Büro im Rucksack, Wohnsitz: Planet Erde

Die Rückkehr der Nomaden im Zeitalter der Digitalisierung

Freitag, 14. September 2018

Sie ziehen durch die Länder, ohne festen Wohnsitz, keine festen Werkstätten, Vagabunden ohne Bleibeabsicht. Ihre Arbeit reist mit ihnen. Sie sind überall und nirgendwo zu Hause. Auch in Rumänien -  manchmal - eine Zeit lang. Sie gehören zu einer Generation, die den Fortschritt der Technik nutzt, um einen mobilen Lebensstil wiederzuerwecken, der in den westlichen Industriestaaten mit ihren sesshaften Gesellschaften längst ausgestorben war. Doch diese Nomaden reisen nicht mit Vieh und Jurte, sondern mit Notebook und Smartphone ...

Sie nennen sich digitale Nomaden, nutzen digitale Kommunikationstechnologie, damit sie von unterwegs aus arbeiten können. Sie reisen immer - nicht nur im Urlaub. Erfolgte Arbeitsmigration zur Sicherung des Lebensunterhalts bisher unter wirtschaftlichem Zwang, wird das Pferd heute von hinten aufgezäumt. Digitale Nomaden drehen den Spieß einfach um: Im Vordergrund steht die Entscheidung für  Mobilität und Reisen und der Beruf muss diesem Leben gerecht werden.

Die Technik macht’s möglich

Remote Worker (Fernarbeiter) reisen nicht mit dem Wetter, sondern mit der Cloud (Wolke). Die Cloud bezeichnet einen Online-Speicherplatz, auf den mittels Internetverbindung zugegriffen werden kann. Die Daten werden auf einem Server abgelegt und können dort von jedem, der die Zugangsdaten hat, abgerufen werden. Genau so können auch Computerprogramme komplett auf Servern gespeichert und von   beliebigen Orten aus angesteuert und bedient werden. Diese sogenannten webbasierten Technologien machen es somit möglich, firmeninterne Software auch außerhalb des Betriebsgeländes zu verwenden. Jeder Job, der mit einem Computer erledigt werden kann, ist also – zumindest theoretisch - von jedem internetfähigen Ort der Welt ausführbar. Aber eben nur theoretisch. Unternehmens- und Arbeitskulturen sind häufig noch zu weit davon entfernt - technisch als auch mental. Zum einen stellt sich die Frage nach einer ausreichenden Medienkompetenz seitens Arbeitgeber und Arbeitnehmer, zum anderen sind viele dieser Technologien relativ jung und weisen Schwächen in Daten- und Softwaresicherheit auf. Deshalb tummeln sich unter den digitalen Nomaden überwiegend junge Leute, „digitale Eingeborene“.

Als solche bezeichnet man die Generation, die mit digitalen Kommunikationstechnologien, speziell Computer und Internet, aufgewachsen ist. Die Sozialisierung in einer vernetzten Welt mit einer riesigen Informations- und Interaktionsdichte, hat auch ihre Kommunikationsweisen und Weltbilder stark beeinflusst.

Der Forscher Don Tapscott beschriebt sie als  progressiv, tolerant, kollaborativ, Transparenz fordernd und mit einem  großen Verlangen nach Integrität und Wahlfreiheit, vor allem in Sachen Arbeit.

Typische Berufe

Softwareentwicklung, Webdesign und jegliche Art der Gestaltung digitaler Medien gehören zu den typischen Branchen, die für ortsunabhängig arbeitende Fachkräfte attraktive Jobs bieten. Für Quereinsteiger bieten sich Jobs an, die sich mit der inhaltlichen und strategischen Ausrichtung dieser Medien beschäftigen: Marketing und Verkauf, Kundenberatung, virtuelle Assistenz, Übersetzung, Datenanalyse sind prädestinierte Tätigkeiten für einen Einstieg in die virtuelle Arbeitswelt. So ist z.B. das Schreiben und Planen von Werbetexten ein beliebter Beruf unter digitalen Nomaden. Außerdem sind viele im Online-Handel oder als  Online-Berater tätig, machen sogar sich  und ihren Lebensstil zur Marke und generieren über die Kanäle sozialer Medien - Facebook,Twitter, YouTube und Co - eigene Werbeeinnahmen. Diese Märkte werden irgendwann erschöpft sein.  Doch die Digitalisierung lässt ständig neue Arbeitsplätze und -formen entstehen, deren Entwicklung von der Gemeinschaft der digitalen Nomaden gefördert wird. Sie revolutionieren die Arbeitswelt, wie die Gründer der ersten Plattform für ortsunabhängige Jobs im deutschsprachigen Raum (www.dnxjobs.de) es sich auf die Fahnen geschrieben haben.

Vom Briefkasten- zum Weltbürger

Damit das Potenzial dieser digitalen Pioniere nachhaltig und gesellschaftlich sinnvoll genutzt werden kann, müssen sich aber auch öffentliche Institutionen auf die Bedürfnisse dieser Generation einstellen. Sie sind derzeit weit davon entfernt, „nomadenfreundlich“ zu sein. Hier steckt die Globalisierung noch nicht einmal in den Kinderschuhen. Freiwillig dauerhaft Wohnsitzlose – so etwas kennt unser staatliches Verwaltungssystem nicht. Ein Konto eröffnen oder ein Gewerbe führen ist ohne eine Meldeadresse kaum möglich und mit einer Meldeadresse ohne regelmäßige Eigennutzung der Wohnung stößt man in Deutschland sogar an die Grenzen der Legalität. Es wird sich noch einiges tun müssen, bis aus diesen Briefkastenbürgern anerkannte Weltbürger werden.

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