Das Beispiel Nachbarschaften

Die 10. Ausgabe der Deutschen Kulturtage Schäßburg fand vom 4. bis zum 7. Juni statt

Dienstag, 09. Juni 2015

Die Deutschen Kulturtage fanden in Schäßburg am vergangenen Wochenende zum zehnten Mal statt.

Bei der Eröffnung überreichte Martin Bottesch den beiden Vorsitzenden Stefan Gorczyca (l.) und Dr. Karl Scheerer (r.) die 25-Jahre-DFDR-Ehrenmedaille.

Sächsische Lieder und Gedichte boten die „Sälwerfäddem“...

... und Tänze die Jugendtanzgruppen aus Schäßburg, Hermannstadt, Neumarkt und Mühlbach, die sich anschließend zum Gruppenfoto stellten.

Einen Walzer zeigten die Drittklässler heuer.

Nachbarschaftsladen und –zeichen sind in der Ausstellung im Predigerhaus zu sehen, in die Wilhelm Fabini (r.) einführte.
Fotos: Hannelore Baier (3), Sabine Brühnig (2), Wilhelm Fabini (1)

Schäßburg  – Die Deutschen Kulturtage stellen den Höhepunkt in der Tätigkeit des Deutschen Forums in Schäßburg/Sighisoara dar, sagte Dr. Karl Scheerer, der stellvertretende Vorsitzende des Verbands, in seiner Begrüßungsansprache. In Zusammenarbeit mit mehreren Partnern über mehrere Tage organisiert, stehen jeweils Themen mit Bezug zu der Kokelstadt, deren Vergangenheit und Gegenwart, im Mittelpunkt. Im vorigen Jahr war es die Schule gewesen, 2013 das Handwerk und 2011 die Wehranlagen, zum Beispiel. Für die diesjährige zehnte, und also Jubiläumsausgabe, hatte man sich für die „Gemeinschaft am Beispiel der Schäßburger Nachbarschaften“ entschieden. Schäßburg ist nämlich nicht bloß jener siebenbürgische Ort, dessen Nachbarschaften sich mit der frühesten dokumentarischen Erwähnung – von anno 1526 – loben kann, sondern auch jener, der diese Strukturen als einzige Stadt in der Nachkriegszeit wiederbelebt hat und in der sie immer noch bestehen. 

Die feierliche Eröffnung der Kulturtage fand heuer – wegen des instabilen Wetters – im Festsaal des Rathauses statt und nicht am Platz vor dem Forumssitz. Statt vom Stundturm ertönte das Trompetenblasen von der Empore des Saales. Begrüßt wurden die zahlreichen Teilnehmer und Gäste von Dr. Karl Scheerer in deutscher und vom Forumsvorsitzenden Stefan Gorczyca in rumänischer Sprache. In seinem Grußwort erwähnte Bürgermeister Ionel Gavrila, dass die Siebenbürger Sachsen die Städtekultur und Baudenkmäler geschaffen haben, die es zu bewahren gilt, die deutsche Konsulin Judith Urban sprach die funktionierende Nachbarschaft zwischen Deutschem Forum und Rathaus an, das seine Tore für die Kulturtage öffnete.

An der Eröffnungsveranstaltung teilgenommen haben der DFDR-Ehrenvorsitzende Dr. Paul Philippi und Martin Bottesch, der Vorsitzende des Siebenbürgenforums. Der Letztgenannte ging auf die Tätigkeit des Deutschen Forums in den 25 Jahren seit seiner Gründung ein und überreichte den beiden Schäßburger Forumsvorsitzenden die DFDR-Jubiläumsmedaille. Die Grüße der Heimatortsgemeinschaft überbrachte deren stellvertretender Vorsitzender Harald Gitschner, der vor zehn Jahren zu den Initiatoren der Veranstaltungsreihe in Schäßburg gehört hatte. Traditionsgemäß bot eine Grundschulklasse der Bergschule eine Tanzdarbietung, wobei es diesmal jedoch kein Volkstanz war: Zwischen Podium und Sitzreihen etwas eingezwängt, zeigten die Drittklässler unter Leitung von Lehrerin Karola Fröhlich einen anmutigen Walzer. Volkstänze fehlten aus dem Programm jedoch auch heuer nicht, aufgeführt wurden sie von den Jugendtanzgruppen aus Schäßburg, Hermannstadt/Sibiu, Neumarkt/Tg. Mures und Mühlbach/Sebes bei strahlend blauem Himmel am Samstagnachmittag, wie üblich, am Burgplatz.   
 
Die Problematik der diesjährigen Deutschen Kulturtage wurde in drei Vorträgen behandelt. Unter dem Titel „Freiheit und Unterordnung – Wesensmerkmale der siebenbürgisch-sächsischen Gesellschaft“ bot Dr. Karl Scheerer einen Ein- und Überblick über die eigenständigen Organisationsstrukturen der Siebenbürger Sachsen, in denen sich die „verblüffende Dialektik“ (Dr. Scheerer) der Freiheit nach außen hin, um die kollektiven Rechte zu behaupten, und Unterordnung in den Binnenstrukturen bis in die Neuzeit erhalten haben. Darin bestehe kein Gegensatz, sondern eine notwendige Ergänzung, so der Redner. Erinnerungen an das Nachbarschaftsleben verflocht Pfarrer i.R. Rolf Binder mit Bibelzitaten, anhand derer er nachwies, dass die Nachbarschaftslade ihren Ursprung in der israelitischen Bundeslade hat und auch die Rituale des Öffnen und Schließens der Truhe sowie Weiterreichen nicht erst mittelalterlichen Ursprungs sind. Über die Geschichte und Gegenwart der Schäßburger Nachbarschaften sprach die Verfasserin dieser Zeilen. Ja, es gibt sie noch, die Nachbarschaften in Schäßburg, und zwar bestehen zwei Männer- und fünf Frauennachbarschaften, den aktuellen Bedingungen angepasst.

Einer der Schwerpunkte der Ausstellung im ehemaligen Predigerhaus ist den Nachbarschaften gewidmet, die Truhen und Nachbarzeichen stellte Wilhelm Fabini am Samstagvormittag vor. In sächsischen Liedern kommt die Nachbarschaft nicht vor, in das Konzert der von Lehrerin Christa Rusu geleiteten Schäßburger „Sälwerfäddem“ wurden jedoch Reime von Schuster Dutz und Otto Piringer über Nachbarn eingeflochten. Behandelt werden die Nachbarschaften selbstverständlich von Dr. Gheorghe Baltag in seinem Buch „Sighisoara – Schäßburg – Segesvár“, dessen zweite Auflage in rumänischer Sprache (es gibt auch eine deutsche Fassung) Dr. Scheerer im Beisein des Autors vorstellte. Den vorhandenen nachbarschaftlichen Geist stellten rund sechzig Schäßburger im Schänzchen unter Beweis und ließen die Kulturtage beim gemütlichen Beisammensein ausklingen.

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