Bukarester Germanistik hat Multiplikatorenfunktion

„Die Bedeutung von Bukarest als der wichtigsten Universität des Landes liegt auf der Hand“

Mittwoch, 01. März 2017

Foto: Philipp.Kimmelzwinger@br.de

Anfang Dezember stattete Prof. Dr. Gertrud M. Rösch (Universität Heidelberg) der Bukarester Germanistik einen Besuch ab, in dessen Rahmen sie einen Vortrag zum Thema Bernhard Kellermann „Die Stadt Anatol“ hielt und einen Workshop „Industrie und Wirtschaft in der Romanliteratur des 20. Jahrhunderts“ veranstaltete. Prof. Rösch hielt sich in Bukarest im Rahmen der Germanistischen Institutspartnerschaft (GIP) zwischen dem Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie (IDF) der Universität Heidelberg und den rumänischen Germanistiklehrstühlen der Universitäten Bukarest, Konstanza und Suceava auf. Über die langfristigen Ziele des GIP-Projekts sprach sie mit der deutschen Wissenschaftlerin Sabine Pleşu (DAAD) und Ioana Cusin (Universität Bukarest).

Seit 2015 besteht zwischen dem Lehrstuhl für Germanistik der Universität Bukarest (Konstanza und Suceava) und dem IDF Heidelberg eine vom DAAD geförderte Germanistische Institutionspartnerschaft (GIP), die vor allem zur Stärkung der deutschen Sprache hierzulande beitragen soll. Wie kam es dazu und wieso hat man sich gerade für Bukarest entschieden?

Zunächst einmal möchte ich das IDF als diejenige Institution der Universität Heidelberg charakterisieren, die vor allem zuständig für die Ausbildung ausländischer Studierender in den Bereichen Linguistik, Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft ist. Unser Anteil ausländischer Studierender im Bachelor macht über 50 Prozent aus. Das Ziel dieser Studierenden ist, die Methodik und die Technik zu erlernen bzw. zu studieren, um im Ausland dann Deutsch auf einem hohen Niveau zu vermitteln, das heißt im Rahmen der Erwachsenenbildung oder an den Universitäten.
Wenn man am IDF studieren will, muss man schon Sprachkenntnisse auf Niveau C1 mitbringen, das heißt Sprache vermitteln wir selber nicht, sondern wir vermitteln die Methodik und die Didaktik. Außerdem haben wir einen weiteren, neben der Didaktik, berufsqualifizierenden Bereich, nämlich die interkulturelle Kommunikation, und dieser Studiengang richtet sich an Studierende, die später sowohl in Institutionen oder Firmen im Ausland, als auch in internationalen Firmen in Deutschland tätig werden wollen.

Es ist also ein Institut, dass den Akzent klar auf sprachliche Bildung und Sprache als Beruf legt und dafür ist die Partnerschaft mit Rumänien zentral. Rumänien hat sich in den letzten 20 Jahren aus mehreren Gründen hervorgetan: Es ist ein Land mit einer hervorragenden Tradition der deutschen Sprache und des Deutschlernens, es gibt durch die Gruppe der Rumäniendeutschen einen stark ausgeprägten Bezug zu Deutschland und - last but not least– hebt es sich durch die rumäniendeutsche Literatur hervor, die dann durch den Nobelpreis für Herta Müller noch einmal stärker ins Auge der Öffentlichkeit gerückt wurde. Die Bedeutung von Bukarest als der wichtigsten Universitäten des Landes liegt auf der Hand. Wir waren sehr erstaunt herauszufinden, dass es keine GIP-Partnerschaft mit dieser Universität gibt. Wir haben einfach die Chance und die Gelegenheit ergriffen, sie zu begründen.

Welches sind denn die wichtigsten Zielsetzungen, die im Rahmen des GIP-Programms verfolgt werden?

Es geht dabei um die Mobilität in beide Richtungen, das heißt auf der Ebene der Studierenden und der Kollegen und Kolleginnen nach Deutschland oder nach Rumänien, um die Verhältnisse vor Ort und das Kollegium kennenzulernen und natürlich zu identifizieren, wo Nachfrage besteht und wo beiderseits noch unterstützt werden kann.
Zweitens ist die Fortbildung von rumänischen Kollegen und Kolleginnen in Heidelberg wichtig. Das erfolgt durch Hospitationen, Gespräche und persönliche Kontakte mit den Kollegen und Kolleginnen am IDF, sowie mit weiteren Wissenschaftlern in Heidelberg. Neben dem IDF gibt es auch eine große Germanistik, die voll ausgebaut ist und an der ihrerseits auch Ansprechpartner vorhanden sind. Als dritten Punkt möchte ich das Netzwerk nennen. Gemeint ist hier das Netzwerk für spätere Kooperationen oder auch für wissenschaftliche Projekte. Wenn also junge Kollegen und Kolleginnnen beruflich an der Universität angekommen sind, steht die Weiterbildung zur Entwicklung eigener Schwerpunkte und eigener Themen im Vordergrund. Hierfür sind Netzwerke und internationale Kooperationen von enormer Bedeutung, welche im Rahmen einer GIP gut angeleitet werden.

Welche Zielgruppen spricht das Programm dieser Partnerschaft auf deutscher und rumänischer Seite an?

Vor allem Studierende des Masterstudiengangs. Denn Heidelberger Studierende aus dem Masterstudiengängen können bereits als Praktikantinnen und Praktikanten nach Bukarest kommen und hier an den sprachpraktischen Kursen der Germanistik mitwirken, wie auch umgekehrt Bukarester Master-Studierende einen Forschungsaufenthalt in Heidelberg durchführen können. Im Bereich der Kollegen betrifft das alle, die sich interessieren und Themen haben, die sich im Laufe eines Austauschversuches verwirklichen lassen.

Was ist auf Doktorandenebene geplant?

Doktoranden sind die oberste Stufe der universitären Vorbereitung auf den wissenschaftlichen Beruf und es ist für sie besonders wichtig, in Kontakt mit den führenden Wissenschaftlern im Bereich ihres jeweiligen Themas zu kommen. Das muss nicht unbedingt ein Kollege in Rumänien sein, das kann auch ein Kollege in Leipzig, Regensburg, Mainz oder in Heidelberg sein. Die Kontaktschließung ist schon in diesem frühen Stadium einer wissenschaftlichen Karriere sehr wichtig, weswegen es von enormen Vorteil ist, schon früh auf Konferenzen und im wissenschaftlichen Betrieb gut vernetzt zu sein. Dazu ist eine GIP ein guter Ansatz.

Könnte man das vielleicht mit den deutschen Doktorandenschulen vor Ort verbinden?

Mit Sicherheit kann man das mit dem internationalen Doktorandenkolloquium, das die Kollegen der Universität Mainz-Germershain, wo die Übersetzerfakultät der Uni Mainz angesiedelt ist, verbinden. Jährlich findet hier ein zweitägiges internationales Kolloquium im Mai statt, bei dem die Doktoranden und Doktorandinnen aus Mainz-Germershain gemeinsam mit den Doktoranden und Doktorandinnen aus dem IDF ihre Arbeiten erstmals vorstellen und diskutieren. In diesem Rahmen findet ein Plenarvortrag eines Doktoranden statt, der inzwischen abgeschlossen und beruflich eingestiegen ist.

Gefördert wird außerdem auch die Doppelbetreuung der Dissertationen. Welche Vorteile ergeben sich denn daraus?

Die Doppelbetreuung ist eindeutig mit wissenschaftlichen Vorteilen verbunden. Denn eine Dissertation sollte von denjenigen Kolleginnen und Kollegen betreut sein, die in diesem Feld selbst forschen. Und oftmals ist das an einer anderen Universität besser gegeben als an der eigenen Universität.

Kann man über eine gewisse Tendenz diesbezüglich sprechen? Werden in Deutschland immer mehr Dissertationen doppelbetreut?

Tatsächlich! Man muss aber zwischen den formellen Doppelbetreuungen, den sogenannten cotutelle-Verfahren und einer informellen Doppelbetreuung unterscheiden. Im letzten Fall verbringen Doktoranden und Doktorandinnen mehrere Monate an einer anderen Universität, knüpfen Kontakte und recherchieren. Die Dissertation reichen sie aber nur an der Heimatuniversität ein. Es gibt wie gesagt eine Tendenz diesbezüglich, aber das Verfahren ist momentan nicht sehr häufig. Bei der Universität Heidelberg nutzen zum Beispiel besonders viele chinesische Studierende diese Möglichkeit aus, da sie durch ihre Stipendien ein oder zwei Semesteraufenthalte erwerben und somit recherchieren können.

Zu den wichtigen Hürden, die die rumänische Germanistik nehmen muss, gehören zum Beispiel die nachlassenden Sprachkompetenzen der Studienbeginner. Die Bukares-ter Germanistik beispielsweise hat sich darauf eingestellt, auch im Hauptfach Studienanfänger ohne Vorkenntnisse aufzunehmen und diesen, während des Studiums, neben den fachwissenschaftlichen Inhalten, auch die sprachlichen Kompetenzen zu vermitteln. Wie unterstützt die GIP, bzw. die Uni Heidelberg das Bukarester Uni-Personal diesbezüglich?

Vor allem durch Kontakte zu unserer sehr gut ausgebildeten Didaktik am IDF. Es ist nicht die Regel, dass die Universitäten in Baden-Württemberg didaktische Veranstaltungen anbieten. Dafür sind eigentlich die pädagogischen Hochschulen zuständig. Eine solche gibt es zwar in Heidelberg, aber da das IDF Auslandsstudierende ausbildet, die dann wiederum im Ausland tätig sein sollen, haben wir eine eigene Didaktik des Deutschen als Fremdsprache ausgebildet. Eine Literaturwissenschaftlerin und ein Sprachwissenschaftler erklären, wie man einen grundständigen Sprachunterricht an der Universität mit Nullanfängern durchführen kann. Es geht um die Lehrwerkanalyse, die Unterrichtsanalyse, um die Vorbereitung eines didaktisch transparenten und auch modernen Unterrichts, und dafür gibt es in Heidelberg hervorragende Möglichkeiten. Des weiteren existiert seit 50 Jahren der internationale Sommerkurs, der jedes Jahr im August an der Universität Heidelberg stattfindet. Dieser dauert 4 Wochen und hat ein intensives Fortbildungsprogramm auf allen Ebenen, d.h. er beginnt mit dem Sprachunterricht von der Nullanfängerebene bis zur Fortgeschrittenenebene und besteht aus literaturwissenschaftlichen, sprachwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Fachkursen, sowie den Fortbildungskursen für Lehrkräfte aus aller Welt.

Im Rahmen dieser GIP ist auch der neue Masterstudiengang „Deutsch als Fremdsprache - Didaktik“ an der Bukarester Germanistik geplant. Inwiefern unterstützt Heidelberg die rumänischen Kollegen dabei, diesen Studiengang aufzubauen und zu etablieren?

Wir können bei der Organisation des Curriculums helfen und wir können mit ihnen diskutieren, welche Komponenten in einem solchen Curriculum vertreten sein sollten, um es zu einem attraktiven Studiengang zu machen.

Welche Rolle übernimmt Bukarest in dieser Partnerschaft?

Als Universität mit dem höchsten Studierendenanteil, die in der Hauptstadt angesiedelt ist, hat diese eine vermittelnde Rolle, insofern sie auch als Multiplikator dasteht. Aus diesem Grund haben wir hier ein Kompetenzzentrum eingerichtet, an dem Fortbildungen stattfinden, an denen die Kollegen und Kolleginnen aus den anderen Universitäten (im Moment handelt es sich dabei um Konstanza und Suceava) teilnehmen sollen. Die Kollegen und Kolleginnen aus den anderen Universitäten sind auch in den Austausch mit Heidelberg eingebunden. Das heißt, sie werden auch für einmonatige Aufenthalte in Deutschland eingeladen, um sich dort fortzubilden und zu recherchieren.

Welche Schritte sind in Bezug auf die Partnerschaft in den kommenden Jahren noch geplant?

Es heißt zwar „never change a winning team“, wir wollen aber eigentlich expandieren, sodass auch weitere Universitäten wie Bra{ov und Craiova in diesen momentan auf drei beschränkten Verbund aufgenommen werden sollen. Somit wäre die Multiplikatorenfunktion von Bukarest noch ein Stück weitergefragt und der Austausch würde sich mit diesen Universitäten viel direkter vollziehen.

Was erhoffen Sie sich von dieser Partnerschaft?

Von der rumänischen Seite bleiben fast keine Wünsche offen, von der deutschen Seite schon einige. Ich wünsche mir, dass unsere Studenten mutiger wären und sich öfter entschlössen, nach Bukarest zu kommen und hier auch als Praktikanten tätig zu sein. Wenn man diese Stadt, wie ich, zum ersten Mal erlebt, dann kann man sie mit nichts anderem vergleichen, sei es als Metropole eines Landes, sei es als Stadt mit einer so ungewöhnlichen Geschichte, die dann 1989 in damals nicht vorstellbaren Vorgängen eines gewaltsamen Regierungswechsels kulminiert. Wenn man zum ersten Mal nach Bukarest kommt, merkt man, wie viele weiße Flecken unser Geschichtswissen hat. Deswegen würde ich dieses Erlebnis unseren Studenten wünschen, dass sie das früh genug kennenlernen und sich somit ein Bild von einer Gesellschaft machen können, die einen Umbruch erfolgreich bewältigt hat. Andere Länder haben das nach 1989 nicht geschafft.

In Rumänien kann man aber eine Erfolgsgeschichte studieren. Von der Partnerschaft wünsche ich mir auch mehr Möglichkeiten zur Vernetzung, denn wir sind nicht die einzigen Akteure, die im Bereich der deutschen Sprache und Kultur aktiv sind. Es gibt die Österreich-Bibliotheken und die österreichischen Lektorinnen und Lektoren vor Ort, es gibt rege Beziehungen zu anderen Kulturinstitutionen und dem Pädagogischen Austauschdienst.
Ich würde mir wünschen, dass wir eine Partnerschaft werden, die die ganze Germanistik in Rumänien auch langsam in den Blick nimmt, indem wir uns mit Kolleginnen und Kollegen vernetzen, die nationale Konferenzen organisieren. Wir hoffen hier 2018 anlässlich der rumänischen Germanistikkonferenz neue Kontakte zu knüpfen und neue Themen ausfindig zu machen. Das wäre ein wichtiges Anliegen für die GIP, die nicht nur in dieser Elfenbeinturm-Institutspartnerschaft verharren soll.

Frau Rösch, wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Zukunft der Germanistik als Studienfach allgemein?

Ich werde sehr oft gefragt, ob die Germanistik nicht ein Fach sei, das mehr oder weniger im Abnehmen ist. Auf gar keinen Fall! Die Zahlen der Sprachlerner nehmen weltweit zu, in einem ganz eklatanten Maße. Das hat auch mit den Berufsmöglichkeiten zu tun, die deutschsprachige Länder nach wie vor bieten. Die Germanistiken müssen sich also ein Stück weiter wandeln und sich zu mehr beruflichen Kompetenzen öffnen. Hierhin gehören Themen wie Fachsprachen oder  Übersetzungswissenschaften. Sie müssen etwas tun, was die Uni Bukarest bereits getan hat: Sie müssen Nullanfänger aufnehmen können.

Frau Rösch, vielen Dank für das Gespräch!


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