Das deutschsprachige Schulwesen in Rumänien

Donnerstag, 02. Oktober 2014

Folgende Zahlen geben einen Eindruck von der Ausdehnung des deutschsprachigen Schulnetzes in Rumänien: Im Schuljahr 2013-2014 gab es deutschsprachige Gruppen an 138 Kindergärten mit insgesamt 6206 Kindern. Allgemeinbildende Schulen mit Unterricht (auch) in der Sprache der deutschen Minderheit gab es 61, wobei in den acht Klassenstufen und der Vorbereitungsklasse insgesamt 13.376 Schülerinnen und Schüler eingeschrieben waren. Schließlich gab es deutschsprachige Klassen an 21 Lyzeen mit insgesamt 3269 Schülern. Das ergibt eine Gesamtzahl von über 22.800 Kindern und Jugendlichen, die im abgelaufenen Schuljahr in Rumänien in deutscher Sprache ausgebildet wurden. Die entsprechenden Einrichtungen machen etwa 0,5 Prozent des rumänischen Kindergarten- und Schulnetzes aus. Trotz des geringen prozentualen Anteils ist die Bedeutung dieser Kindergärten und Schulen nicht zu unterschätzen.

Die jährlich etwa 800 Abgänger deutschsprachiger Lyzeen, die das Abitur ablegen und danach größtenteils studieren, werden begehrte Fachkräfte für die Wirtschaft, besonders auch für die in Rumänien entstandenen Niederlassungen von Unternehmen aus dem deutschen Sprachraum. Andererseits haben die aus Deutschland in die Betriebe nach Rumänien entsandten Fachkräfte die Möglichkeit, ihre Kinder in deutschsprachige Schulen zu schicken. Der deutschen Minderheit in Rumänien ist selbstverständlich sehr an der Erhaltung des Unterrichts in ihrer Muttersprache gelegen, weshalb sie sich dafür auch politisch einsetzt und versucht, zur Lösung der Probleme beizutragen. Doch die Bedeutung des Unterrichts in deutscher Sprache muss auch in ihrer allgemein kulturellen Dimension gesehen werden: Allen, die die deutsche Sprache erlernt haben, steht der Zugang zur deutschen Kultur offen, sie werden nicht selten zu Vermittlern dieser Kultur.
    
Schwierigkeiten und Perspektiven

Die bisherigen Ausführungen legen den Schluss nahe, das deutschsprachige Schulwesen in Rumänien sei begehrt und würde sich in einer Phase der Entwicklung befinden. Doch es stimmt nur der erste Teil der Aussage: Begehrt ist es, die Zukunftsaussichten sind hingegen düster, und zwar aus dem einfachen Grund, weil immer weniger junge Menschen bereit sind, als Lehrer an einer deutschsprachigen Schule zu arbeiten. Dabei gäbe es in Rumänien genügend in deutscher Sprache ausgebildete Intellektuelle, doch der niedrigen Löhne wegen ist das Lehramt unattraktiv geworden. Wer in Rumänien studiert hat und die deutsche Sprache beherrscht, hat viele Möglichkeiten, wesentlich besser zu verdienen, als es im Lehramt der Fall ist. Insbesondere bietet die Industrie höhere Gehälter an, sodass bei der Berufswahl der Lehrerberuf von vornherein gewöhnlich nicht in Frage kommt. Das Problem ist für den deutschsprachigen Unterricht viel akuter als für den rumänischsprachigen, wo es zwar geografisch bedingt auch existiert, doch lassen sich da zumindest in den Städten viel leichter Lehrer finden.

Die deutschen Schulen gibt es fast ausnahmslos in Städten, dennoch wird der Lehrermangel an ihnen stets größer, weil die Abwerbung durch die Industrie bei den Jugendlichen, die Deutsch können, besonders groß ist. Als Beispiel sei das Brukenthalgymnasium in Hermannstadt genannt, eine der traditionsreichen deutschsprachigen Schulen, die dem Leistungsvergleich mit jeder anderen Schule des Kreises standhält. Gegenwärtig wird in dieser Schule nur etwa die Hälfte der Unterrichtsstunden auf Deutsch gehalten, da für verschiedene Fächer die deutschsprachigen Lehrer fehlen. Der Lehrermangel ist nicht das einzige Problem der deutschsprachigen Schulen in Rumänien. Ein anderes besteht darin, dass bei der relativ kleinen Schülerzahl die Lehrbuchverlage kein Interesse daran haben, Schulbücher in deutscher Sprache zu drucken, da so kleine Auflagen keinen Gewinn bringen. Doch in diesem Bereich lässt sich eher etwas tun, während zur Beseitigung des Lehrermangels – besser: zur Eindämmung des Lehrerschwunds – bisher kein wirksames Mittel gefunden wurde.

Gegenwärtig unterrichten in Rumänien rund 750 Lehrerinnen und Lehrer in deutscher Sprache. Darunter befinden sich Lehrkräfte für den Grundschulunterricht (Vorbereitungsklasse und Schulklassen 1-4), für den Unterricht des Faches Deutsch sowie Lehrkräfte, die Fachunterricht in deutscher Sprache erteilen. Viele dieser Lehrerinnen und Lehrer sind bereits älter und sehen der Rente entgegen, der Nachschub an jungen Kräften bleibt größtenteils aus. Die Erfahrung zeigt, dass dort, wo ein deutschsprachiger Klassenzug an einer Schule einmal aufgelassen wird, dessen Wiedereinrichtung kaum möglich ist. Trotz aller Vorzüge, die der Unterricht in deutscher Sprache in Rumänien hat, wird seine Zukunft nicht gesichert werden können, wenn das Problem des Lehrernachwuchses nicht gelöst wird. Der rumänische Staat kommt als Träger der Schulen für die Kosten des Unterrichts in deutscher Sprache auf. Er bietet auch die Möglichkeit zur Ausbildung deutschsprachiger Lehrer, doch ist bis derzeit kein Weg gefunden worden, Jugendliche zu motivieren, als Lehrer an deutschsprachige Schulen zu kommen oder Lehrer zu bleiben, wenn sich anderswo bessere Verdienstmöglichkeiten bieten. Ein junger Lehrer verdient netto etwa 200 Euro im Monat, dieses Gehalt steigt mit dem Dienstalter bis auf das Doppelte.

Das mittlere Nettogehalt liegt in Rumänien bei 380 Euro im Monat. Während die Lehrergehälter im ganzen Land die gleichen sind, honoriert die Wirtschaft die Zusatzkompetenz, die durch das Beherrschen der deutschen Sprache gegeben ist, durch bessere Entlohnung und trägt somit durch Abwerbung der in deutscher Sprache Ausgebildeten zur Vergrößerung des  Lehrermangels in den deutschsprachigen Schulen bei. Eine andere Lösung als die Schaffung eines finanziellen Anreizes für die in deutscher Sprache unterrichtenden Lehrer scheint es nicht zu geben. Um wirksam zu sein, müsste eine solche Maßnahme sich auf alle Schulen mit deutschsprachigen Klassen beziehen, weil sonst ein Teil davon untergehen würde und nach Wegfall der Basis einzelne Schulen als Inseln auch nicht mehr lange Bestand hätten. Angesichts des Nutzens, den beide Staaten, Rumänien und die Bundesrepublik Deutschland, von den deutschsprachigen Schulen in Rumänien haben, scheint eine gemeinsame Lösung im Rahmen bestehender Abkommen oder, falls erforderlich, eines neu abzuschließenden Abkommens wünschenswert.

Kommentare zu diesem Artikel

dan, 02.10 2014, 11:57
Herr Bottesch,

warum funktionieren private Schulen in Rumänien oft erfolgreicher als staatlich finanzierte? Hören Sie doch auf damit, immer nur nach staatlicher Unterstützung zu fragen.
Damit beschneiden Sie sich selbst die Möglichkeiten der Schulen, unanbhängigen, besseren Unterricht mit besser qualifizierten und motivierten Lehrern durchzuführen.
So wie das an privaten Schulen, z.B. in Bukarest, funktioniert.
Private Gymnasien mit deutscher und englischer Unterrichtssprache in Hermannstadt und Kronstadt wären sicher erfolgreich und überfällig.
Doch nein, man schiebt die Verantwortung in althergebrachter Manier lieber dem Staat zu....
dan, 02.10 2014, 11:52
Es gibt in Europa genügend Beispiele, die helfend können, das Finanzierungs- Problem zu lösen. Hier einige davon:

- Die Schule werden wie deutsche Privatschulen nur noch teilweise vom Staat finanziert, der Rest wird von Eltern und Stiftungen übernommen.
- im englischsprachigen Raum ist es Tradition, daß die Schulen und Hochschulen selbst anhand von Fundraising und Sponsoring-Aktivitäten ca. 30% des notwendigen Budgets aus der Wirtschaft, von Spendern etc. einsammeln
- warum können die Schulen nicht selbst eine Druckerei gemeinsam organisieren, wenn die Schulbuchverlage zuviel verdienen wollen?
Dafür gibt es EU-Hilfen.

Wo bleibt der Mut der Schuldirektoren, das Notwendige in Angriff zu nehmen?
Falls solche Aktionen wie die oben nicht die erwünschten Finanierungen bringen, kann zumindest nicht mehr der Vorwurf erhoben werden, daß die Schulleitungen untätig gewesen sind...
Es scheint oft so, daß die Verantwortlichen in den Schulen in Rumänien nicht in der Lage oder nicht gewillt sind, ihrer Verantwortung gerecht zu werden, und langjährig bekannte Probleme zu lösen.
Ein Blick über den Tellerrand in die EU ist überfällig.
Es braucht auch an den Schulen mehr Macher und weniger Bürokraten.

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