Corona und Bartholomä (II)

Anmerkungen zum historischen Verhältnis zwischen den Kronstädter Stadtteilen Innere Stadt und Altstadt

Sonntag, 10. März 2013

Um das Jahr 1300 wurde die Klosterkirche zu einer Pfarrkirche der aufblühenden Stadt Corona, getragen vor allem von den begüterten Familien. Zeitgleich wuchs die Pfarrkirche St. Bartholomä ab etwa 1260 auf den Grundmauern der 1241 zerstörten alten Kirche empor, finanziert von einer wohlhabenden Landbevölkerung.

Damals markierte die Kirche noch den Ortsmittelpunkt, d. h. die Siedlung Bartholomä dehnte sich noch weit in das Burzenland aus. Parallel zur großen Fliehburg auf der Zinne entstand auf dem Gesprengberg eine kleinere Festungsanlage. Beide konnten nicht verhindern, dass im späten 13. und frühen 14. Jahrhundert wiederholt Mongoleneinfälle die mittlerweile drei Siedlungskerne verwüsteten, sodass die mehrheitlich aus Holz bestehenden Häuser immer wieder aufgebaut werden mussten.

Zwischen dem frühen 14. und frühen 15. Jahrhundert erlebte Kronstadt eine längere Friedensphase, die zu einer grundlegenden Umgestaltung der Ortsstruktur führte. Die Nähe zu den Karpatenpässen, die Siebenbürgen mit der Moldau und der Walachei verbinden, ermöglichte Kronstadt im Spätmittelalter einen rasanten wirtschaftlichen Aufstieg, der von zahlreichen Privilegien der ungarischen Könige begleitet wurde. Die Siedlung unter der Zinne explodierte förmlich und entwickelte sich – neben Hermannstadt und Klausenburg – zur größten siebenbürgischen Stadt, die eine herausragende Stellung im Fernhandel zwischen Mitteleuropa und dem Orient erlangte.

Nachdem Kronstadt auch zum politischen Vorort des Burzenlandes aufgestiegen war, schloss sich der Burzenländer Distrikt 1486 der „Sächsischen Nationsuniversität“ an. Damit kamen die Stadt und ihr Umland endgültig in den Genuss aller Selbstverwaltungsrechte, die Hermannstadt bereits seit dem 13. Jahrhundert besaß.

Dieser Schritt war auch die Folge einer neuen auswärtigen Bedrohung: Seit dem späten 14. Jahrhundert erreichten osmanische Stoßtrupps Siebenbürgen, und vor allem der „Türkeneinfall“ von 1421 führte zu einem forcierten Ausbau des Kronstädter Stadtmauerrings.

Die Lage zwischen den Bergen verhinderte die Einbeziehung der Vororte in die Stadtbefestigung, ein Umstand, der maßgeblich zu einer unterschiedlichen Entwicklung der Stadtteile Innere Stadt und Bartholomä beitrug. Während ein selbstbewusstes Patriziat materielle Werte im Schutz der Stadtmauern sicher akkumulieren konnte, wurde die ländliche Siedlung Bartholomä – wie die anderen Vorstädte auch – in Kriegszeiten regelmäßig dem Erdboden gleichgemacht.

Manchmal wurden die Vorstädte von der Kronstädter Stadtführung selbst in Brand gesteckt, um den Feinden keine Deckungsmöglichkeiten vor den Stadtmauern zu bieten. Deshalb war es verboten, in der Altstadt und in der Blumenau steinerne Häuser zu errichten. Die Fliehburgen auf der Zinne und auf dem Gesprengberg verloren ihre ursprünglichen Funktionen, die Bevölkerung aller Stadtteile suchte von nun an Schutz hinter den starken Mauern der Inneren Stadt.

Ein alter Druck, der im Jahr 1500 in Straßburg erschien, beschrieb die Folgen des 1458/1460 gegen Kronstadt geführten Vergeltungsfeldzuges des walachischen Woiwoden Vlad  Ţepes: „Item (=ebenso) er hat auch San(k)t Barholomeus Kirch lassen verprennen und alle Ornat und Kelch von dannen und hyn weg genummen“. Dieser Bedrohungslage zum Trotz stellte neben der Stadtschule eine eigene Bartholomäer Schule den Unterricht der in diesem Stadtviertel lebenden Kinder sicher, deren erste urkundliche Erwähnung aus dem Jahr 1502 bzw. 1520 stammt.

Die Struktur Kronstadts beschrieb Johannes Honterus 1547 in einem Brief an seinen Freund, den Schweizer Humanisten Sebastian Münster: „Kronstadt hat drei Vorstädte, die in Tälern verstreut liegen, deren Bewohner in der einen Bulgaren /dies sind Walachen/, in der anderen Ungarn und in der dritten sächsische Ackerbauern sind.“

Die Bewohner der Vorstädte besaßen nicht den Rechtsstatus eines Vollbürgers der Stadt, sie waren aber ebenso steuerpflichtig wie jene der Inneren Stadt und trugen folglich mit ihren Abgaben ebenfalls zum Bau der Stadtbefestigungen bei, die zwar ihr Leben, nicht aber ihre Häuser schützen konnten. Diese Erfahrungen teilten die Bartholomäer mit den Bewohnern der anderen Vorstädte, deren Schicksal ebenfalls von dem politisch führenden Patriziat der Inneren Stadt abhing.

Als selbstbewusste Stadtrepublik griff Kronstadt ab dem 14. Jahrhundert in die „Große Politik“ der ungarischen Könige sowie der Woiwoden der Moldau und der Walachei ein. Seinen politischen Einfluss konnte Kronstadt auch im autonomen Fürstentum Siebenbürgen, das im 16. und 17. Jahrhundert unter der Oberhoheit des osmanischen Sultans stand, ausbauen.

Kronstadts Netzwerke stellten eine wichtige Voraussetzung für die rasche Verbreitung der Reformation unter allen Sachsen Siebenbürgens dar. Allerdings wurde die Stadt in den Strudel der habsburgisch-osmanischen Auseinandersetzungen um Siebenbürgen hineingezogen, die vor allem zwischen 1593 und 1711 Corona mehrmals an den Rand des wirtschaftlichen Ruins brachten. Krisenzeiten lassen bekanntlich Charakteristika besonders hervortreten. Dass Pragmatismus später als typische Verhaltensform der Kronstädter galt und ihre Skepsis bezüglich übergeordneter politischer Einheiten sprichwörtlich wurde, hat mit den kollektiven Erfahrungen dieser Stadt während der Frühen Neuzeit zu tun.

Kronstadt erkannte in den 1530er Jahren lange vor Hermannstadt die Aussichtslosigkeit des Festhaltens am Bündnis mit den Habsburgern, die ihren sächsischen Alliierten im Kampf gegen den ungarischen Gegenkönig Johann Szapolyai statt Soldaten oder Subsidien lediglich Durchhalteparolen sandten. Der Frontwechsel Coronas schonte die kriegsbedingt zusammengeschmolzenen Ressourcen der Stadt, die im Vergleich mit Hermannstadt den 1526 ausgebrochenen ungarischen Bürgerkrieg besser überstand.

Auch das Misstrauen gegenüber den eigenen Fürsten bewahrte Kronstadt vor dem Schicksal Hermannstadts, das Fürst Gabriel Báthory 1611 die Schlüssel der Stadt ausgehändigt hatte und dafür mit der Ausplünderung und Vertreibung der Bevölkerung bestraft wurde. Diesen Fehler begingen die Kronstädter Ratsherren nicht, aber ihr Selbstbehauptungswille führte zur Zerstörung der meisten sächsischen Gemeinden des Burzenlandes. Von mehreren hundert Häusern in der Kronstädter Altstadt widerstanden nur zehn den Flammen.

(Fortsetzung folgt)

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