22. August 2017 abonniert, eine beachtliche Zahl. Mehrmals am Tag füttert Robu seine Follower, wie die Abonnenten auf Denglisch heißen, mit Informationen, zumeist schießt er Fotos von sich selbst (Selfies!), filmt sich selber oder präsentiert die großen Errungenschaften seiner Amtszeit, die Baustellen, die den Temeswarern den Alltag versauen. Der Bürgermeister bittet die Bürger um Geduld, er fleht sie an, das von ihm Gepostete zu „liken“ und zu „teilen“, vor allem, wenn es darum geht, die Öffentlichkeit zu überzeugen, dass er und nur er diese Stadt modernisiert. Alle Vorgänger hat er übertroffen und keiner nach ihm wird ihn je nachahmen können, nicht im Geringsten. Er ist, so munkelt man, der größte Bürgermeister aller Zeiten.

Aber Facebook ist ein gefährlicher Ort, ein Ort voll von Feinden, von Schlechtgesinnten, von Oppositionellen. Und die sind dem hehren Bürgermeister selbstverständlich ein Dorn im Auge, ein Übel, das kategorisch in die Schranken verwiesen werden muss. So geschah es einem gewissen Herrn Bogdan Ştefan Urziceanu. Als Bürgermeister Robu am 22. August 2017 wieder einmal Fotos und Kurzfilme postete, die den Fortschritt der Bauarbeiten an der Popa-Şapcă-Unterführung dokumentieren sollten („Daţi, vă rog, share!“, ruft Robu seine Facebook-Gefolgschaft auf, sie sollte seine Inhalte wie immer teilen), hatte Herr Urziceanu nichts Besseres zu tun, als dem Bürgermeister folgende, unseres Erachtens durchaus berechtigte, Frage zu stellen: „Dar de ce ne-am lăuda de unii singuri? Cetăţeanul poate observa şi el singur evoluţia?!“ Auf Deutsch: „Aber warum würden wir uns selbst loben? Kann der Bürger nicht selbst den Fortschritt (der Baustelle, Anm. d. A.) einschätzen?!”

Sofort nahm Nicolae Robu vom unliebsamen Kritiker Kenntnis, vom bösen Bürger Urziceanu, der des Bürgermeisters Meriten nicht anerkennen will, der ihm das Recht, sich selbst zu loben, verwehren will. Also antwortete er ihm auf Anhieb: „De aia!“, schrieb Robu und zitterte bestimmt vor Wut. Und dann stürzte sich auf den armen Herrn Urziceanu eine Schar treuer Anhänger des Bürgermeisters, die ihm erklärten, dass Robu das Recht gebühre, sich zu loben, denn er habe auch Lobenswertes geschaffen. Also soll der Mann gefälligst seinen Mund halten, Kritik am Stadtvater ist unerwünscht. Es gibt kein zentrales Zensurorgan mehr, die Arbeit der Zensoren erledigen die Bürger, getarnt als Gedankenpolizei im orwellschen Sinne, selbst. Wenn sie nur darauf getrimmt werden, Facebook ist dazu das perfekte Werkzeug. Einer, der das wusste und eindringlich davor gewarnt hat, war, wie schon am Anfang gesagt, Umberto Eco. Man lese bloß nach, die Texte des italienischen Professors über Internet und Facebook gibt es bereits auf Deutsch (U. Eco, „Pape Satán. Chroniken einer flüssigen Gesellschaft oder Die Kunst, die Welt zu verstehen“, Carl Hanser Verlag, 2017), leider noch nicht auf Rumänisch, denn dann könnte man sie ja auch unserem Bürgermeister empfehlen. Was natürlich ein grober Fehler wäre, eine Anmaßung sondergleichen. Titanen wie Robu brauchen keine Empfehlungen!

Zurück also zu ihm, dem großen Bürgermeister, und zu jenen, die ihn kritisieren, zu den Undankbaren also, die ihn eigentlich gar nicht verdienen. Folgendes sei aber klarzustellen: Es geht hier nicht um die Leistungen des Bürgermeisters Nicolae Robu, es geht nicht um die Qualität seiner Amtsführung, um das, was er in fünf Jahren in Temeswar erreicht hat oder was er noch alles machen will. Es geht allein um den Stil, um den Ton. Der bekanntlich die Musik macht.
Dieses schwer übersetzbare „De aia!“ heißt wortwörtlich „Deshalb!“ und im übertragenen Sinne so viel wie „Weil ich so will!“ oder „Damit du (oder so ein Depp wie du) fragst!“. Es drückt auf einprägsame Art und Weise das Selbstverständnis des Nicolae Robu aus. Die Selbstherrlichkeit, die ihn kurz nach seinem Amtsantritt 2012 ergriffen und ihn nie mehr losgelassen hat. Seit eh und je, die banale Krankheit des Politikers, würde man meinen. Dessen, der überzeugt ist, dass die Geschichte mit ihm begonnen und mit ihm enden wird, dass Stadt, Region, Land ohne seinen entscheidenden Beitrag dem Untergang geweiht sind, dass ohne ihn nichts mehr zu retten wäre.

Eben weil diese Krankheit so häufig ist, hat die Demokratie Mittel erfunden, die sie bekämpfen. Wirksame Medikamente, sozu-sagen, die alle vier Jahre eingenommen werden müssen, sie heißen Wahlen und funktionieren in der Regel auch. Aber sie tun es nur dann, am Tage da sich das Wahlvolk zur Urne begibt. Und vielleicht kurz davor, wenn sich so mancher Politiker in Demut übt. Und in Reue. Dieses Mal geht es gar nicht um Demut und Reue, sondern um Anstand. Um den einfachen menschlichen Anstand, den sich einer wie Robu in seinem erfüllten Leben von über 60 Jahren sicherlich auch aneignen konnte. In der Schule von Bocsig, seinem Heimatdorf, als Student, Professor und späterer Rektor der Temeswarer TU, als Parteivorsitzender der Liberalen im Kreis Temesch, als Senator im Parlament Rumäniens. Sein Lebenslauf ist so lang, seine Leistungen so brillant, dass ihm der Anstand allen Erfolgen zum Trotz nicht fehlen dürfte. Und dass er den Anstand, die Würde des Amtes, nicht verlieren darf. Auch wenn ihn normale Bürger kritisieren oder ihm einfach nur Fragen stellen, genau über das Medium, das er selbst so ausgiebig zu nutzen weiß. Aber die krude Realität ist die, dass dem Mann gerade dieser Anstand irgendwann nach 2012 abhanden gekommen ist. Eine richtige Amtswürde scheint er eh nicht entwickelt zu haben.

Facebook beweist eindringlich, dass Anstand heutzutage Mangelware geworden ist. Dass auf Facebook und im Internet im Allgemeinen alles erlaubt ist, dass jeder sagen darf, was ihm durch den Kopf geht, auch wenn er nur der Dorfdepp ist und im Grunde nichts zu melden hat, daran hat man sich schon gewöhnt. Dass jetzt Facebook dazu dient, dass selbstverliebte Politiker die Bürger zurechtweisen, das allerdings dürfte neu sein. Aber keineswegs verwunderlich. Verwunderlich wäre, wenn die Gesellschaft Abwehrmechanismen erzeugen würde, wenn Politiker und einfache Bürger lernen würden, dass die Benutzung von sozialen Medien nicht mit dem Verlust des elementaren Anstandes einhergehen muss und dass solche Fehltritte wie das „De aia!“ des Bürgermeisters Robu nicht ignoriert oder gar gelobt werden müssen, sondern im Gegenteil. Letzten Endes quält mich ein Gedanke: Ecos letztes Buch muss unbedingt ins Rumänische übersetzt werden. Warum? De aia!

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