Casa Prispa - Tradition auf hochmodern

Rumänisches Studententeam entwirft Solarhaus für internationalen Wettbewerb in Madrid

Montag, 06. August 2012

Die geräumige Veranda vor dem Eingang – Kernstück von Casa Prispa – hat man sich von den Holzhäuschen der Bukowina abgeguckt...

...während die futuristische Hinterfront gegen Wind und Wetter schützt und ungeahnt viel Stauraum bietet.
Fotos: George Dumitriu

Lichtdurchflutet und geräumig – reizvoll auch die Empore und die lehmverputzte Wand.
Foto: Cosmin Dragomir

Adrian Pop erklärt die Funktionsweise der „selbstatmenden“ Wand.
Fotos: George Dumitriu

Die Begeisterung an dem Projekt schweißt die Studenten stark zusammen. Viele haben sogar Ärger mit ihren Eltern, die so viel selbstlosen Einsatz nicht verstehen...
Foto: privat

Auf den ersten Blick wirkt es nüchtern, doch das kleine Häuschen, das bis zum 7. August auf dem Parkplatz des Einkaufzentrums Leroy Merlin auf der Şoseaua Chitilei bestaunt werden kann,  hat es in sich: nicht nur, dass es, wenn die Sonne scheint, mithilfe von Solarzellen seinen eigenen Strom erzeugt, oder aber passiv durch seine  günstige Ausrichtung, seine bizarr wirkende Form, die kluge Aufteilung von Nutz- und Wohnraum,  optimale Isolierung, wärmespeichernde Steine im der Veranda-Seite zugewandten Zimmer und einem „intelligenten“ Innenverputz, der Feuchtigkeit zum richtigen Zeitpunkt aufnimmt und wieder abgibt, sowohl Hitze wie auch Kälte die kalte Schulter zeigt. High Tech, made in Romania.

Eine Weltneuheit, wenn auch derzeit noch fast gänzlich unbekannt... Denn das Licht der großen weiten Welt wird das Ideenkind der etwa 50 Mann starken Studentengruppe – seiner Erfinder, die bereits seit Januar 2011unermüdlich daran tüfteln – erst im September  erblicken, wenn es auf dem internationalen Wettbewerb Solar Decathlon 2012 in Madrid vorgestellt wird.

Es ist das erste Mal, dass eine rumänische Gruppe an dem aus den USA initiierten Wettbewerb zur Konstruktion von energiesparenden, energieerzeugenden Solarhäusern teilnehmen wird.  Den Anstoß lieferte Pierre Bortnowski, ein in Bukarest lebender, französisch-rumänischer Architekt aus Belgien, der 2010 dem Solar Decathlon  beiwohnte und die Idee an rumänische Studenten weitergab.

Der Wettbewerb, an dem in diesem Jahr 47 Teams aus aller Welt vertreten sein werden, richtet sich an Universitäten, wobei auch mehrere Gruppen aus einem Land teilnehmen können. In Rumänien schlossen sich hierfür die Fakultäten für Architektur, Kunst, Geografie, Meteorologie, Hydrologie und Politische Wissenschaften von insgesamt fünf Bukarester Universitäten in einer NGO zusammen. In mehreren Vorausscheidungen, in denen Ideen und Pläne eingereicht wurden, gelang es ihnen, sich bis zur Endrunde zu behaupten. Dies bedeutet, dass ihr Werk bald Stück für Stück auf sechs Lastwägen verladen wird und in die spanische Hauptstadt reist, wo es zusammen mit all den Konkurrenten im Stadteil Villa Solar für den Wettbewerb vom 14. bis 30. September aufgebaut wird.

Casa Prispa

Casa Prispa – deutsch: das Verandahaus – soll dort auf der Basis von zehn Kriterien mit Konkurrenten aus aller Welt verglichen werden. Es zählen zum Beispiel Energieverhalten, Architektur, Komfort, Strategie, ökologische Aspekte und die Erschwinglichkeit des Produkts für potenzielle Kunden. Die Erfinder beabsichtigten zudem einen Bezug zur traditionellen Bauweise und wählten hierfür die in vielen Regionen des Landes übliche, längsseitige Holzveranda in der Eingangsfront aus – „prispa“ auf rumänisch, was bewusst nicht ins Englische übersetzt wurde.

So bestimmt die geräumige Veranda nicht nur einen Teil des energetischen Verhaltens des Holzhäuschens, sondern auch dessen eigenwillige Form. Asymmetrisch, mit auf der Nordseite bis zum Boden heruntergezogenem Dach, wirkt es fast winzig auf den ersten Blick. Doch der lichtdurchflutete, hohe Wohnraum mit Wohnküche, Schlaf-Arbeitsraum, Bad und Empore – für Bibliothek und Leseplatz zum Beispiel – erweist sich als erstaunlich großzügig.  Eine moderne Alternative zum traditionellen Holzhaus soll Casa Prispa aufzeigen, und gleichzeitig beweisen, dass man dafür keine pinkfarbene zweistöckige Villa mit Edelstahlbalustrade und Kunststofffenstern in die Landschaft klotzen muss, erklärt Architekturstudent Adrian Pop, der sich im Projekt mit Fundraising und Kommunkation befasst.

Koordination und Fundraising

Die größte Herausforderung am Anfang, erklärt uns der junge Mann im Café des nahegelegenen Einkaufszentrums, war die Koordination der mittlerweile über 50 an dem Projekt beteiligten Studenten. „Vor allem in der Anfangsphase, wo man viel Grundsätzliches diskutieren muss, hätte es nicht gereicht, sich einfach abends nach dem Job oder nach den Vorlesungen zusammenzusetzen“, gab er zu bedenken.

So kam es, dass sich die ganze Truppe kurzerhand für ein paar Tage in die Berghütte eines Kommilitonen in Argeş zurückzog, um Ideen auszubrüten. Der arbeitsreiche Kurzurlaub brachte nicht nur die gewünschte kreative Atmosphäre, sondern veränderte für viele auf einen Schlag ihr Studentenleben. Wer vorher in der fremden Hauptstadt auf sich allein gestellt war, hatte auf einmal eine Clique, mit der man jederzeit etwas unternehmen konnte: Ausflüge, Geburtstage feiern, um die Häuser ziehen. Freundschaften entstanden, vertieften sich – man traf sich ja ständig auf der Baustelle.

Damit die Koordination nicht zu schwierig wird, unterteilte sich die Mannschaft in Gruppen mit spezialisierten Teilaufgaben. Adrian, der für Sponsorenkontakte zuständig ist, erzählt von ihren allerersten Schritten. „Wir haben eine Konferenz organisiert, mit Informationen zu unserem Projekt, und anschließend mit jedem interessierten Sponsor ganz konkret allein verhandelt.“

Zu den Geldgebern gehören nicht nur rumänische Firmen, sondern auch ausländische, die wohl Werbepotenzial in dem Projekt erkennen. So stammt das Spezial-Dachblech aus Österreich, die Sonnenkollektoren aus Italien, aber auch kleine Baufirmen aus dem Szeklerland beteiligten sich. „Die italienische Firma hat uns sogar einen Installateur geschickt, der uns in die Montage der Solarzellen einwies“, begeistert sich Adrian Pop.

„Obwohl es auch in Italien ein Solar Decathlon Team gibt, haben sie sich entschlossen, uns Rumänen zu unterstützen!“ Ob sie keine Angst vor  ‚Industriespionage‘ hätten? Adrian schüttelt den Kopf.  „Die konkurrierenden Teams haben längst ihren eigenen Weg eingeschlagen. Selbst wenn jemandem ein Konzept von uns gefiele – man kann nicht einfach von heute auf morgen alles ändern.“ Wissenschaftliche Offenheit, sodass alle von allen profitieren, das ist die Devise, sogar im Austausch mit den anderen Teilnehmern, die man bei Vorentscheidungen traf.

High Tech, Luxus oder Ökohaus?

Was aber ist Casa Prispa nun eigentlich? High Tech oder Öko-Haus, modern oder traditionell, Luxus oder kostengünstig? In erster Linie ein Solarhaus, das im Sommer sogar Strom ans Netz abgeben könnte, vereint es von allem ein bisschen – eine Gratwanderung der Abwägungen, wie Adrian Pop präzisiert.

Wo möglich, bevorzugt das Team ökologische Materialien: verschiebbare Fensterläden aus laminiertem Holz, Wandpaneele aus formaldehydfreiem  Pressspan, Innenverputz aus Lehm rund ums Bad, für den Boden  einfaches Bretterparkett.

Aber auch „intelligente“ Baustoffe sind gefragt: der poröse graue Naturstein im Eingangsbereich, der die Wärme der Sonne durch die bis zum Boden reichende Fensterfront speichert; der feine graubraune Verputz, der Feuchtigkeit aufnimmt, wenn es kalt ist, und bei Wärme wieder freigibt, so dass die Wände unmerklich transpirieren und damit ihre Temperatur optimal regulieren:  fast wie ein Lebewesen. Weil sich das Team jedoch zur Aufgaben gemacht hat, ein in Rumänien erschwingliches Haus zu kreieren, spielt auch der Kostenfaktor eine wichtige Rolle. So verzichtete man auf Naturmaterialien bei der Isolation zugunsten von kommerziellen Paneelen.

Andererseits schreiben die Wettbewerbsveranstalter eine Reihe von elektrischen Haushaltsgeräten vor, die mittels Solarzellen betrieben werden müssen: Wäschetrockner, Elektroherd und andere Dinge, für hiesige Verhältnisse definitiv Luxus. Ansonsten werden minimalistische Lösungen angestrebt: Regale und Schränke sind platzsparend in die Wände eingelassen, der Stauraum für alles, was in der Wohnung keinen Platz findet - Fahrräder, Koffer, Kisten oder Winterklamotten – versteckt sich hinter dem heruntergezogenen Dach. In Madrid werden dort die Wassertanks untergebracht, denn auf dem Gelände gibt es keinen Wasseranschluss. Die Lage des Stauraums ist zudem wohldurchdacht: er isoliert den Wohnraum gegenüber der Wetterseite.

Wettlauf mit Geld und Zeit

Viele kluge Ideen auf so kleinem Raum haben dennoch ihren Preis: etwa 120.000 Euro, so die vorsichtige Schätzung von Adrian Pop, werden bei  der  Entwicklung des Häuschens wohl verbraten. Allein 20.000 stecken in der thermischen und sanitären Installation, der Klima- und Ventilationsanlage mit Wasserjet, dem Brauchwasserrecycler. Bis zum Endspurt werden noch dringend Sponsoren gesucht. Um den Transport nach Madrid zu finanzieren, wird Casa Prispa daher jetzt schon zum Verkauf angeboten:  für   50.000 Euro kann man das demontable und wieder aufbaubare Häuschen vorzeitig  erwerben und sich mit dieser Entscheidung nicht nur einen ewigen Platz an der Sonne sichern, sondern vielleicht sogar – Wohnen im World Champion des diesjährigen Solar Decathlon, made in Romania...

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