Ceausescu-Regime wollte die BRD-Millionen

Anwalt pokerte um die Rumäniendeutschen

Mittwoch, 02. Juli 2014

In den mehr als 20 Jahren, die Dr. Hüsch bundesdeutscher Verhandlungsführer war, hat er mit der rumänischen Seite sechs Ausreise- und zwei Reisekostenvereinbarungen geschlossen und über 300 Verhandlungen geführt. Dass sie geheim bleiben mussten, war eine rumänische Kernforderung. Im Bild (v.l.n.r.): Dr. Heinz-Günther Hüsch, Peter Leber, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Banater Schwaben und Ernst Meinhardt.

Für seine Verdienste um die Banater Schwaben wurde Heinz-Günther Hüsch mit der „Prinz-Eugen-Nadel“ ausgezeichnet. Sie ist die höchste Auszeichnung, die die Landsmannschaft der Banater Schwaben vergibt. Sein Diplom zur Ehrung zeigte er dem Publikum und blieb in Pose für die Fotografen.

Durch die Vereinbarungen konnte bis Ende 1989 fast eine Viertelmillion Deutsche aus Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen. Wie alles hatte auch das seinen Preis. Für die ausgereisten Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen flossen deutlich mehr als eine Milliarde D-Mark von Bonn nach Bukarest. Nach der Ehrung: Glückwunsch aus dem Publikum.
Fotos: Constantin Duma

Was Unfreiheit heißt, hat Dr. Heinz-Günther Hüsch als Jugendlicher leidvoll erfahren. In der Nazi-Zeit wurde er von Altersgenossen verprügelt, weil er, statt zu Treffen der Hitlerjugend zu gehen, in der katholischen Kirche als Ministrant diente. Er sei zwar kein guter Katholik, aber ein überzeugter, sagt Hüsch über sich. Und auch sonst tat er so einiges aus Überzeugung: 22 Jahre lang war Hüsch Verhandlungsführer der BRD für den Freikauf der Rumäniendeutschen. Die Vereinbarungen, die Dr. Hüsch mit der rumänischen Seite traf, verhalfen vielen Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen in die Freiheit. Statt in einem kommunistischen Staat leben zu müssen, konnten sie in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen. Sie tauschten damit Diktatur gegen Demokratie, Mangelwirtschaft gegen Wohlstand, Willkür gegen Rechtsstaatlichkeit, Gleichschaltung gegen Meinungsvielfalt, Unterdrückung gegen Freiheit.
BRD stellte das Geld für die Freiheit
Freikauf? Dr. Hüsch selbst mag diesen Begriff nicht. In Anlehnung an den Freikauf politischer Häftlinge aus der DDR werden auch die Ausreisevereinbarungen, die Dr. Hüsch mit der rumänischen Seite als „Freikauf“ bezeichnet. Es habe sich bei seinen Bemühungen um Kauf von Freiheit und Entlassung in die Freiheit gehandelt. „Es war eine große humanitäre Aktion, nicht um Personen zu kaufen, sondern um solchen, die in Unfreiheit lebten, die Freiheit zu ermöglichen angesichts der damaligen Bedingungen im Ostblock und besonders in Rumänien“, sagt der heute 84-Jährige. Zu Situation und Werdegang der Deutschen in der Nachkriegszeit spricht Hüsch von „tüchtigen Deutschen, darunter manche, die durch ihr Wirken der gesamten Menschheit gedient haben. Und noch mehr ihrem Land, Rumänien. Sie hätten die Dankbarkeit des Staates, in dem sie lebten und auch glücklich gewesen waren, erwarten dürfen. Statt dessen lud das unselige politische System kollektive politische Verantwortung auf sie ab. (...) Das System entwurzelte willkürlich Familien aus ihrer angestammten Heimat und siedelte sie zwangsweise um. Enteignungen, Vertreibungen, Verweigerung der bürgerlichen Rechte, viele Benachteiligungen und geheimdienstliche Nachstellungen folgten.“
Es war eine Gratwanderung in vielerlei Hinsicht, was Heinz-Günther Hüsch in den mehr als zwei Jahrzehnten bei seinen Verhandlungen mit dem rumänischen Geheimdienst Securitate erlebte. Ausdauer und Engagement der Bundesrepublik Deutschland haben die Ausreise von fast einer Viertelmillion Rumäniendeutschen bewirkt. Die beiden Bewertungen „Ausdauer“ und Engagement“ treffen jedoch vor allem auf den Rechtsanwalt und langjährigen CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Heinz-Günther Hüsch zu, der in all den Jahren alleiniger bundesdeutscher Verhandlungsführer geblieben ist. 
Strohmänner am Verhandlungstisch 
Als Dr. Hüsch im Januar 1968 von der Bundesregierung offiziell den Auftrag erhielt, mit Rumänien über die Familienzusammenführung zu verhandeln, war er 38 Jahre alt. Zu dem Zeitpunkt war er Abgeordneter im Landtag von Nordrhein-Westfalen und Chef einer Anwaltskanzlei in Neuss am Rhein. Obwohl ihm alle Bundesregierungen vertrauten, war er trotzdem meist auf sich selbst angewiesen. Sein direkter Ansprechpartner, Gerd Lemmer, Staatssekretär im damaligen Bundesministerium für Vertriebene, hatte ihm mit auf den Weg gegeben: „Sollte die Sache schief gehen – ich weiß von nichts und werde alles abstreiten.“ Das Risiko war deshalb so groß, da die bundesdeutsche Seite nicht wusste, mit wem sie es auf rumänischer Seite zu tun hatte. Erst zu Beginn der 1970-er Jahre war klar, wer die Männer waren, die Dr. Hüsch am Verhandlungstisch gegenübersaßen: Es waren Offiziere des Geheimdienstes Securitate, die mit Rückendeckung von ganz oben handelten. Was ihn letztlich angetrieben hat, sich fast ein Vierteljahrhundert lang für die Rumäniendeutschen einzusetzen, ist sein Glaube. „Ich war und bin der festen Überzeugung“, so Dr. Hüsch, „dass es ein christliches Werk ist, Gefangene zu befreien.“ Im gesamten Ostblock verboten nämlich die kommunistischen Regime allen die Freizügigkeit. Auch mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges „verschloss sich der Ostblock fast allen Forderungen, wenigstens die menschlichen Wunden zu schließen, die der Krieg geschlagen hatte“. (Hüsch). Dementsprechend weigerte sich auch Rumänien, getrennte Familien wieder zusammenzuführen, obwohl das Land sich in internationalen Verträgen, darunter in der 19. Rote-Kreuz-Konvention, dazu verpflichtet hatte. „Die Rumäniendeutschen habe ich als politische Gefangene betrachtet, als Menschen, die aus politischen Gründen festgehalten wurden,“ sagt Hüsch.

Hüsch: Securitate hat Interesse an meinem Wohlergehen Es war ein schwieriges Verhältnis zwischen den beiden Seiten, vor allem weil die Securitate Oberwasser haben wollte, auch wenn sie selbst im Namen ihrer Auftraggeber unbedingt die harte Währung aus dem Westen wollte. In den Verhandlungen, besonders in der Anfangsphase, musste sich Dr. Hüsch wiederholt einen ruppigen und rüden Ton gefallen lassen. Irgendwann wurde es so schlimm, dass sein Auftraggeber auf deutscher Seite ernsthaft mit dem Gedanken spielte, die Gespräche abzubrechen. Dr. Hüsch verhinderte dies mit: „Erstens bin ich Rheinländer. Wir sind durch nichts zu erschüttern. Zweitens geht es nicht um mich. Es geht um die Deutschen in Rumänien. Wollen wir wegen einer Empfindlichkeit, die bei mir nicht vorliegt, die vielleicht im Selbstbewusstsein einer deutschen Behörde vorhanden ist, wollen wir deswegen Menschenschicksale aufs Spiel setzen?“ Dr. Hüsch macht kein Hehl daraus, dass er lieber in Deutschland oder einer westeuropäischen Hauptstadt verhandelte. In Rumänien wurde alles abgehört. Seltsame Geräusche in seinem Bukarester Hotelzimmer waren ein untrügliches Zeichen dafür, dass irgendwo Abhörwanzen versteckt waren. Immer wieder hat die Securitate versucht, ihren bundesdeutschen Verhandlungspartner in kompromittierende Situationen zu manövrieren. Dr. Hüsch wehrte sie ab mit dem Konzept: „Die Securitate muss an meinem Wohlergehen ein Interesse haben. Sie muss mich heil nach Hause kommen lassen, sonst bekommt sie kein Geld. Darauf war sie doch erpicht. Sie wollte doch die Millionen.“
Dr. Hüsch kümmerte sich aber nicht nur um die Deutschen, die aus Rumänien ausreisen wollten. Seine Sorge galt auch denen, die nicht ausreisen wollten oder konnten. In geringerem Umfang ist es ihm gelungen, ihnen Hilfe zukommen zu lassen. Beispielsweise dadurch, dass er erreichte, dass Hilfspakete wieder ins Land gelassen wurden. Die großen Hilfsangebote, die Dr. Hüsch seinen rumänischen Verhandlungspartnern unterbreitete, wurden aber rundweg abgelehnt.
Und ein wenig Pikanterie zum Schluss: In dem einzigen Gespräch, das Anwalt Hüsch Ende der 1980-er Jahre mit Nicolae Ceau{escu in Bukarest führte, sagte der damalige Staats- und Parteichef, Rumänien brauche keine Hilfe. Es sei aber seinerseits bereit, den hungernden Bergleuten im Ruhrgebiet Hilfspakete zu schicken.
(Der Beitrag beruht auf dem Grußwort von Dr. Heinz-Günther Hüsch beim Heimattag der Banater Schwaben 2014 in Ulm sowie auf der Laudatio von Ernst Meinhardt (Deutsche Welle) auf Dr. Hüsch, als dieser mit der Prinz-Eugen-Nadel ausgezeichnet wurde.)

Kommentare zu diesem Artikel

Pfarrer Mag. Mathias Stieger, 08.07 2014, 22:24
Was Dr. Heinz Günther Hüsch als guter Katholik leider nicht beachtet hatte, ist die Tatsache,dass ein Christ, gerade auch in einer Diktatur, ein "innere Freiheit" hat. Das hätte Hüsch vom Apostel Paulus aus dem Neuen Testament lernen können.
Hüsch hat durch seine Kompromisse mit Vertretern einer Diktatur Einzelpersonen zwar geholfen, auch "befreit", aber gleichzeitig eine Gemeinschaft kontinuierlich geschwächt bzw. ein Kirche ruiniert.Das sollte nicht Aufgabe eines bekennden Katholiken sein.

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