DAS BZ-GESPRÄCH

Interview mit Traian Orban, dem Vorsitzenden des Vereins „Gedenkstätte der Revolution“

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Traian Orban, von Beruf Tierarzt, wurde während der rumänischen Revolution von 1989 verletzt. Heute leitet er den Verein „Gedenkstätte der Revolution“.

In der Gedenkstätte der Revolution sind Modelle der zwölf Denkmäler zur Erinnerung an die Gefallenen von 1989 ausgestellt.

Die Gedenkstätte der Revolution befindet sich in der Nähe des Domplatzes. „Das Dach sollte dringend saniert werden“, sagt Vereinsleiter Traian Orban.
Fotos: Zoltán Pázmány

In diesem Jahr wird der 27. Jahrestag der rumänischen Revolution begangen, die von Temeswar ausgegangen ist. Damals, vor 27 Jahren, brach in der Stadt an der Bega die Hölle los – Tote, Verletzte, Verzweiflung, aber auch Hoffnung prägten die Tage vom 16. bis zum 22. Dezember, als das kommunistische Regime unter Diktator Nicolae Ceauşescu unter gewaltsamen Umständen gestürzt wurde. Den Verein „Gedenkstätte der rumänischen Revolution von 1989“ gibt es seit 1990 in Temeswar. Ziel der Organisation ist, die Menschen über einen der wichtigsten Momente in der jüngsten Geschichte Rumäniens zu informieren. Die Gedenkstätte – die einzige dieser Art in Rumänien - befindet sich in einem sanierungsbedürftigen Bau in der Popa-Şapcă-Straße Nr. 3-5 und beherbergt Dokumente und Fotos, aber auch andere Exponate zur rumänischen Revolution von 1989 in Temeswar. 27 Jahre nach der Revolution traf Raluca Nelepcu den Vereinsvorsitzenden und Revolutionär Traian Orban und führte mit ihm folgendes Gespräch.     


Es sind 27 Jahre seit der Revolution von 1989 vergangen. Inwiefern ist noch der Geist der Revolution in Temeswar zu spüren?

Es sind 27 Jahre vergangen und wir versuchen, den Geist der Revolution immer wieder aufleben zu lassen, ihn täglich in unserer Arbeit zur Wahrung und Bekanntmachung der jüngsten Geschichte unserer Stadt und unseres Landes zu erwähnen. Die Menschen sind sehr offen, wenn du ihnen objektiv und gut dokumentiert diesen Geschichtsmoment präsentierst. Auch wenn die Besucher manchmal ohne jegliche Erwartungen zu uns kommen, so ändert sich dies, nachdem sie sich unsere Ausstellungen, Fotos und Filme anschauen. Dann stellen sie fest, dass die rumänische Revolution von Temeswar ein dramatischer Augenblick gewesen ist, ein besonderes Moment, der den Temeswarern und der Rumänen ihre verlorene Würde zurückgegeben hat, die während der kommunistischen Diktatur zertrampelt worden war.

Es ist ein sehr wichtiger Moment unserer jüngsten Geschichte. Dennoch wird in den Geschichtsbüchern nach wie vor wenig davon berichtet...

Das Hauptziel der Gedenkstätte der Revolution ist, der jungen Generation unsere Geschichte vorzustellen. Wir haben eine gute Zusammenarbeit mit dem Temescher Kreisschulamt und mit der West-Universität, mit denen wir verschiedene Projekte abwickeln. Sie schicken die Schüler und Studierenden zu uns, was uns sehr freut. Es stimmt: Die Geschichtsbücher umfassen wenige Daten über diesen Moment, aber wir haben, zum Beispiel, an einem interessanten Projekt mit der Nikolaus-Lenau-Schule zusammengearbeitet. Eine Gruppe von Lehrern aus Deutschland ist mit den Schülern zu uns gekommen, um Geschichte zu erleben  - wir stellen den Schülern die Revolution auch auf Deutsch vor. Die Lehrer haben ein Geschichtsbuch für die Lyzealschüler der Lenau-Schule erstellt. Die Lenau-Schüler kennen also besser unsere jüngste Geschichte als andere Schüler. Vielleicht. Es ist eine sehr gute Sache gewesen und wir hoffen, dass diese Aktion ausgebaut wird. Das hängt immer von den jeweiligen Lehrern ab. Unter den älteren Professoren hat es auch solche gegeben, die über die Erfolge des Sozialismus gesprochen haben. Die Schüler waren angeekelt von solchen Unterrichtsstunden. Was wir machen, ist etwas völlig anderes. Wenn die Schüler die Gedenkstätte besichtigen, dann ändern sie ihre Meinung und lernen vieles dazu. Die Kinder müssen den Geschichtsmoment respektieren, aber sich auch freuen über die Freiheit, die wir infolge der Revolution gewonnen haben. Viele Jugendliche wissen das nicht zu schätzen - sie nehmen das alles selbstverständlich wahr.

Inwiefern werden die Helden der Revolution geehrt? Wie finden Sie, dass der Temeswarer Heldenfriedhof aussieht?

Vor zwei Jahren hat die Gedenkstätte der Revolution einige Reparaturen an den schwarzen Grabsteinen auf dem Heldenfriedhof vorgenommen. Wir haben auch die Kapelle sanieren lassen. Wir wollen im kommenden Jahr das Hauptdenkmal – jenes mit der ewigen Flamme – sanieren lassen, denn es bedarf einiger Reparaturen. Wir sind dem Kommunalrat dankbar, dass er seit 26 Jahren das Gas für dieses ewige Licht bezahlt. Die Bevölkerung legt Kränze an den Denkmälern nieder.

Es ist normal: die Menschen vergessen vieles. Aber unsere Mission besteht darin, die Menschen moralisch aufzuwühlen und sie zu informieren, damit sie nicht vergessen. Wir haben einen Verlag der Gedenkstätte der Revolution, wo wir verschiedene Forschungsarbeiten veröffentlichen, Bücher – wir haben vor Kurzem die dritte Ausgabe des Lexikons über die rumänische Revolution von 1989 in Temeswar herausgebracht.

Es ist schade, dass nicht mehr Rumänen in die Gedenkstätte kommen – die meisten unserer Besucher sind Ausländer. Wir stellen den Besuchern die rumänische Revolution in acht Fremdsprachen vor. Im Ausland gibt es ein besonderes Bildungssystem, wodurch Kinder schon von klein an durch Museen und zu verschiedenen Kulturevents geführt werden. Sie lernen, wie eine Ausstellung besichtigt wird - was hierzulande nicht der Fall ist. Dort beginnt das schon in der Familie.

Die Stadt plant, die Garnisonskommandantur am Freiheitsplatz zu übernehmen, um dort ein Museum der Revolution einrichten zu lassen. Wie stehen Sie dazu?

Über den Bau und die Einrichtung des Revolutionsmuseum wird gesprochen. Wir können diese Initiative nicht bekämpfen. Unser Plan ist, die Gedenkstätte der Revolution, die ebenfalls in einer ehemaligen Militärkaserne untergebracht ist, sanieren zu lassen und nicht dieses Gebäude zu verlassen. Es werden Gespräche geführt, ohne dass wir gefragt werden, über unsere Köpfe hinweg. Für die Kommune wäre es viel einfacher, dieses Gebäude sanieren zu lassen – denn es regnet in dieses Gebäude herein. Dennoch fragen wir uns: wenn sie ein solches Museum einrichten:  Was werden sie ausstellen? Alles Sehenswerte befindet sich hier, bei uns. Wir planen nicht, umzuziehen, denn wir haben dieses Gebäude zum Teil aus eigenen Mitteln saniert, das Gebäude ist eingeweiht, wir haben hier auch eine Kapelle für die Helden der Revolution eingerichtet, wie wir das auch in dem ehemaligen Gebäude gemacht haben, auf das jemand ein Auge geworfen hatte. Vielleicht möchte auch diesmal jemand dieses Gebäude haben. Ich glaube nicht, dass es richtig ist, solche Investitionen durchzuführen, ohne dass wir gefragt werden. Solche Initiativen werden meist in den Wahlkampagnen bekannt gegeben, der Wahlkampf ist aber jetzt vorbei und auf diese Idee wird nicht mehr gedrängt. Wir hoffen, dass das bestehende Gebäude der Gedenkstätte saniert wird und wir den wichtigen Geschichtsmoment der rumänischen Revolution von 1989 in geeigneten Räumen vorstellen können.

Welchen Beitrag wird die Gedenkstätte der Revolution zum Projekt „Temeswar – Kulturhauptstadt 2021“ leisten?

Wir haben dieses Projekt von Anfang an unterstützt. Die Existenz der Gedenkstätte der Revolution als kleines Revolutionsmuseum, des Heldenfriedhofs und der zwölf Denkmäler in der Stadt sind eigentlich ein Markenzeichen Temeswars. Die Denkmäler, die an den Orten errichtet wurden, wo Menschen gestorben sind, können für touristische Rundgänge genutzt werden. Unter den Bedingungen, dass Temeswar Gelder heranzieht, um wichtige Investitionen durchzuführen, hoffe ich, dass auch uns einige Summen für die Sanierung und Konsolidierung des Gebäudes bereit stehen werden.

Gibt es in diesem Museum auch einen Abschnitt, der der Temeswarer Studentenrevolte von 1956 gewidmet ist?

Nein. Wir befassen uns nicht mit diesem Thema. Aber wir haben Beziehungen zu dem Verein der ehemaligen politischen Häftlinge und zu dem Verein der ehemaligen Bărăgan-Vertriebenen. Wir haben begonnen, Aussagen von den Zeitzeugen, die noch am Leben sind, aufzunehmen. Die Gedenkstätte der Revolution wurde in Erinnerung an die Märtyrer der Revolution von 1989 errichtet, aber auch als Folge des Kampfes der ehemaligen politischen Häftlinge, der Opfer des Kommunismus. Wir müssen die jüngste Geschichte der Revolution an die Leiden der ehemaligen politischen Häftlinge und Deportierten binden. Wir selbst sind kein Verein der Revolutionäre.

Wie kommentieren Sie die Ergebnisse der Parlamentswahlen 2016 in Rumänien?

Die Nichtbeteiligung an den Wahlen hat das Spiel der Gewinnerpartei gemacht. Wenn man sich nicht an den Wahlen beteiligt, weil man behauptet, man sei von allem angewidert und entmutigt, dann macht man das Spiel derjenigen, die infolge der Wahlen profitieren. Die Stimmen derjenigen sind konstant geblieben, ihre Wählerschaft ist konstant. Ich möchte nichts weiter kommentieren. Das wollte die Bevölkerung, das geschieht, und wir hoffen, dass sie jetzt was tun werden, denn wir sitzen hier seit vier Jahren und haben noch keinerlei Mittel bekommen. Ich bin ein unheilbarer Optimist und vermeide jegliche Streitigkeiten, denn das erklärte Ziel des Vereins „Gedenkstätte der Revolution“ ist, die Bevölkerung zu informieren. Ganz Temeswar war damals auf den Straßen, was zum Fall des Systems und zur Verhaftung des Diktators geführt hat. Was danach geschehen ist, hängt von der Art und Weise ab, wie Rumänien regiert wurde. Deswegen werden Wahlen organisiert. Aber die Menschen verstehen nicht, dass sie die Macht sind, die eine Mehrheit gerieren kann.

 


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