Chinesische Gartenzwerge, Würste und Botox-Spritzen

Korruptionstourismus fasst Fuß auch in Rumänien

Dienstag, 15. April 2014

Gestaltet wurde der Rundgang des Schmiergeldes in Bukarest vom Journalisten Eugen Istodor (im Bild) mit der Unterstützung des Direktors des One World Romania Festivals, Alexandru Solomon.

Zu den Korruptionstouristen zählten auch (v.l.n.r.) der niederländische und der tschechische Botschafter.
Fotos: Aida Ivan

Heuer jährte sich das Filmfestival für Menschenrechte One World Romania zum siebten Mal. Abgesehen von den üblichen Veranstaltungen wie Filmprojektionen, Debatten und Werkstätten wurde auch ein ganz besonderer Stadtrundgang organisiert: Die Bukarester wurden eingeladen, an dem Rundgang des Schmiergeldes teilzunehmen. Der Reiseführer in die wohlbekannte, aber kaum sichtbare Welt der Korruption war der Journalist Eugen Istodor, der insgesamt sechs Korruptionsfälle präsentiert hat, bei denen die Täter im Gefängnis gelandet sind.

Es ist ein windiger, grauer Frühlingsnachmittag auf der Bukarester Piaţa Dorobanţi. Der Verkehr ist laut, hastig bewegen sich Menschen auf dem Bürgersteig. Vor einer Luxus-Bäckerei wartet ein Mann von mittlerem Alter mit einer ernsten Miene. Ruhig begrüßt er den Rest seines Teams – einen Volontär mit einem Plakat, auf dem „Der große Rundgang des Schmiergelds“ steht. Aus einem nagelneuen Audi steigt ein Mann aus und betritt die Bäckerei. Als er zurückkommt, wirft er flüchtig einen Blick in die Richtung des Plakats. Er weiß nicht, was das sein könnte, hat auch keine Zeit, das zu erfahren. Er steigt wieder in seinen blitzsauberen Audi ein und fährt weg.

„Korruption ist ein globales Phänomen, trotzdem wissen die meisten Menschen nicht, unter welchen Formen sie zum Vorschein kommt. Sie ist das einzige System, das in Rumänien gut funktioniert. Deshalb soll man mehr darüber erfahren. Wir zeigen den Menschen die Kulissen dieses Geschäfts“, beginnt Eugen Istodor, der bald einer Handvoll neugieriger Teilnehmer ein paar ausgewählte Episoden aus der jüngsten Geschichte der hiesigen Korruption erzählen wird. Gründlich recherchiert hat der Publizist monatelang, jetzt stellt er die Fakten mit Ironie und Humor dar. Die erste Episode der Serie spielt ein paar Meter weiter und trägt den Titel „Caltaboşul“ (Blutwurst).

Die Aktion „Caltaboşul“

Gegenüber von der Transilvania-Bank auf der Beller-Straße, zwischen Zeitungskiosken und glänzenden Geschäften, spitzen die Korruptionstouristen, darunter zwei Botschafter, ihre Ohren: Die erste dunkle Geschichte wird gerade erzählt. Eugen Istodor spricht über die Schmiergeldzahlung im BT-Café – 15.000 Euro, die vor ungefähr acht Jahren hinter den großen, durchsichtigen Fenstern abgelaufen ist, hinzu kommen Ţuica und Würste im Wert von 1500 Lei. Die Hauptfigur ist der damalige Landwirtschaftsminister Decebal Traian Remeş, der vom Geschäftsmann Gheorghe Ciorbă durch den Ex-Landwirtschaftsminister Ioan Avram Mure{an bestochen wurde. Die Kisten mit }uica und Würsten sind direkt zum Hause des Betroffenen in der Maramuresch geliefert worden, erklärt Istodor. Remeş sollte dafür sorgen, dass der Geschäftsmann eine öffentliche Ausschreibung gewinnt. Ciorbă hat die beiden verpfiffen, nachdem er selbst bei nächsten dunklen Geschäften ertappt wurde.

„Für die zwei Politiker war nur ihre Position wichtig und nicht das Ministerium, bei dem sie arbeiten. Es war eine Position, in der sie die Macht für den persönlichen Nutzen ausüben konnten“, erklärt Eugen Istodor. „Sehen Sie, wie groß diese Fenster sind – die zwei hatten überhaupt keine Angst, dass sie je angeklagt werden könnten“, fügt der Reiseführer hinzu. Eine 20-minutige Aufnahme sorgte für ihren Niedergang.

Istodor nennt andere Beispiele, die durch ihre Lächerlichkeit der Caltaboş-Affäre ähnlich sind, aber diesmal bezieht er sich auf Richterinnen: Eine Frau aus Ploieşti beklagte, dass sie mit einem zu schweren Pelzmantel bestochen wurde, der wegen des beträchtlichen Gewichts so gut wie nutzlos ist. Eine andere aus Piteşti wurde mit Botox-Spritzen geschmiert. Das hatte sich die Richterin eben gewünscht. „Alles, was diesen Menschen fehlt, können sie durch solche Transaktionen besorgen“, schlussfolgert Istodor, bevor sich die Gruppe auf den Weg zur nächsten Station macht.

Chinesiche Gartenzwerge und ein Selbstmordversuch

Die kleine Touristengruppe überquert die Calea Doroban]ilor und entdeckt 500 Meter weiter auf der Zambaccian-Straße, gegenüber dem Sitz der Konservativen Partei (PC), ein dreistöckiges braunes Haus. Zwei Etagen davon gehören Adrian Năstase. Hier hat auch das medienwirksame Spektakel mit der Festnahme und dem Selbstmordversuch des Ex-Regierungschefs stattgefunden. Der ehemalige Ministerpräsident wurde wegen Erpressung, Bestechungsdelikten und illegaler Parteifinanzierung zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt.

Istodor beginnt aber seine Geschichte mit Tante Tamara, der 92-jährigen Tante der Ehefrau Dana Năstase. Zur Freude der neugierigen Anwesenden kann er viele Einzelheiten nennen: „Es war eine einfache, ungebildete Frau, die angeblich Kunstwerke (Gemälde, Juwelen, Manuskripte aus dem 18. Jahrhundert) im Wert von 400.000 Dollar in ihrer Einzimmerwohnung sammelte“. Năstase hatte angegeben, dass er diese Geldsumme von Tante Tamara geerbt habe. Befunden wurde danach, dass die Beweise für einen Prozess nicht ausreichen.

Für den Wahlkampf brauchte Năstase eine große finanzielle Unterstützung. So hat er eine Sammelaktion von Geldern für den Wahlkampf 2004 als Tagung getarnt. Für das Symposium mussten die teilnehmenden Geschäftsleute 400 Euro Gebühr zahlen. Auf diese Weise sind in die Parteikasse ungefähr 1,6 Millionen Euro illegal geflossen: „Alle, die aus politischen Gründen in ihre Ämter in allerlei staatlichen Organisationen ernannt wurden, haben das mitfinanziert. Mit dem Geld wurden Objekte für die Wahlkampagne gekauft. Dieses Mal konnte sich Năstase nicht mehr mit Hilfe der Tante Tamara verteidigen“, schlussfolgert Istodor.

Als ein wachsamer Mann aus dem Sitz der Konservativen Partei kommt, um zu erfahren, was mit der Menschengruppe da vorne los ist, bekommen die Touristen die letzte blamierende Geschichte über Năstase zu hören, die der chinesischen Gartenzwerge. Angeklagt war Năstase, Bauunternehmerin Irina Jianu mit einer wichtigen Stelle in der Staatsverwaltung versorgt zu haben. Diese habe dafür Güter aus China (darunter auch Gartenzwerge) im Wert von mehr als 500.000 Euro transportieren lassen, damit die Wohnung in der Zambaccian-Straße ausgestattet wird. Steuern wurden keine bezahlt. Falls man die Gartenzwerge in der Zambaccian-Straße nicht sieht, keine Sorgen. N²stase besitzt mehrere Häuser, darunter ein Ferienhaus in Cornu.

Als Ausgang der erzählten Geschichten erklärt der Reiseführer die von N²stase benutzte Methode, damit er nicht die ganze Strafe im Gefängnis absitzt: „Er hat ein Buch über Rumänien und Europa geschrieben, auf diese Weise kam er früher frei. Wenn man einen Tag intellektuelle Arbeit leistet, dann werden zwei Tage von der Strafe gestrichen“. Inzwischen sitzt N²stase für weitere drei Jahre im Gefängnis.

Der Hokuspokus eines Pyramidenspiels

Die nächste Station im Rundgang des Schmiergeldes ist der etwas entfernter Quito-Platz, wo sich die Korruptionstouristen für eine Weile aufhalten, um mehr über das Pyramidenspiel namens FNI zu erfahren. „Caritas. Man gab einen Leu, man bekam 8. Es dauerte ein paar Jahre. Das ist in sich zusammengefallen. Niemand war daran schuld. FNI ist das zweite große Spiel, das den Menschen falschen Hoffnungen machte“, schildert Istodor den Zusammenhang, in dem sich das Geschäft entwickelte.

„Man schläft ruhig, FNI arbeitet für dich“ – und trotzdem ist das Geld der ungefähr 300.000 FNI-Investoren verschwunden. „Der Geschäftsmann Sorin Ovidiu Vântu hat die anderen genötigt, die Verträge zu unterzeichnen. Vântu hatte mehr Pech als Năstase: Als er hinter Gitter gelangte, hat er auch versucht, seine Strafe zu verkürzen. Das Buch, das er angeblich im Gefängnis geschrieben hat, umfasste mehr als 50 abgeschriebene Seiten. Sein Versuch, schneller wieder frei zu sein, scheiterte.“ Als der Journalist seine Erzählung fortsetzt, schauen sich die Zuhörer ein luxuriöses Haus mit Sauna und hohem Zaun an, das den ganzen Quito-Platz zu dominieren scheint.

„Ich will das Innenministerium haben“

Nicht weit entfernt von der letzten Station befindet sich auf der Aleea Alexandru der Klub „Select“, ein Ort der Korruptionsgeschichte, der dem Senator Cătălin Voicu Unglück gebracht hat. „Hier gibt es ein spezielles Zimmer, einen abgesicherten Raum, der nur mit Erlaubnis des Restaurantchefs betreten werden darf“, erklärt Istodor den Rahmen der Handlung. „Die klugen Jungs versammelten sich hier mit dem Senator“, fügt er weiter an und beginnt aus dem Abhörungsprotokoll den Senator zu zitieren: „Ich habe allen geholfen, und wo ich nicht helfen konnte, habe ich es in der Schwebe gelassen. Niemand wurde ins Gefängnis geschickt. Jetzt kommt die zweite Runde. Ich will das Innenministerium, verstehst du? Wenn ich das nicht bekomme, dann möchte nichts anderes. Nur so hat man die ganze Staatsanwaltschaft, die ganze Justiz in der Hand. In drei Jahren kann ich ein Netzwerk in Rumänien haben.“

Zur gleichen Zeit betrachten die verblüfften Korruptionstouristen das Gebäude von einem Ende zum anderen, als ob sie auf diese Weise die dargestellten Geschehnisse besser verarbeiten könnten. „Das Netzwerk konnte er nicht machen, vielleicht schafft er das im Gefängnis“, fügt der Publizist bitter hinzu und gibt Informationen über die nächste Korruptionsgeschichte.

Der Kämpfer des Lichtes und der goldene Christus in seinem Hof

Ohne Zweifel ist das Haus Becali in der Aleea Alexandru 1 ähnlich dem französischen Rodin-Museum, der Hauptunterschied zwischen den zwei prächtigen Bauten besteht aber im Gold: Becalis Haus weist Gold über jedem Fenster, Eingang und auf der Fassade vor. Außerdem wird das Haus von einem gekreuzigten goldenen Christus geschützt. „Der Hausherr ist aber nicht zu Hause“, erzählt Istodor über den Unternehmer, Politiker und Eigentümer des Fußballvereins Steaua Bukarest, George Becali. Er sitzt nämlich im Gefängnis. Mit dem Verteidigungsministerium hat er dunkle Geschäfte (Bodentransaktionen) betrieben und die Diebe seines Auto festgenommen. Ganz mutige Taten. „Im Gefängnis ist er aber ein Feigling: Becali hat durch alle mögliche Methoden versucht, eine mildere Behandlung im Gefängnis zu haben. Seine Versuche hat er mit allerlei Krankheiten begründet. Vielleicht  könnte er ein Buch schreiben“, erzählt der Journalist. „Aber er kann nicht schreiben“, fügt er danach hinzu.

„Crapul“ in der Regierung

Die letzte Station des Rundgangs ist die Regierung auf der Pia]a Victoriei. Neben dem U-Bahn-Eingang und diesmal vor der Kamera eines nationalen Fernsehsenders und unter einem bewölkten Himmel erzählt Eugen Istodor die letzte Geschichte der Korruptionstour. Das geschah 2002 während der Năstase-Regierung, der Fall Păvălache war eine der ersten Korruptionsaffären des jungen rumänischen Postkommunismus. „Wer hier ist, kann auch Transaktionen machen“, meint er. Es geht um den Regierungsberater Fănel Pavalache, der in flagranti ertappt wurde, als er 20.000 Dollar als Schmiergeld angenommen hat. Im Gegenzug hatte er dem Inhaber einer Firma versprochen, die Strippen zu ziehen, damit die Richter ein Urteil zugunsten der Firma fällen. Als die letzte Geschichte zu Ende war und der letzte Bösewicht des Korruptionsrundgangs hinter Gittern landet, verkündet der Journalist: „Präsentiert wurden sechs Arten, wie man stehlen, oder besser gesagt, wie man nicht stehlen soll, denn diese Methoden haben sich als nicht gut erwiesen.“ Will man also korrupt werden, muss man andere Wege finden.

-----------------------------------------------------------

Korruptionstour-Premiere

Während des diesjährigen Filmfestivals für Menschenrechte One World Romania wurde in der Hauptstadt eine besondere Präsentation abgehalten: Petr Sourek hat dem Bukarester Publikum sein Unternehmen vorgestellt. Der tschechische Geschäftsführer der Firma Corrupt Tour, erklärte dass sein Unternehmen das erste der Welt ist, das Korruptionsstadtrundgänge anbietet. Der Hauptsitz der Firma, die vor zwei Jahren gegründet wurde und seitdem mehrere Hundert Rundgänge in verschiedenen Sprachen angeboten hat, liegt in Prag.

Kommentare zu diesem Artikel

Manfred, 15.04 2014, 09:49
Womit man alles Geld verdienen kann!!!Traurig,das so etwas möglich ist.

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*