„Comedy Cluj“ zu Ende gegangen

Ein persönlicher Eindruck von Klausenburgs zweitgrößtem Filmfestival

Freitag, 30. Oktober 2015

Der polnische Regisseur und Schauspieler Jerzy Stuhr war der große Gewinner der siebten Auflage des Internationalen Filmfestivals „Comedy Cluj“. Sieben Jahre arbeitete er an dem Film „Bürger“ – wie er selbst sagt, eines seiner wichtigsten Werke und eine Abrechnung mit der neusten Geschichte Polens.
Foto: die Veranstalter

In den letzten Jahren hat sich das Filmfestival „Comedy Cluj“ zum größten Festival seiner Art in Europa entwickelt. An den zehn Tagen der siebten Auflage, vom 16. bis 25. Oktober, wurden über 200 Filme gezeigt. Weiterhin standen Theatervorführungen und Filmworkshops auf dem Programm. Neben vielen kleinen Filmfestivals und nach dem TIFF (Transilvania International Film Festival) ist „Comedy Cluj“ das zweitgrößte Filmfestival Klausenburgs/Cluj-Napoca. Ich mache mich am Donnerstag aus Hermannstadt/Sibiu auf den Weg nach Norden. Eingeladen hat mich Slim, ein Filmenthusiast, der kaum einen Filmabend, geschweige denn ein Festival der Stadt auslässt. Zwei Wochen zuvor waren wir gemeinsam beim „Astra Film Festival“ in Hermannstadt. Ein Festivalvollpass, mit dem er alle Filme sehen kann, ist für ihn dabei stets ein Muss. Kurz bevor ich im „Herzen Transsilvaniens“ ankomme, schickt er mir eine Nachricht. Er hätte sich kurzfristig dazu entschieden, beim koreanischen Abend den Film „A Werewolf Baby“ zu sehen. Deswegen treffen wir uns im Anschluss vor dem Victoria-Kino. Dort wird um sieben Uhr die österreichische Komödie „Der Vampir auf der Couch“ gezeigt, ein Film über den müden Vampirfürsten Graf Geza von Közsnöm, der im Wien der 30er Jahre Rat bei Sigmund Freud sucht.

Als ich kurz vor Aufführungsbeginn ankomme, ist in die Vorhalle kein Hineinkommen mehr und auch vor dem Kino warten noch unzählige Menschen. Ohne Presseakkreditierung oder Vollpass habe ich hier heute keine Chance mehr auf einen Platz. Der Film ist ausverkauft. Ich bin enttäuscht, aber auch verwundert und beeindruckt. Beim „Astra Film Festival“ war es selbst fünf Minuten vor Aufführungsbeginn kein Problem, ein Ticket zu bekommen. Die meisten Zuschauer hatten sowieso eine Presseakkreditierung um den Hals. Wie die Organisatoren trotzdem 70.000 Besucher zählten, ist mir seit dem Lesen der Pressemeldung ein Rätsel. Der erste Film muss nun zwar auf mich warten, doch es freut mich, dass die Filme  nicht nur vor zwei Dutzend Zuschauern gezeigt werden und das Festival offensichtlich gut angenommen wird. An den folgenden Tagen bestätigt sich dieser erste Eindruck. Selbst die Vorführungen um 11 und 14 Uhr sind gut besucht. Am Freitagabend hätten wir fast wieder Pech gehabt. Doch als alle Plätze im Saal besetzt waren, wurde auch noch der Oberrang des Kinos geöffnet. Im Nachhinein hätte ich es nicht bedauert, den Film verpasst zu haben. „Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss“ erzählt die Geschichte von Koralnik, dem besten Absolventen eines geheimen EU-Programms, das für gefährliche, antidemokratische Elemente schnelle und tödliche Lösungen bereitstellen soll, auf seiner erste Mission. Ein starker Plot, eine Persiflage auf amerikanische Agententhriller, das liest sich originell. Acht Jahre hat Koralnik auf den Tag seines ersten Einsatzes gewartet. Wie vorgeschrieben, hat er dabei alle sozialen Kontakte vermieden und ist dabei ein soziales Wrack geworden. Allerdings kommt ihm die drahtige Trickbetrügerin Rosa in die Quere und eine Odyssee beginnt. Die Filmbeschreibung klingt gut und Benno Fürmann als Auftragskiller Koralnik holt tatsächlich das bestmögliche aus seiner Rolle heraus.

Trotz starker darstellerischer und mimischer Leistung kämpft er auf verlorenem Posten gegen das schwache Drehbuch und die lahmen Dialoge. Nach knapp eineinhalb Stunden ist der Film endlich zu Ende, immerhin die Moral des Films wusste zu überzeugen. Regisseur Florian Mischa Böder beantwortet nun noch bereitwillig Fragen. Dabei erntet er zahlreiche Komplimente. Ich hingegen mache große Augen, als er den Film „Brügge sehen...und sterben?“, ein Meisterwerk des Genres, als eine Inspirationsquelle nennt. Sprachlos kann ich mich nur selbst fragen, was ihn inspiriert hat, denn an witzigen, scharfzüngigen und pointierten Dialogen fehlt es in Böders Film fast vollständig. Das originellste am Film ist leider sein Titel. Als „Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss“ am Samstag den Publikumspreis gewinnt, verschlägt es mir die Sprache und ich frage mich, was in aller Welt in den Untertiteln stand. Der große Gewinner des Festivals ist aber – zurecht – der polnische Regisseur Jerzy Stuhr. Für seinen Film „Obywatel“ (Bürger) gewann er den Preis für den besten Film und das beste Drehbuch. In diesem verarbeitet er sechzig Jahre polnische Geschichte als satirische Tour de Force. Stuhr schrieb das Drehbuch, führte Regie und spielte auch die Hauptrolle.

Mit weiteren Preisen wurden Candela Peña als beste Schauspielerin für ihre Rolle in „Las ovejas no pierden el tren“ und Zsolt Kovács für seine Darbietung in „VAN valami furcsa és megmagyarázhatatlan“ ausgezeichnet. In der Kategorie Kurzfilm gewannen „Who’s Up?“ (Unabhängiger Kurzfilm) sowie „Chinese Treachery“ (Studentischer Kurzfilm). Die russische Produktion  „The taste“ wurde zudem besonders durch die Jury hervorgehoben. Neben tollen Filmen gab es außer Bödes Film tatsächlich viele gute, aber vor allem die Klausenburger selbst haben das Festival zu einem Erfolg gemacht. Am Sonntag, um 11 Uhr, wird der erste Gewinnerfilm gezeigt, Slim ist natürlich rechtzeitig wach. Ich entscheide mich nach einer langen Klausenburger Nacht – aus Hermannstadt bin ich dies gar nicht mehr gewöhnt – für eine oder zwei weitere Stunden Schlaf. Als wir uns am Nachmittag auf einen Kaffee treffen, hat er bereits neunzehn Filme gesehen. Eine ordentliche Leistung in zehn Tagen, doch während des TIFF war seine Ausbeute besser, sagt er leicht enttäuscht. Zum Abschied gibt er mir noch eine Liste mit Filmen des Festivals, die ich unbedingt sehen müsse.




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