Cornelia Travnicek liest in Bukarest

Eine Veranstaltung des Österreichischen Kulturforums im Seneca Anticafé

Freitag, 25. Mai 2018

Bianca Șahighian (l.) im Gespräch mit der Autorin Cornelia Travnicek
Foto: Michael Marks

Ungewöhnliche Autoren brauchen auch einen ungewöhnlichen Rahmen. Cornelia Travnicek ist, obwohl klein von Statur, durch ihre dicken Rasta-Zöpfe rein physisch schon eine ungewöhnliche Erscheinung. Da passte es ganz gut, dass sie hier in Bukarest in der entspannten Atmosphäre des Seneca Anticafés auftrat. Ungewöhnlich klingt auch ihr Lebenslauf: Als Sinologin und Informatikerin beschäftigt sie sich beruflich mit Virtual Reality und Visualisierung, und aus dem Chinesischen übersetzt sie auch. Trotzdem schreibt sie schon seit frühester Jugend Prosatexte und Lyrik. Eingeladen auf diese Lesereise durch Rumänien hatte das Österreichische Kulturforum Bukarest in Zusammenarbeit mit der Österreich Bibliothek in Bukarest und Klausenburg, die dort mit dieser Veranstaltung gleichzeitig ihr 15-jähriges Jubiläum feierte. Daher begrüßte der Direktor Thomas Kloiber die Anwesenden und die Journalistin Bianca Șahighian, die auch das Gespräch mit der Autorin moderierte.

Ihren literarischen Durchbruch verdankt die 1987 in St. Pölten geborene Travnicek (die Anspielung auf die Kunstfigur von Qualtinger sind ihr bekannt) ihrem Kult-Roman „Chucks“, der mehrfach ausgezeichnet und mittlerweile auch verfilmt (DOR Film, 2015: „Chucks“, Regisseure: Sabine Hiebler, Gerhard Ertl) wurde. Aus diesem trägt sie hier vor und in Klausenburg konnte auch der Film angeschaut werden.

„Chucks“ oder „Converse“, so erläutert Travnicek, sind eigentlich ziemlich teure, dabei dysfunktionale Basketballschuhe, meist aus Stoff ohne ordentliche Sohle, die eine Zeitlang bei Punks besonders beliebt waren, später dann zum allgemeinen Modetrend für Teenager avancierten. Im Roman nimmt sich die Hauptperson Mae die knallroten Chucks ihres an Krebs verstorbenen Bruders als einzige Erinnerung. Die waren ein letztes Geschenk der Eltern für den Todkranken – ein Akt der Hilflosigkeit also, denn im Krankenhaus sind solche Schuhe völlig unnütz. Auf ihren Sohlen begegnet Mae der Punkerin Tamara, mit der sie sich eine Zeitlang auf den Straßen und Plätzen Wiens herumtreibt. Später wird sie vom allzu ordentlichen Architekten Jacob aufgelesen, trifft den aidskranken Paul, in den sie sich verliebt und dessen Sterben sie bis zum Schluss begleitet.

Ein Jugendroman, den die Autorin häufig in Schulen, oder wie hier in Bukarest, den hiesigen Germanistikstudenten in Workshops näherzubringen sucht. Durch die Struktur, die Travnicek für diese Geschichte gewählt hat, werden „schlaglichtartig einige Szenen beleuchtet“, Erinnerungen oder Assoziationen folgen aufeinander, die nichts direkt miteinander zu tun haben. Die Hauptfigur der Mae lernt man so erst allmählich kennen, sie muss sich der Leser erst erschließen. Schülern erklärt sie ihr Werk als Mosaik aus vielen kleinen, bunten Steinchen. Erst wenn alles zusammenkommt, man schließlich zurücktritt, erkennt man das ganze Bild.

Auf die Frage, wie sie auf die Figur der Mae gekommen ist, gibt sie zu bedenken, dass es nicht nur eine Inspiration gebe. Manchmal gäbe es eine kleine Idee, an der wie in einem Kristallisationsprozess andere Ideen anhafteten. So wollte sie eine Mädchen-Figur schaffen, die nicht lächeln muss, um z. B. anderen zu gefallen, keine verbindliche, freundliche Person. Allerdings sollte sie nicht ohne Grund grantig sein, der Tod des Bruders und infolge das Auseinanderbrechen der Familie lasten auf ihr. Auch wenn Mae eine Weile auf der Straße lebt, wird sie jedoch nie ganz ein Teil davon, wird nie zum Junkie. Zur Punkerszene hat Travnicek eigens Feldforschung in Wien angestellt und dabei, neben tragischen Lebensläufen, auch Menschen von hoher Intelligenz, z. B. einen Mathematiker, kennengelernt. Darum hat sie sich bemüht, den Punkern eine etwas andere Agenda zu geben, sie nicht als asoziale Objekte darzustellen. Zum Thema Aids hat Travnicek eine persönliche Beziehung durch den Verlust zweier Menschen. Wichtig ist ihr, Aids-Kranke als normale Menschen zu schildern. Kein Buch über Aids-Kranke, sondern eines, in dem sie eine Rolle als Person spielen. Ein todtrauriges Buch also? Das war die Absicht, aber immer wenn es sehr traurig wurde, gerieten ihr die Szenen – und da sei sie eben sehr österreichisch – derb oder lustig. Nach dem Spruch von (Johann Nepomuk) Nestroy „Wenn alle Stricke reißen, häng` ich mich auf“.

Dass ihr Roman mit seiner besonderen Struktur nicht eins zu eins in das Medium Film zu übersetzen ist, war ihr bei der Zusammenarbeit mit den Regisseuren Sabine Hiebler und Gerhard Ertl von Anfang an klar. Da sie letztlich auch in die Dreharbeiten involviert war (sie spielt in zwei kleinen Szenen sogar mit) kann sie gar nicht beantworten, ob und was ihr am Film gefallen habe, dazu sehe sie zu viele Details, auch Hinweise auf Szenen, die dann gar nicht im Film enthalten waren. Dennoch habe sie ihn inzwischen wohl an die 15 Mal gesehen und eigentlich jedes Mal anders. So habe sie sich einmal nur auf das Gesicht der Hauptdarstellerin konzentriert und war überrascht über deren Mimik. Auf dem Montreal World Film Festival, wo der Film den Publikumspreis gewann, habe sie darauf geachtet, ob der Humor auch in der englischen und französischen Übersetzung erhalten bliebe, besonders bei einer Szene, in der es um eine bizarre Tupper-Party im Hause der Mutter von Mae geht.

Ein Aspekt, der für viele Autoren ein Problem darstellt, zumal wenn sie wie hier eine Ich-Erzählform wählen, ist, dass die Leser den Autor mit der fiktiven Hauptperson des Buches gleichsetzen. Tatsächlich gebe es keinerlei autobiografischen Bezug, aber selbst in ihrer kleinen Heimatgemeinde fragten die Leute ihre Mutter, ob sie geschieden sei, obwohl sie ihre Familie eigentlich besser kennen müssten. „Manche guten Geschichten sind einfach wahrer als die Wahrheit. Die besten Anekdoten sind die, die sich jeder merkt, die können noch so unwahr sein, aber Anekdoten überleben immer.“

Ob sie denn ihr Buch heute, im Abstand von etlichen Jahren, denn noch einmal anders schreiben würde, wird Travnicek zuletzt gefragt. Sicher würde man das, aber man müsse auch mal sagen, jetzt ist es genug, für diesen Zeitpunkt passt das. Darum hätte sie sich auch entschlossen, „das lass ich jetzt so stehen“.

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